Wahrheitsliebe verfehlte nicht eines Eindrucks auf uns und wir freuten uns , als unser neuer Bekannte darum bat , uns begleiten zu dürfen . Er war , wie sich bald ergab , aus der Provinz Sachsen , hatte in der Garde gedient und war dann sechs oder sieben Jahre lang der Diener in einem altlutherischen Hause und der Pfleger eines einzigen gichtbrüchigen Sohnes gewesen . So war denn vieles erklärlich . Was ihn aus der großen Stadt in dies abgelegene Dorf geführt , erfuhren wir nicht . Erst über ein breites Brachfeld hin und bald danach einen Waldweg hinauf , erreichten wir die Kuppe des unser nächstes Ziel bildenden Kapellenberges und betrachteten den alten Bau , der seinerzeit diesem Berge den Namen gegeben . Zwei Wände sind eingestürzt , zwei stehen noch , so daß es auch für den Laien ein leichtes ist , sich alles wieder in Vollständigkeit vorzustellen . Es war eine gotische Kapelle , zehn Schritt im Quadrat , nach allen vier Seiten hin offen , genau nach Art jener Baldachine , denen man in alten Domen so oft über dem Altar begegnet . Ob dieser Bau vordem ein Wallfahrtsort war , ist schwerlich noch mit Sicherheit festzustellen , aber das scheint mir gewiß , daß er kirchlichen Zwecken und nur solchen diente . Die Konsolnische , darauf das Muttergottesbild stand , ist noch wohl erhalten und so muß es denn einigermaßen überraschen , in selbst guten Büchern auf folgende Versicherungen zu stoßen : » Es verrät nichts hier , daß das Gebäude jemals kirchlichen Zwecken gedient haben könne . Der Zweck desselben war ein militärischer ; es war eine Burgwarte . Das Gemäuer zeugt von hohem Altertum , und es ist mindestens möglich , daß es , wenn nicht aus der Slawenzeit , so doch aus der Zeit der deutschen Eroberung stammt . Es diente wohl als Zwischenstation für die Burgen Trebbin und Saarmund . « So viele Zeilen , so viele Fehler . 56 Der ganze Bau war niemals etwas anderes , als eine rechtwinklige Zusammenstellung von vier offenstehenden Portalen , genau das Gegenteil von Festung , Warte , Burg . Es ist ein Kapellchen aus dem vierzehnten oder vielleicht auch erst aus dem fünfzehnten Jahrhundert , so daß hier mutmaßlich ein Rechenfehler von dreihundert Jahren zu verzeichnen bleibt . An diesen Kapellenberg knüpfen sich zahlreiche Sagen , die , wie verschieden auch in ihrer Einkleidung , doch sämtlich auf das alte , namentlich in unserer Mark beliebte Thema hinauslaufen » daß daselbst ein Schatz vergraben sei « . Noch in diesem Jahrhundert kam ein Herr von Thümen ventre à terre von Berlin geritten , ließ Bauern und Tagelöhner wecken und zog in langer Kolonne den Berg hinauf , um unter dem alten » Bocksdornstrauch « , der die linke Kapellenecke mit seinem Gezweige füllt , bohren und graben zu lassen . Denn unter dem Bocksdornstrauche liegt der Schatz . Aber der Schatz kam nicht und der tolle Herr von Thümen mußt ' es schließlich doch wieder aufgeben , gerade so wie es hundert Jahre früher ( noch in der sächsischen Zeit ) auch sein Ahnherr , der alte Kreisdirektor von Thümen , hatte aufgeben müssen , » obwohlen der schon ganz nahe daran gewesen « . Die Sage von diesem alten Kreisdirektor aber , die noch von Mund zu Munde geht , ist die folgende : Es war wohl schon den dritten Tag und sie gruben immer noch . Da kamen sie bis an eine eiserne Türe mit einem Schlüsselloch , und durch das Schlüsselloch konnten sie hineingucken und eine mit Geld aufgehäufte Braupfanne sehen . Und auf dem Gelde saß der Böse . Der alte Kreisdirektor aber hat trotz alledem nicht ablassen wollen und hat angefangen zu parlamentieren und an den Bösen zu schreiben . Vorerst hat sich keiner finden wollen , um die Briefe zu bestellen , zuletzt aber hat sich doch einer gefunden , der Ebel hieß , und hat alle Nacht einen Brief vom alten Kreisdirektor auf den Kapellenberg getragen . Und immer , wenn er an die rechte Stelle gekommen , um den Brief hinzulegen , hat schon ein Brief vom Bösen dagelegen und ein Münzgroschen dabei als Botenlohn . So haben sie sich geschrieben hin und her , der Böse und der Herr Kreisdirektor , und immer um die zwölfte Stunde war Ebel auf dem Kapellenberg . Und der Böse schrieb zuletzt : » Der Herr Kreisdirektor solle wahr und wahrhaftig alles haben : aber den Briefträger müss ' er ihm geben und den Arm vom See , der die › Lanke ‹ heißt , auch « . Das hat aber der Kreisdirektor nicht gewollt , weil es Ebeln sein Leben und wohl auch noch andere Menschenleben gekostet hätt ' . Denn wenn der Böse erst den Seearm gehabt hätt ' , so wäre mancher mit ' m Kahn verunglückt oder im Winter auf ' m Eis und hätt ' ertrinken müssen . Alle Jahr hätte wenigstens einer ' ran gemußt . Und so ist denn die Braupfanne voll Geld nicht gehoben worden und liegt heute noch . So die Sage . Wir unsrerseits aber , als wir uns an dem Bocksdornstrauche zu schaffen gemacht , erblicken unter seinem Gezweige nichts als einen Haufen allerfleißigster Ameisen . Ein Avis an alle müßigen Schatzgräber , den Schatz da zu suchen , wo er liegt . Als wir noch plauderten und nach einem Aussichtspunkte suchten , zogen einige von Blankensee kommende Kirchgänger über den Berg , ihrem Nachbardorfe zu . Der Gottesdienst war also aus und wir gingen nunmehro zurück , um auch unsrerseits unsern Besuch in der Kirche zu machen . Unser freundlicher Begleiter verabschiedete sich am Eingange , mutmaßlich um uns nicht länger zu behindern , vielleicht auch aus sektirerischem Geist . Im Innern bot sich uns anfänglich nichts , was sich über den Durchschnittsinhalt alter Dorfkirchen erhoben hätte ; bei nährer Betrachtung aber zeigte sich doch mancherlei : Grabsteine , Bilder und Schildereien . Ein Epitaphium galt