machten das arme kleine Wesen furchtsam . Es fing gewöhnlich nach kurzer Zeit an zu schreien . Und dann ward es mit Inbrunst getragen , beschwichtigt , geküßt und mit unmöglichen Koseworten überschüttet , so daß Beate in ihrem Zimmer die Hände rang und mit besorgter Miene lauschte , ob nicht jemand dem unglücklichen Würmchen zu Hilfe kommen wolle . Aber wer denn ? Lothar saß wie vergraben in seiner Stube , wohin er sich nach beendeter Mahlzeit zurückzuziehen pflegte , Prinzeß Thelda lag meistens auf ihrem Ruhebett , gähnte oder schrieb Briefe , und Frau von Berg – nun , die bestärkte Prinzeß Helena noch in ihren Launen und Einfallen . Die alte Kinderfrau , die erschreckt hinzulief , ward höchstens dazu benutzt , den süßen Liebling etwas zu beruhigen und ihn seiner fürstlichen Tante wiederzugeben . Beate , die bisher nicht wußte , was Nerven zu bedeuten haben , spürte zum erstenmal in diesen Tagen ein merkwürdiges Kribbeln in den Fingerspitzen . Das war , als Lothar vor dem Fest apathisch erklärte , ihm sei es ganz gleich , wie sie es arrangieren wolle . Da stand sie nun , die sich nie im Leben um derartiges bekümmert hatte , und sollte für Konzertprogramm , Tanzordnung und Kotillon sorgen . Sie hatte nicht übel Lust , dem , der da in seinem verdunkelten kühlen Zimmer so schweigend und brütend auf und ab schritt , die Wahrheit zu sagen : » Du bist hier der Herr vom Hause , und wenn du dir Gäste einladest , so habe auch die nötige Geduld , um die Pflichten des Wirtes zu ertragen . « Aber ehe sie noch die Lippen geöffnet , wandte er sich um , und sie blickte in ein blasses Gesicht von so sorgenvollem Ausdruck , daß sie erschrak . » Um Gottes willen , Lothar « , sagte sie und trat zu ihm , » du bist krank ? « » Nein , nein ! « » Dann hast du Sorgen ! « » Sorgen wie ein Mann , der sein ganzes Hab und Gut , seine Hoffnung , seine Zukunft auf ein gebrechliches Schiff lud und es vom sicheren Ufer aus Sturm und Wellen preisgegeben sieht , der dasteht , ohne retten zu können , und weiß , daß der Untergang gleichbedeutend ist mit Elend und Verzweiflung « , sagte er leise . » Aber , Lothar ! « rief Beate entsetzt . Sie war es nicht gewohnt , ihn in solchen Bildern sprechen zu hören und fast flehend bat sie : » Schenke mir dein Vertrauen , Lothar , erkläre dich deutlicher , du ängstigst mich ! « » O nichts , Beate , kehre dich nicht daran , es kam mir so unwillkürlich über die Lippen . Es wird überwunden werden – dann – wenn es wieder still und einsam ist hier auf Neuhaus . Habe Nachsicht mit mir . « Aber die Schwester wich nicht . » Lothar « , begann sie entschlossen , » ich glaube , ihr Männer seid in manchen Sachen schwer von Begriff . Ich denke , du darfst auch diesmal nur die Hand ausstrecken . « » Nein , mein kluges Schwesterchen , diesmal nicht « , erwiderte er . » Über meine geöffnete Hand hinweg streckt sich siegesgewiß eine andere , und als ich das sah , da habe ich die meine still zurückgezogen und zur Faust geschlossen . So , und nun frage nicht mehr und laß mich allein , Beate ! « » Du bist noch immer der törichte Junge von früher « , murmelte sie und wandte sich . » Bei Gott , sie läuft dir nach wie deine Diana da – « Und sie wies auf den Hühnerhund , der mit klugen Augen jeder Bewegung seines Herrn folgte . Sie stand dann plötzlich in der Halle und sah mit finsterer Miene , wie Prinzessin Helene im lichten Morgenkleid , gefolgt von der Komtesse , die breite Treppe herunterkam , um im Garten zu verschwinden . Beate schüttelte den Kopf und stieg die Treppe hinauf nach der großen Dachstube , wo die Wäschespinde und Truhen standen . War es denn ein Glück , das er ersehnte in Bangen und Verzweiflung ? Dieses hochgeborene leidenschaftliche Geschöpf ! War denn die erste Ehe ein Glück gewesen ? Warum flogen Lothars Wünsche so hoch ? Sie dachte seiner Zukunft an ihrer Seite , an das verlassene schlichte Haus seiner Väter , in welchem sie einsam und allein verbleiben würde , es hütend und beschützend wie jetzt . Er würde hinausgehen mit ihr in das bewegte Leben der Residenz , auf Reisen sein , wie mit der ersten Gattin , und mitunter würde er kommen , auf ein paar Tage – allein ! Was sollte die erlauchte Frau auch hier ? Ihre Anwesenheit jetzt bedeutete ja nur eine Ermutigung , ihr spielendes Interesse an dem Haushalt des Stammsitzes war nur ein Beweis , daß auch sie sich gern herablassen würde , wie einst ihre Schwester sich herabgelassen hatte . Und wenn er dann kam , würden sich Bruder und Schwester in die Augen sehen und finden , daß sie gealtert seien , der eine in der schwülen , sengenden Hofluft , die andere in der Einsamkeit und in der Sehnsucht nach eigenem Glück . Sie erschrak selbst über den schluchzenden Ton , der sich ihr wider Willen entrungen . Sie biß die Zähne zusammen und schloß mit umflorten Augen die Truhe auf , die ihr zunächst stand , und raffte eilig Teppiche und bunte gewirkte Decken heraus . Es waren köstliche Sachen , sie wollte damit die Halle schmücken lassen . Joachim hatte sie auf seinen Reisen gesammelt , diese Smyrnagewebe und türkischen Stoffe , und bei der Versteigerung hatte sie es erstanden mit ihren eigenen Mitteln . Und während sie die stimmungsvolle Farbenpracht der wundervollen Gewebe betrachtete , rollten ihr die Tränen unaufhaltsam über das stille Gesicht . Was war ihr nur eigentlich ? Sie kannte sich