wer will mir das verargen ? Hinter mir die Eisregion des Tugendstolzen , des kalt zersetzenden Verstandes , und vor mir der bunte Reigen des Genusses – draußen ein umjubelter › Märchenprinz ‹ , und hier ein gemaßregelter , mit geringschätzendem Seitenblicke kalt gemusterter Mann . « Er schritt nach der Ausgangsthür . » Hast du noch etwas zu sagen , Juliane ? « fragte er , sich halb umwendend , über die Schulter zurück . Sie schüttelte verneinend den Kopf , und doch preßte sie die Hand auf das Herz , als unterdrücke sie gewaltsam ein aufwallendes Verlangen . » Wir sind heute zum letztenmal allein zusammen , « betonte er , ihre Bewegung mit scharfem Blicke verfolgend . Rasch entschlossen näherte sie sich ihm . » Ich habe dir vorhin viel Bitteres gesagt – ohne es zu wollen ; es thut mir leid , und doch – bin ich noch nicht zu Ende ... Du hast mich selbst aufgefordert – willst du mich anhören ? « Er bejahte , blieb aber , die Hand auf das Thürschloß gelegt , unbeweglich stehen . » Ich habe dich wiederholt sagen hören , daß dir für das nächste halbe Jahr nicht eine einzige Aufgabe in der Heimat zu erfüllen bliebe ... Mainau – sollte wirklich ein Vater – sei seine Lebensstellung , welche sie wolle – berechtigt sein , sich von seinen Pflichten dergestalt loszusagen , daß ihm die Erziehung seines Kindes keine Aufgabe ist ? ... Weiter : In welchen Händen läßt du dein einziges Kind zurück ? ... Du sprichst selbst mit Nichtachtung von dem starren , unhaltbaren Dogmenwerke , das deine Kirche neuerdings predigt , und das , bis in das Reich des finstersten Aberglaubens hinein , vom Hofprediger und deinem Onkel streng aufrecht erhalten wird , und doch überläßt du ihrer Führung sorglos den jungen Kopf deines Kindes , noch mehr , du schweigst gegen deine Ueberzeugung – « » Ach , das ist die Strafe dafür , daß ich dir heute bei dem unerquicklichen Streite um des Teufels Existenz nicht sekundiert habe ! Bah – wer wird sich herablassen , gegen solchen Widersinn auch nur ein Wort zu verlieren – er geht an sich selbst zu Grunde ... Leo ist auch geistig mein Sohn – er wird den Ballast abschütteln , sobald er selbständig zu denken anfängt . « » So bequem denken viele , die handeln müßten , und nur so ist es zu erklären , daß die wahnsinnigste Vermessenheit des Menschengehirns , die der alte Mann in Rom proklamiert , in unserem Jahrhundert auch nur aufzutauchen vermochte ... Bist du wirklich sicher , daß Leo die innere Wandlung so leicht überstehen wird wie du ? Ich weiß , daß die ersten religiösen Zweifel und Kämpfe Wunden in der Seele zurücklassen – weshalb sie mutwillige und unvermeidlich heraufbeschwören und mit ihnen vielleicht das gesamte religiöse Bewußtsein für immer erschüttern ? ... Wie wir auch eine Kinderseele bewachen und studieren mögen , sie bleibt dennoch ein Geheimnis in sich und für uns , die wir auch bei einem geschlossenen Blütenkelche nicht sagen können , ob er nicht doch plötzlich verkrüppelte Blätter entfalten wird – so viel weiß ich nun schon , seit ich mit Leo zusammenlebe und ihn unausgesetzt beobachte . Ich bitte dich dringend , lasse ihn nicht in den Händen des Hofpredigers ! « Er schwieg , aber seine Finger glitten vom Thürschlosse . » Gut , « sagte er , wie nach einem augenblicklichen Ueberlegen , » ich will diese Bitte als eine Art letzten Willens vor deinem Scheiden respektieren – ist dir ' s recht so ? « » Ich danke dir ! « rief sie herzlich und bot ihm die Linke . » Nein , mir liegt nichts an solch einem Händedrucke ; wir haben ja aufgehört – gute Kameraden zu sein , « sagte er sich abwendend . » Uebrigens « – ein unbeschreibliches Gemisch von Satire und frivolem Spotte flog um seinen Mund – » bist du nicht sehr dankbar . Dein sehr guter Freund , der Herr Hofprediger , bricht , wo er kann , in schrankenloser Selbstverleugnung eine Lanze für dich – und du intrigierst gegen ihn ? « » Er weiß am besten , daß ich diese Ritterdienste nicht wünsche , « erwiderte sie gelassen . » Am ersten Abende meines Hierseins hat er sich mir bereits genähert – ich bin aber nicht gesonnen , mich auf diesem schlauen , indirekten Wege bekehren zu lassen . « » Bekehren ? « lachte Mainau schallend auf . » Sieh mich an , Juliane ! « – er ergriff ihre Linke und preßte sie heftig – » meinst du das wirklich ? Bekehren – zum Katholizismus bekehren ? – ich will die Wahrheit wissen ! – Hat er seine berühmte Predigerstimme schmeichelnd gemißbraucht , der wundersame Gottesmann ? Juliane , sei ehrlich – wenn er je gewagt hat , dich auch nur mit seinem Atem zu berühren – « » Was ficht dich an ? « zürnte sie , mit stolzer Gebärde ihre Hand aus der seinen ringend . » Ich verstehe dich nicht . Es fällt mir nicht ein , irgend etwas vor dir zu verheimlichen , das auf deinem Grund und Boden ausgesprochen worden ist , sobald du mich danach befragst – und so antworte ich dir : Er hat mir gesagt , Schönwerth sei ein heißer Boden für Frauenfüße , gleichviel ob sie aus Indien , oder aus einem deutschen Grafenhause kämen – zugleich versuchte er , mich auf unausbleibliche schlimme Augenblicke vorzubereiten . « » Prächtig eingefädelt ! ... Das muß man ihm lassen , er hat Geist , der Mann . Er sieht auf den ersten Blick das , was blöde Augen erst dann erkennen , wenn es für sie verloren ist ... Ja , siehst du , Juliane – Valerie war ein vortreffliches Beichtkind , und er hat recht , wenn er wünscht , daß auch die neue Herrin von Schönwerth in