die junge Braut , sich ausdrückte – ohne Furcht vor Taschendieben und Bauernfängern , vor welch unbekannten Gefahren die Kleinstädter gewöhnlich zu zittern pflegen , und traf stets erst um fünf Uhr Nachmittags , um welche Zeit man das Mittagessen verabredet hatte , mit den Ihrigen im Hotel zusammen . Gewöhnlich waren dann alle drei Damen todmüde , und man verschob den Theaterbesuch auf die letzten Tage des Aufenthalts , wo man hoffentlich mit den Kommissionen fertig sein würde . Frau Professor aber konnte selbst nach solchen Strapazen den so notwendigen Schlaf nicht finden . Erstens rasselten die Wagen bis spät in die Nacht hinein unter den Fenstern vorüber . Nur ganz kurze Zeit in den ersten Morgenstunden erfreute sich die Königgrätzerstraße wirklicher Ruhe , während um drei Uhr schon wieder das geräuschvolle Berliner Leben begann , zu dem in dieser Straße massenhafte Milchwagen und zahllose Bahnhofsdroschken nicht das wenigste beitrugen . Zweitens und hauptsächlich hielt die Sorge um ihre beiden Mädel , die im Nebenzimmer schliefen oder doch zu schlafen schienen , den ersehnten Schlummer vom Bett der Frau Professor fern . Die Jüngste , die Braut , machte ihr Kummer wegen ihrer Prinzessinnenmanieren . Sie hatte mit geradezu unglaublicher Großartigkeit ihre Einrichtung ausgewählt , – mit viel Geschmack , o gewiß , und mit fabelhafter Sicherheit im Herausfinden des Reizendsten , Schicksten und Teuersten . Aber sie hatte auch immer erst , wenn sie endgültig gewählt hatte , nachlässig und beiläufig gefragt : » Was kostet das ? « und schrak vor den enormsten Forderungen nicht zurück . » Aber man richtet sich ja nur einmal ein , Mutterchen ! « war stets ihre Begründung gewesen , wenn die Professorin dazwischen kam mit einem entsetzten : » Nein , Lori , das geht nicht , das geht ganz gewiß nicht ! « – Gewöhnlich hatte es ihr nichts genützt . Das reizende Kind siegte fast immer , unterstützt von dem gesamten Ladenpersonal , das den betreffenden Gegenstand als ungemein 251 praktisch , wie geschaffen , um eine Ewigkeit zu überdauern , hinstellte und obendrein noch schwur , daß jetzt eine derartige Sache in jeder halbwegs anständigen Einrichtung zu finden sein müsse . Dabei heiratete die kleine Prinzessin einen netten , aber blutarmen Infanterieleutnant , der von einem spartanisch einfachen Elternpaar aufgezogen war in einenr alten einsamen Forsthause , das bis auf den heutigen Tag getünchte Wände und weiß gescheuerte Dielen besaß , der also wahrlich nicht verwöhnt war durch echte Teppiche und seidene Gardinen . Die Mama Oberförsterin hatte in ihrem Wohnzimmer kaum eine Andeutung von letzteren . Und das war in der Ordnung so , denn der Oberförster saß in dem dicksten Tabaksqualm tagaus tagein gleich Jupiter in den Wolken . Wie nun Lori am heutigen Tage noch ihre Service gekauft hatte und eierschalendünnes Porzellan mit breitem Goldrand geziert wählte , in dessen Rokokorand das Wappen ihres künftigen Mannes ebenfalls in Gold angebracht werden sollte , und wie sie dann auf die ironische Bemerkung der Mutter , daß diese Teller für die Fäuste des jeweiligen Burschen , der sich ja doch wahrscheinlich in der Küche nützlich zu machen habe , ganz besonders geeignet sein würden , und sich Lori infolge dieser Warnung auch noch ein zweites Geschirr erbettelte » für alle Tage zu sechs Personen « , wie sie dann auch noch Kaffee- , Tee- , Bouillon- und Mokkatassen aussuchte , da wurde der armen Frau ganz ernstlich bange , und sie beschloß , Berlin zu fliehen , um doch etwas von dem Gelde , das ihr guter Mann so verschwenderisch ausgesetzt hatte für seinen Liebling , zu retten . Aber da fiel ihr erst noch die größte Sorge aufs Herz : ihre Anne Dore , ihr liebes , ernstes , schönes Herzenskind ! Sie hatte sich in diesen Tagen wenig um das Mädchen kümmern können und hätte doch gewünscht , sie ein wenig froher wieder mit heim zu nehmen . Sie wußte ja aus eigener Erfahrung : so rasch kommt man nicht weg über eine erste Enttäuschung , über eine vernichtete erste Liebe . Und daß Anne Dorens Neigung nicht gebilligt werden konnte , daß Vater und Mutter beide mit ausgebreiteten Armen 252 sich ihr in den Weg stellen mußten , um zu sagen : Halt ein , du darfst nicht weiter schreiten , der Weg führt in dein Verderben , wir dürfen dich nicht ziehen lassen mit jenem , er ist deiner nicht wert – das hatte das junge Herz fast gebrochen . Seit drei Jahren trauerte sie um das verlorene Glück , seit zwei Jahren wies sie die Hand eines Ehrenmannes beharrlich zurück , der wohl geeignet war , eine Frau glücklich zu machen . Sie war in einer zu engen Gemeinschaft mit den Eltern aufgewachsen , um nicht blindlings deren Erfahrung zu trauen , deren Rat zu folgen , als sie damals ein Aufgeben ihrer Verlobung verlangten . Aber dennoch , es schien , als sollte sie in aller Ewigkeit umhergehen mit blassem ernstem Gesicht , in stets müder Gleichgültigkeit . Und sie , die Professorin , hatte doch auch einmal ihr Herz in beide Hände fassen müssen , und ein zwingendes Geschick hatte ihr keinerlei Zeit gelassen , ihrem entschwundenen Ideal nachzutrauern . Wenn das Anne Dore wüßte ! Wenn sie ahnte , daß ihre Mutter auch nicht ihre erste Liebe hatte heiraten können ! Und wie sie so lag und sann , sagte sie sich : Und warum sollte sie es nicht erfahren , die Anne Dore ? Die Vergangenheit stieg in ihr auf , die erste schwere Zeit ihrer Ehe , die Kämpfe , die sie vor ihrer Hochzeit um ihre verlorene Liebe bestanden hatte , das liebe alte Dorf stand vor ihr , das väterliche Heim , das eigene kleine Doktorhaus . Könnte es nicht gut sein für beide Töchter , wenn sie den Anfang des elterlichen Glückes erführen ? Da saß die Professorin auf einmal aufrecht in ihrem Bett und wußte es genau : hin will ich mit