Lisette wußte hier Niemand um die Geschichte . Du hast den Frevel vielleicht mit der guten Absicht begangen , ihren schnellen Tod herbeizuführen und dadurch ihren Jammer um Dich Elenden abzukürzen . Freue Dich , triumphire , Du hast Deinen Zweck erreicht ! Niemand wird bei Johanna die Stelle des zu lebenslänglicher Kerkerhaft verurtheilten Hochverräthers vertreten . « Ich war wie erstarrt ; ich las den Brief noch einmal langsam durch ; meine Augen brannten in ihren Höhlen , wie glühende Kugeln , und keine mitleidige Thräne war da , den furchtbaren Brand zu kühlen , kein Seufzer stand mir zu Gebote , die auf meine Brust gewalzte Last zu erleichtern . In mich gekehrt und taumelnd , wie ein Berauschter , ging ich in meiner Zelle auf und ab . Die schweren Anklagen meines Vormundes kränkten mich nicht , ich fand sie gerechtfertigt und natürlich ; denn er konnte nicht anders glauben , als daß ich das Verbrechen an Johanna begangen habe ; aber daß dieses Unglück mit seinen unberechenbaren Folgen überhaupt hereingebrochen , das war es , was mir fast die Sinne raubte . Und dennoch dachte ich in jener entsetzlichen Stunde weniger an die muthmaßlichen Folgen , als an Denjenigen , der durch die schändlichste Verrätherei das Unheil heraufbeschworen haben konnte . » Wer hat es gethan ? « murmelte ich vor mich hin , indem ich ununterbrochen meinen Spaziergang in der engen Zelle von dem einen nach dem andern Ende fortsetzte . » Wer hat es gethan ? Wer hat das furchtbare Verbrechen begangen , « fragte ich noch immer halblaut , als man mir mein kärgliches Mittagmahl brachte . » Wer hat es gethan ? Der Schwarze ; vielleicht Bernhard . Hüte Dich vor dem Schwarzen , « sprach ich , als der Gefängnißwärter die unangerührten Speisen wieder hinaustrug . » Hüte Dich vor dem Schwarzen ; Bernhard war mein Feind , mein böser Geist , « flüsterte ich mit trockenen Lippen , als die Sonne sich senkte . » Arme Johanna , hüte Dich vor dem Schwarzen , « keuchte ich noch mit letzter Kraft , als die Dämmerung die wenigen Gegenstände in meinem Gemach entstellte und unkenntlich zu machen begann ; und dann warf ich mich auf die harten Planken des Fußbodens nieder , meine brennende Stirn gegen das dicke Eisenblech der Thür pressend . Was in nächster Zeit mit mir vorging , weiß ich nicht ; ich gelangte in den Lazarethräumen des Gefängnisses nach langer schwerer Krankheit zum Bewußtsein . Ein hitziges Nervenfieber hatte mich an die Pforten des Jenseits geführt , mein kräftiger Körper dagegen dem Tode fast noch im letzten Augenblick seine Beute streitig gemacht . O , wäre ich damals gestorben , wie viel Kummer und Herzeleid wäre mir erspart geblieben ! Aber es sollte nicht sein . Langsam und allmälig erwachte ich wieder zum Leben , zu einem Dasein zwischen düstern Gefängnißmauern , und als einen gräßlichen Hohn betrachtete ich es , daß man mich so sorgfältig pflegte , sich so viel Mühe mit einem zu lebenslänglicher Haft Verdammten gab ; doch ich mußte es geschehen lassen . – In dem Maaße , wie meine Kräfte zunahmen , traten auch die Bilder der Vergangenheit wieder deutlicher hervor . Anfangs erschien mir Alles wie ein wüster Traum , in welchem zwei Briefe die Hauptrolle gespielt . Erst der Schließer klärte mich über meine Zweifel auf und erzählte mir , daß er mich bereits vor vier Wochen mit den zusammengeknitterten Briefen in den Händen bewußtlos auf der Erde liegend in meiner Zelle vorgefunden habe . Die Briefe hatte er so dann , bevor er Hülfe herbeiholte , an sich genommen , um einer etwanigen Entdeckung und demnächstiger Strafe für das Dienstvergehen vorzubeugen . Seine Besorgniß war indessen damit noch nicht beseitigt gewesen , denn in meinen Fieberphantasien hatte ich so viel von Briefen , von Johanna und dem Oberstlieutenant , von Fräulein Brüsselbach , dem Schwarzen und von Bernhard gesprochen , daß der Arzt sich mehrfach dadurch bewegen fand , nachzuforschen ob auch wohl äußere Einflüsse mit dazu beigetragen hätten , mich in meinen hoffnungslosen Zustand zu versetzen . Als ich wieder ruhiger und zusammenhängender zu denken vermochte , überredete ich mich leicht , daß die Krankheit im Grunde eine Wohlthat für meinen Gemüthszustand gewesen . Den heftigsten Paroxismus des Schmerzes hatte ich gewissermaßen im bewußtlosen Zustande überwunden . Die vollständige Entkräftung hinderte mich demnächst , mich anhaltend mit der mir von meinem Vormunde entgegengeschleuderten Beschuldigung zu beschäftigen , und als meine Kräfte und die Thätigkeit meines Geistes endlich wieder zurückkehrten , da suchte ich , ohne Hast und Uebereilung , indem ich die Erlebnisse des letzten Jahres gleichsam noch einmal durchlebte und in die kleinsten Einzelheiten zerlegte , zu ergründen , von wem wohl ein so verderblicher Einfluß auf mein und Johanna ' s Lebensglück ausgeübt sein möge . Mein Mißtrauen und Argwohn gegen Bernhard erhielten dadurch immer neue Nahrung , und zum ersten Male fragte ich mich , ob die Nachschläge eines Mannes aufrichtig und redlich gemeint gewesen sein könnten , eines Mannes , der , wie Bernhard damals am Godesberger Mineralbrunnen , seine Blicke mit einem so sprechenden Ausdruck unversöhnlichen Hasses in meine Augen senkte . Damals , als mich nur rosige Hoffnungen erfüllten , als ich alle Menschen wie Freunde hätte umarmen mögen und nur gute Seiten in ihnen zu entdecken suchte , hatte ich jenen Blick des Hasses schnell wieder vergessen oder legte ihm auch eine augenblickliche heftige Gemüthsbewegung als verzeihlichen Grund unter . Jetzt aber dachte ich anders darüber ; es wollte mir scheinen , als ob Bernhard , dem er mit seiner ungewöhnlichen Ueberredungsgabe mich in die demagogischen Umtriebe verwickelte und schließlich dafür Sorge trug , daß ich mich öffentlich compromittirte , ein mit vieler Ueberlegung und schlau eingefädeltes Verfahren gegen mich , muthmaßlich auch noch gegen Andere , beobachtete , um einem , vielleicht aus Religionseifer entspringenden Gefühl der Rache und des Hasses zu fröhnen . Hatte er selbst sich doch stets