Ich sehe schon den Wagen ! « Man bemerkte allerdings , wenn auch noch in ziemlicher Entfernung , einen Wagen . Das konnten nur die Erwarteten sein , und der Herr Notar schlug sofort wieder in eine verklärte Stimmung um . » Ja , sie kommen ! « wiederholte er . » Unser Sankt Georg ! Das Wort habe ich übrigens erfunden , und dann wurde es zum Schlagwort für die ganze Presse in dem Ronaldschen Prozeß . O , er wird noch ganz andere Kämpfe bestehen , unser Ritter Georg , wenn er erst im Reichstage sitzt ! Sie wollen ihn ja als Kandidaten aufstellen bei der nächsten Wahl , ja , solche Redner lassen sie sich nicht entgehen im Parlamente ! Wenn Ernst gewählt wird , reise ich nach Berlin und wohne allen Sitzungen bei , keine einzige werde ich versäumen ! « und der alte Herr wippte vor Wonne auf und nieder auf seinem Stuhle , was Lisbeth zu der naseweisen Bemerkung veranlaßte : » Onkel Treumann , du machst es gerade wie die Maikäfer , wenn sie auffliegen wollen ! « Jetzt bog der Wagen in die Allee ein , schon von weitem mit Winken und Tücherwehen begrüßt , und wenige Minuten später wurden die Heimgekehrten in Empfang genommen . » Euch sieht man es an , daß ihr von der Hochzeitsreise kommt . Ihr seht beide noch ganz überirdisch aus ! « rief der Major lachend , während er seinem Freunde die Hand schüttelte . Edith hatte inzwischen ihre Cousine umarmt und wandte sich nun zu Lisbeth , die sich die Scheu vor der schönen , vornehmen Tante abgewöhnt zu haben schien . Freilich hatte sich die Tante auch ihrerseits die kühle Vornehmheit abgewöhnt , sie schloß herzlich den kleinen Wildfang in die Arme . Dann kam der Herr Notar an die Reihe , der in der That noch schwankte zwischen der Vertraulichkeit des Onkels und dem Respekt vor der Erbin , aber die Liebenswürdigkeit » seiner Nichte « beseitigte bald den Respekt . Sie versprach , morgen nach Heilsberg zu kommen und sich sein Haus anzusehen , Ernst habe ihr von dem interessanten alten Bau erzählt . Dann verlangte sie von dem » Onkel Treumann « , er solle sie Edith nennen , und bot ihm die Wange zum Russe . Das war zu viel für den alten Herrn , er küßte sie allerdings , aber er weinte dabei vor Rührung . Die junge Frau mit den strahlenden braunen Augen war freilich eine andere als die verwöhnte Erbin , die man nur für das Gesellschaftsleben erzogen hatte , und die es mit zwanzig Jahren schon so leer und inhaltslos fand . Jetzt hatte sie den Lebensinhalt gefunden , das sah man an dem Aufleuchten dieser Augen , wenn sie denen des Gatten begegneten . Edith Marlow war ein schönes , kaltes Mädchen gewesen , das es gar nicht der Mühe wert hielt , auf irgend jemand Rücksicht zu nehmen , oder jemand näher zu treten . Edith Raimar besaß jene fesselnde Liebenswürdigkeit , die so leicht ist für eine schöne , gefeierte Frau . Sie hatte das ungemein schnell gelernt , seit sie lieben gelernt hatte . Ernst hatte ja eine ganze Reihe von Jahren voraus vor seiner jungen Gattin , aber das merkte man kaum bei dem Manne , der jetzt in der blühenden Vollkraft des Lebens stand , getragen und gehoben von seinen Erfolgen , von dem Bewußtsein des endlich errungenen Lebensglückes . Die zehnjährige » Verbannung « in Heilsberg war versunken und mit ihr der blasse , ernste Träumer von damals . Jetzt stand er mitten im Leben und Wirken und holte sich täglich neue Kraft daraus . Wilma geleitete jetzt die junge Frau nach dem Fremdenzimmer und war ihr dort beim Ablegen des Reisemantels behilflich . » Ich glaube , du bist noch schöner geworden , Edith ! « sagte sie mit aufrichtiger Bewunderung . » Arnold hat recht , ihr seht noch immer nicht aus wie gewöhnliche Menschen . « » Wir haben auch soeben erst ein Stückchen Eden durchwandert , äußerlich und innerlich , « erwiderte Edith heiter . » Es war das erste Mal , daß wir uns ganz allein angehören durften , und wie lange haben wir darauf geharrt ! « » Ja , aber warum denn eigentlich ? « fragte die Frau Major . » Wir merkten ja längst schon , wie es mit euch beiden stand , und ich glaube , ihr seid auch längst einig gewesen . Die äußeren Verhältnisse hinderten euch doch nicht , du bist ja reich genug . « Die junge Frau , die eben ihr Haar vor dem Spiegel geordnet hatte , wandte sich lächelnd um . » Da kennst du meinen Ernst und seinen Stolz nicht ! Er hätte um keinen Preis eine Abhängigkeit von meinem Vater ertragen , auch nicht einmal vorläufig . Er nahm mir das Versprechen ab , zu warten , bis er sich in Berlin eine Stellung geschaffen hatte und mir selbst etwas bieten konnte . Das geschah freilich viel schneller , als wir glaubten . Ich weiß es am besten , wie sehr er in Anspruch genommen wird . « » Das ist ja gerade dein Geschmack , « neckte Wilma . » Dein Gatte sollte ja durchaus mehr sein als all die anderen , er sollte dich und sich emportragen zu den Höhen des Lebens – nun , dein Ernst nimmt einen ganz hübschen Anlauf dazu . Jetzt wollen sie ihn gar in den Reichstag wählen ! « » Ja , man will ihm ein Mandat anbieten , « sagte Edith , deren Augen in freudigem Stolze leuchteten . » Ernst ist ja längst in das politische Leben eingetreten , ich hoffe , er spielt noch einmal eine Rolle darin . « » Und wir warten inzwischen ganz bescheiden auf den Oberst , « erklärte Wilma lachend . » Dein Herr Gemahl will höher hinaus , der reserviert sich zweifellos den Ministersessel