und zu erörtern , ob wir auf ihr Gesuch eingehen oder nicht . Lies weiter , Moritz ! “ Dieser fuhr fort : „ Selbst die Justiz hat , ohne es zu wissen , diese physiologische Tatsache berück ­ sichtigt , denn sie bestraft eine Tötung im Affekt minder schwer als einen vorbedachten Mord . Was aber ist diese sogenannte Tötung im Affekt anderes als eine Reflexbewegung im weiteren Sinne ? Somit wäre denn durch diese Theorie mancher arme Sünder nicht nur vom Henkerstode , sondern auch aus dem Fegefeuer erlöst , in welchem ihn beschränkte Moralisten brennen lassen , und wir haben nun nur zu erörtern , in welchem Verhältnis die sittliche Freiheit zu diesen Tatsachen steht . Alles was wir tun können , um die Selbstbeherrschung , welche den Keim aller andern größeren Tugenden birgt , zu erlangen , ist , daß wir so viel als möglich von Kleinem auf unsere Hemmungsnerven in der Verrichtung ihrer Funktionen üben . Es ist eine unbezweifelte Tatsache , daß die Seele von Beginn des Lebens an erst lernen muß , sich der Organe des Körpers als ihrer Werkzeuge zu bedienen . Ein Werkzeug , das wir selten führen , verstehen wir nicht so vollkommen zu gebrauchen , wie eines , das wir zu handhaben gewöhnt sind . Ebenso ist es mit der Seele und den Nerven . Jede Nerventätigkeit , welche unmittelbar durch die Seele veranlaßt wird , verstärkt sich durch Gewohnheit . Bei dem Blinden zum Beispiel verfeinert sich der Tastsinn , weil er auf diesen als das einzige Organ angewiesen ist , welches ihm das Auge ersetzt . Durch fortwährende Übung der Empfindungsnerven seiner Fingerspitzen erlangt er die höchste Fertigkeit im Unterscheiden seiner Tast ­ empfindungen . — „ Übung macht den Meister “ , hört man in Künsten und Handwerken sagen , deren Technik schwer zu erlernen ist . Was ist diese Übung aber anders als die Gewöhnung der Seele , diesen oder jenen Nerv in Tätigkeit zu setzen , welcher die er ­ forderliche Muskelbewegung hervorbringen soll : also Übung bestimmter Nervenfasern ? Sollten nun die Hemmungsnerven hievon allein eine Ausnahme bil ­ den ? Gewiß nicht . Auch sie kann die Seele ihrem Willen vollkommen dienstbar machen , wenn sie keine Gelegenheit versäumt , sie zu üben , und warum sollte sie hierauf nicht denselben Eifer verwenden , wie auf die Erreichung jeder andern zur Ausübung einer Kunst nötigen Fertigkeit ? Ich hatte z. B. die Schwäche , wenn ich einen Schuß hörte , aufzuschreien . Ich gab den Befehl , täglich , ohne mich vorher davon zu benachrichtigen , eine Pistole in meiner Nähe abzufeuern . Es geschah und in kurzer Zeit vermochte ich den Schrei zu unterdrücken . Man könnte sagen , ich hätte mich allmälig gegen das Geräusch abgestumpft und sei nicht mehr erschrocken . Doch dies war nicht der Fall . Ich erschrak nach wie vor , aber ich hatte die betreffenden Hemmungsnerven daran gewöhnt , den Reflex auf den Kehlkopf zu rechter Zeit abzuschneiden . — Ich weiß wohl , daß eine subjektive Wahrnehmung , wie diese , kein objektiver Beweis ist , aber ich denke , eine so einfache Folgerung bedarf auch keines solchen . Hier sind wir nun wieder an der Grenzlinie , wo wir von dem physiologischen Gebiet auf das psychologische kommen , wo die sittliche Freiheit gleichsam aus dem materiellen Gesetz hervorgeht , wie der Duft dem Blütenkelche entströmt . Wissen wir einmal , daß unsere Nerven nichts sind als eine Klaviatur , deren Tasten wir nur richtig anzuschlagen brauchen , um einen harmonischen Akkord unseres Wesens zu erzielen , — und wir lernen nicht , es zu tun , so sind wir beklagenswert oder verächtlich , je nachdem die Schule war , in der wir es hätten erlernen können ! “ „ Und so weiter , “ sagte Moritz umblätternd , „ das Übrige kann man sich denken . Hier kommt nun noch eine spezielle Abhandlung über die motorischen Ner ­ ven — die scheint nicht übel zu sein , auch eine sehr ausgedehnte Betrachtung über Nervenreizung — na — ich denke aber , wir haben unsere Schuldigkeit getan und genug von dem Zeuge gelesen . Was ist also nun zu beschließen ? Wollen wir die Posse aufführen und einen Studenten im Unterrock auf der Hörbank und am Seziertische dulden ? “ „ Warum nicht ? “ sagte der Philosoph Taun mit Humor : „ Wir promovieren ja so viele dumme Jungen — warum nicht auch einmal eine Frau ? ! “ „ Lieber Kollege “ , begann der alte Heim , „ ich glaube , wir haben nicht viele begabtere Schüler gehabt als diese Hartwich . Und ist eine talentvolle Frau nicht immer besser , als ein talentloser Mann ? “ „ Das dürfte sich fragen , “ bemerkte Herbert und richtete seine grünen Augen stechend auf Heims ehr ­ liches Gesicht : „ Ich glaube , daß die talentierteste Frau doch nicht zu Stande bringt , was der unbegabteste Mann durch Fleiß und Ausdauer erreicht . Was kann sie uns und der Wissenschaft sein ? Höchstens eine Arbeitskraft — denn Produktionskraft besitzt keine Frau ! Aber auch die weibliche Arbeitskraft ist so schwach , daß es sich nicht lohnt , um sie zu gewinnen , eine Lächerlichkeit zu begehen . “ „ Eine Lächerlichkeit ? “ fragte Heim . „ Ja — so würde ich es nennen , wenn wir eine Dame unter unsere Zuhörer aufnähmen , — wenn wir die Wissenschaft zu einer Puppe für eitle Närrinnen herabwürdigten , damit wir zuletzt in jedem Damen ­ kaffee einen Areopag15 errichtet fänden , vor dem wir unser gehorsamstes Kompliment machen dürften . — Das fehlte nur . Wir haben unter uns selbst schon der Konkurrenz genug — wir brauchen sie nicht noch durch Beiziehung des andern Geschlechtes zu erhöhen . “ „ Das klingt sonderbar , “ sagte der alte Heim , „ sieht es doch beinahe aus , als fürchteten Sie eine Konkurrenz