Examen über Benno ' s erstmalige Anwesenheit in Wien fort ... Bei völliger Bekanntschaft über die Zwecke der Anwesenheit des jungen Mannes kam er auf den gestrigen » grausamen « Unfall mit dem » Fräulein von Pötzl « ... Das , was ihm , wie er sagte , ihr Pflegevater selbst schon erzählt hatte , konnte Benno bestätigen ... Es folgte das herzlichste Bedauern und die Mittheilung , daß einige Wochen lang für die arme Seele in » Maria zur Stiegen « würde gebetet werden ... Eine Klingel ging ... Der Diener von vorhin öffnete eine andere Thür ... Mit einem : Ich hab ' mich sehr gefreut ! und dem innigsten Händedruck wurde Benno von dem zuvorkommendsten aller Epigonen jener Gesellschaft , die der überfliegende Don Carlos mit dem Wort bezeichnet : » Da wo Ihre Domingos , Ihre Albas herrschen ! « an die Thür begleitet ... Noch zwei Zimmer und der unfreiwillige , von dem System des Staatskanzlers sonst mit jugendlicher Idealität urtheilende , jetzt wie ein geknicktes Rohr sich ihm nähernde - Posa stand vor dem neuen - Don Philipp ... Der Gefürchtete war an Wuchs etwas kleiner , als Benno ... Schmächtig , ebenmäßig gebaut , mit feinen , geistvollen Zügen ... Die Stirn breit und hochgewölbt ... Die Augen blau , die Nase mäßig gebogen , die Farbe der nicht schmalen Wangen blaß ... Die Lippen durch lange Gewöhnung - auch die Ehe macht Ehegatten ähnlich - fast habsburgisch geworden , doch abwechselnd belebt von Ironie ... Besonders auffallend blieb die schöne , wenn auch stark gerunzelte Stirnfläche , mit weit auseinander liegenden Augenbrauen ... Das Haar schon ergraut und mit erzwungener Jugendlichkeit geordnet ... Die Sprache nicht leise , etwas unverständlich ... Benno wußte , daß der Staatskanzler am Gehör litt ... Die freundlichste und herablassendste Begrüßung ... Man setzte sich ... Nebenan hörte man ein Klingen von Gläsern ... Benno staunte ... Jedenfalls war Schnuphase auf der Höhe seiner Mission ... Der Fürst ergriff eines von den eleganten großen und kleinen Büchern , die auf einem Tisch vor dem kleinen Kanapee lagen , steckte die Finger in die Blätter , klopfte in leichtem Taktrhythmus auf den Tisch und begann in geschmeidiger , fast zu regelrechter Rede alle ostensiblen Veranlassungen für Benno ' s Anwesenheit in Wien herzuzählen ... Dem Schmerz des Grafen Hugo , der zufälligen persönlichen Anwesenheit des Herrn von Asselyn bei dem Unglück mit Angiolina Pötzl trug er mit unverstellter Theilnahme Rechnung ... Dann kam er auf den Oberprocurator Nück , mit dem er seit Jahren » immer sehr gern zu thun « gehabt hätte , auf die Empfehlungen , die ihm » Doctor Nück « über Herrn von Asselyn und dessen Wünsche gegeben ... Wünsche ? ! loderte es in Benno auf und sofort begann er auch : Euer Durchlaucht wollen entschuldigen - ... Ohne jedoch Zeit zu bekommen , irgend auch nur die einfachste berichtigende Aeußerung zu thun , hörte er den Fürsten sogleich auf den ihm von Wien her , ja schon vom » Parterre der Könige « in Erfurt sehr wohlbekannten Dechanten zu Sanct-Zeno übergehen ; selbst Bonaventura war ihm genannt worden ... Des Fürsten Familie stammte selbst aus der Gegend von Kocher am Fall ... Die Aeußerung , die der Staatskanzler auf die für Bonaventura gebrauchte Bezeichnung : Er wird ein Heiliger genannt ! sofort folgen ließ , war charakteristisch ... Ich wünschte wol , sagte er , der Adel folgte überall solchen Beispielen und nähme sich wieder etwas mehr der Kirche an ... Seitdem die Pfründen schmaler geworden sind , hat man sie nicht mehr für die jüngern Söhne der Familien so aufgesucht , wie selbst noch in meiner Jugend Sitte war ... Sagen Sie , würde Ihr Kirchenfürst den Muth gehabt haben , so für seine geistliche Pflicht aufzutreten und würde er mit soviel Glanz sein Martyrium durchführen , wenn ihm nicht sein Zusammenhang mit dem Adel des Landes zu Hülfe käme ? ... Der Uebergang der geistlichen Stellen nur an Bürgerliche öffnet jenem kleinen Ehrgeiz zu sehr die Bahn , der mit Intrigue verbunden ist ... Dem Emporkömmling wird ja nie genug zu Theil ... Wenig Verbindungsglieder fehlten hier und die Gedankenreihe war bei den Jesuiten angekommen , die der Staatskanzler haßte ... Doch unmittelbar flocht sich die Bemerkung ein : Ein reizendes Geschöpf , diese Angiolina ! Ich kann nicht glauben , daß sie sich selbst den Tod gegeben hat ... Sie wurde zornig über die , die ihr vorreiten wollten , und überschlug sich ... Jetzt ist ' s freilich eine freiwillige Handlung - ein Poëm , sagte man gestern ... Romantik und leider oft auch Logik machen sich sehr oft erst durch den Zufall ex post , gerade wie der Witz ... Manche Leute , die ich positiv als dumm kannte , galten aus diese Art für gescheut ... Weil sie immer schnell bei der Hand waren , einer zufälligen Wirkung eine prämeditirte Absicht unterzulegen ... Das wissen Sie gewiß , es gibt einen Humor der Thatsachen ... Viele Staatsmänner haben sich Jahre lang damit erhalten , den glücklichen Zufall sogleich für ihre Absicht auszugeben ... Besonders sind in diesem wohlfeilen Klugseinwollen die Politiker Ihres Staates - Bitte , Herr Doctor Nück schreibt mir , Sie wollten daselbst keine Carrière machen - Erzählen Sie mir doch von der dortigen Sachlage , Herr von - Sagen Sie , sind die Asselyns nicht eigentlich italienischen Ursprungs ? ... Benno hätte durchaus erwidern mögen , daß sich Nück in den Motiven seiner Reise nicht an die Wahrheit gehalten hätte , hätte alles erzählen mögen , was zur Erleichterung der heimatlichen Schwierigkeiten dienen konnte , mußte aber jetzt nur der gestellten Frage antworten und sagen : Doch nicht , Durchlaucht ! Friesischen Ursprungs ... Sie sollen aber das Italienische à perfection sprechen ... fiel der Fürst sogleich ein ... Ich wollte zunächst Italien sehen , um mich in der Sprache zu vervollkommnen und alte Studien wieder aufzunehmen - ... Die italienische Sprache ist