Ne Freilein , sag ' ich ' s nich ! Jede gute That bringt doch gleich ihren Lohn ! Dafür , daß Sie die Luise besuchen , schenkt der liebe Gott Ihnen nu ooch gleich den Gänsebraten ! ” Agathe stand erstarrt vor dieser naiven Gemeinheit . Hier hatte Wiesing gelebt — diese vier Jahre hindurch — — Wie sollte sie unten an der schauerlichen Thür vorübergelangen ? Ihr Vater hatte doch recht , ihr die Armenbesuche auf eigene Hand zu verbieten . Furcht und Hoffnungslosigkeit senkte sich wie ein Nebel über ihr Denken . “ Soll ich nicht an Deine Mutter schreiben , daß sie Dich nach Haus holt ? ” fragte sie unschlüssig . Wiesing schüttelte ganz wenig den Kopf . Sie begann zu husten , versuchte vergebens , sich aufzurichten , um Luft zu bekommen . Agathe faßte sie und hielt sie — so hatte auch sie selbst einmal geröchelt und gerungen . . . . Was war alles für sie geschehen ! “ Wiesing — ich will Dir einen Doktor schicken . . . . ” O — der entsetzliche Geruch in der Kammer ! Und die Eiskälte . . . . . Wie schmutzig das Bett war . “ Kein Doktor ! ” stammelte die Kranke , und ihre Hände schlugen fieberisch unruhig durch die Luft . Agathe wollte doch ihren Hausarzt bitten , nach dem Mädchen zu sehen . Die Krämern versuchte diensteifrig , sie hinunterzubegleiten , aber Agathe wies sie steif und hochmütig ab . Auf der Treppe fiel ihr der Mann mit dem Gänsebraten wieder ein . Er stand wartend an der Glasthür und lachte laut , als er sie sah . Agathe wurde schwindelig vor Schrecken . “ Nicht so eilig ! ” brüllte er und faßte nach ihrem Arm . Sie riß sich los und stürzte auf die Straße . Ein dröhnendes Gelächter scholl ihr nach . Sie lief mehr , als sie ging — nur fort — fort aus dieser Gegend . Mit betäubenden Kopfschmerzen kam sie nach Haus . Mehrere Tage lang konnte sie sich nicht entschließen , Wiesing wieder zu besuchen . Sie war krank und elend . Sie konnte ihr ja auch nicht helfen . Mit einer schauerlichen Klarheit zeigte ihr die Gänsebraten-Geschichte plötzlich die Bilder aus dem Leben der schmutzigen Tiefe , in die das unglückliche Mädchen gestürzt war . Sie wagte nicht mehr , ihrem Hausarzt Mitteilung zu machen — als habe sie nur allein Kenntnis von der grausigen Welt dort erhalten und dürfe niemand — niemand davon sagen . Aber es ließ ihr keine Ruhe . Sie mußte das Mädchen aus der Umgebung retten — sie mußte wenigstens dafür sorgen , daß sie zu essen bekam . Ging sie des Morgens früh , so saßen wohl auch keine Männer in der Kneipe , von denen sie belästigt werden konnte . Diesmal trat ihr aus der Thür , die der Wohnung der Krämern gegenüberlag , eine Frau entgegen . Sie sah sauber aus , wie eine ordentliche Arbeiterfrau , deshalb blieb Agathe höflich stehen , als sie sie anredete . “ Fräulein — wollen Sie denn wieder zu der da ? ” fragte sie . “ Ja . Kennen Sie Luise ? Sie scheint mir sehr krank . ” “ Gestern haben sie sie fortgeschafft . ” “ Fort — ? Wohin ? ” fragte Agathe . “ Na — ins Leichenhaus . ” Agathe schwieg bestürzt . “ Mein Mann sagt , das Fräulein weiß gewiß nicht , was das für eine war ? ” Agathe seufzte . “ Ach , liebe Frau , sie hat doch so viel Kummer gehabt . ” “ Das will ich ja nich gesagt haben — nu wenn die Krämern so ' n Mädel in die Hände kriegt . . . . . ” “ Meinen Sie , daß die Krämern nicht gut zu ihr war ? ” “ Die — ? Das alte Vieh ? Fräulein . . . die löffelte Ihnen die Suppe hier draußen — na — und den Wein , den soff sie gleich unten in der Destille . Ne — davon hat das Mädchen nich ' n Droppen geschluckt . Ja — wenn die reichen Leute man wüßten , wem sie ihr Geld zuwenden . Ich und mein Mann , wir bitten keinen um ' ne milde Gabe — wir schlagen uns durch — wir arbeiten — ja — aber so ' n Pack — die verstehen ' s ! ” “ Ach — sie ist doch nun tot , ” sagte Agathe traurig . “ Na ja — gegen das Mädchen will ich ja nichts sagen — das geht denn so — die Krämern hat die gehörig ausgenutzt . Was sollte sie machen ? Der kleine Wurm wollte doch leben . Ne — mein Mann sagt — wir zieh ' n auch — die Polizei kommt nicht aus ' n Hause — so ' ne Wirtschaft ! ” Agathe wandte sich um und ging die Treppe wieder hinunter . Vielleicht trieb nur der Neid die Frau an , so zu reden . Wer doch je die Wahrheit erfahren könnte ! Wäre Mama damals nicht so empört gewesen und hätte Wiesing nicht so schonungslos fortgejagt — und sie selbst hatte sich ja auch voll Abscheu von ihr abgewandt , — hätte man sich um sie gekümmert in ihrer schweren Stunde und dafür gesorgt , daß das Kind zu ordentlichen Leuten gethan wäre , und vielleicht den Lohn des Mädchens erhöht , damit sie ein gutes Kostgeld für das Würmchen zahlen konnte — wäre sie dann in die Hände dieser Krämern gefallen und hätte ihr junges Leben so geendet , mit dem stumpfen Blick auf die graue , schmutzige , zerkratzte , von hundert Namen und widerlichen Bildern bedeckte Wand ? Aber das wäre unmoralisch gewesen , und darum durfte es eben nicht geschehen . Freilich — furchtbar leichtsinnig mußte ein Mädchen schon sein , um sich so weit zu vergessen . —