, den Oheim Rodewald , den Verschollenen verstand . Dann sank sie zurück und zog die Decken so über sich , daß die Füße entblößt waren . Wollte man sie bedecken , so geriethen die abwehrenden Hände in ein grauenhaftes Nervenzucken ... ach , Bruder , ich habe an der Schwelle der Mysterien unsres Daseins gestanden . In deinen Armen starb der Vater , in meinen die Mutter ... So hingehen ! So in Schmerzen aus der zusammenbrechenden Hülle des Körpers scheiden ! ... Und der innere Vorwurf , der mich nagte , daß ich der Mutter den Witwensitz in dem Tempelhause mit Gewalt erhalten wollte ! Sind wir denn nicht alle wie Mörder aneinander ? Einer dem Andern die Schuld seiner Leiden , ja seines Todes ? O diese nagenden Gedanken , als ich an dem Krankenlager saß und sie mir , die treue , aufopferungsfreudige Mutter , zuweilen sagte , als wollte sie sich entschuldigen : Dankmar , es währt so lange ! Mein Körper ist so fest ! Er bricht so schwer zusammen ! Ach , Siegbert ... nun mußt ' ich niederknieen und die Hand der Guten küssen ! Wie bat ich um Verzeihung für so vielen Kummer , ja für unsre Unkindlichkeit , die am weichen Vater mehr hing als an der starken , gesinnungsvollen Mutter ! Auch von dem Archiv sprach sie , von dem Kreuze und unsern Hoffnungen ! Mit dem Auge einer Seherin sagte sie von diesen : Ihr werdet den Segen ernten , aber hütet ihn ! Dann sprach sie oft stundenlang nicht und versank in ein dumpfes Brüten . Ihr Geist schien dabei nicht zu schlummern . Sie blickte in ' s Jenseits voraus . So kam es mir vor , wenn sie regungslos nur stöhnte und nachher , als sie ausgerungen hatte , als sie mit dem letzten Reste ihrer Kraft sich zum Sterben fast zurechtlegte , da dacht ' ich doch , sie schlummre nur . Sie schlummerte halb von dem Opium des Arztes , halb starb sie . Immer drei Athemzüge des Schlafes und dann ein fehlender des Todes , ein stockender , der ausblieb . Ich glaubte nicht , daß Das der Hingang von dieser Erde war . Ich hatte keinen Abschied genommen , ich hatte nichts mehr gehört von ihrem letzten Willen und nun sagte der Arzt , sie entschlummre ! Sollt ' ich sie wecken ? Sollt ' ich sie aus diesem sanften Entschweben wachrufen ? Ich konnte nicht . Ich faltete nur die Hände und sah auf das verklärte Antlitz mit dem Glauben an eine geheimnißvolle Verbindung zwischen Hier und Dort . In der Nacht brach das Auge noch einmal auf . Es war nur die galvanische Zuckung des Stoßes zum Herzen . Es war kein Blick des Lebens und Bewußtseins mehr . Sie war hinüber .... Und nun , Bruder , wenn du diese Zeilen empfängst , ruht sie in der winterlichen Erde . Laß dich von nichts aufschrecken , was dich jetzt gebunden hält ! Dieser Tod war unvermeidlich . Diese Liebe konnte uns nicht bleiben . Laß uns gefaßt auf unserm Pfade weiter schreiten und denken : Ein unsichtbarer Genius mehr , der uns beschützt ! Schreibe mir , komme nicht selbst ! Sei gefaßt ! Ich reise nach drei Tagen zurück und will denken : Das Leben ist Pflicht ! Inniger und treuer verbunden denn je dein Dankmar . « Oleander hatte diesen Brief mit deutlicher und starker Stimme vorgetragen und hatte sich nicht von dem Weinen Siegbert ' s , nicht von Ackermann ' s abgewandtem Schmerze , von Selma nicht unterbrechen lassen , die während des Vorlesens zurückkam und den männlichen und gefühlvollen Worten des Briefschreibers noch lauschen konnte . Man staunte , als Siegbert erklärte , er bäte , ein andres Pferd anspannen zu lassen . Er wollte noch mit Oleander nach Plessen zurück . Man erwartete , daß Beide blieben . Oleander entschuldigte sich , daß er morgen ganz in der Frühe eine Schulrevision hätte . Siegbert ' s Wunsch , mit ihm allein zu sein , schien natürlich ... Ackermann bestellte einen Andern seiner Leute , ein andres Pferd und entließ den innerlich aufgelösten , wie zerschmetterten Siegbert mit wiederholtem freundlichen Zuspruch und einer Umarmung , die Siegberten aufrichtete . Selma gab ihm zitternd eine Hand , deren Kälte verrieth , wie gewaltsam ihr Blut zum Herzen strömte . Auch Fränzchen gab Siegbert die Hand und leuchtete Beiden zum Schlitten . Als Siegbert mit Oleander allein war , ließ er seinen Gefühlen freien Lauf . Im Ackermann ' schen Hause , bei aller Liebe und Theilnahme , würde er sich gehemmt gefühlt haben ... Es war elf Uhr , als sie in Plessen ankamen und Siegbert in das einstweilen zugerichtete Bett stieg . Oleander las ihm noch einige Gedichte vor , die er über den Verlust seines Freundes , des Komponisten , den er Wilhelm genannt , vor einigen Jahren gedichtet hatte . Ackermann aber entließ seine bewegten Mädchen mit dem Geständniß , daß ihn dieser Vorfall auf das Heftigste erschüttert hätte . Als er allein war , entschlüpften ihm diese Worte : So viel edle , gute Menschen - so viel , so viel - und Egon ! Egon ! Seine Stirn verfinsterte sich . Er nahm sein Portefeuille , schlug es auf , sah ein Papier an , in welchem eine braune Locke eingeschlagen war ... Es war die Locke , die er einst von Dankmar ' s Stirne schnitt ... In dem Glauben , es wäre eine Locke von Egon , betrachtete er sie , schüttelte sein Haupt , verbarg sie wieder und löschte das Licht , um sich mit den schmerzlich wiederholten Worten : Egon ! Egon ! trauernd und tiefgebeugt zur Ruhe zu begeben ... Zwölftes Capitel Sankt Nikolaus Eines der Gedichte , das Oleander Siegbert zu tröstender Erhebung vorgelesen , hatte gelautet : Die Sommernacht Lebe ! Lebe ! spricht die Sonne . Aber wenn sich nächt '