in diese Ehe gegangen , aber daß sie so öde werden würde , wie sie thatsächlich geworden , das hatte er doch nicht gedacht . Er hatte sich redlich Mühe gegeben , seine Frau zu bewegen , an irgend etwas teilzunehmen , das ihn interessierte , wie er sich ehrlich Mühe gab , ihrem Ideenkreise näherzutreten . Er fuhr Visiten mit ihr in der ganzen Umgegend , er empfing ihre Gäste , die ihm unendlich gleichgültig waren und vor denen er sich schämte mit dem „ Fünfuhrthee “ , welchen Toni in Erwiderung von lukullischen Diners und Soupers zu veranstalten pflegte . Er war der Ansicht , nichts annehmen zu sollen , was man nicht erwidern könne – Toni stand auf einem erhabeneren Standpunkt . „ Ich gehe nicht Essens und Trinkens halber in die Gesellschaft “ , pflegte sie zu sagen . Seine Gegenvorstellungen , daß es doch immerhin und unbeschadet dieser idealen Ansicht etwas unbescheiden sei , Leute drei Meilen und mehr über Land fahren zu lassen , um sie mit einer winzig kleinen Tasse Thee und einigem leichten Gebäck abzuspeisen , ließ sie nicht gelten ; mehr erlaubten eben ihre Mittel nicht ! Und ohne Geselligkeit könnte sie nicht leben ! Trotzdem sah sich in Kerkows Haushalt alles ganz stattlich an . Der Diener und Kutscher servierten ; sie standen , wie Pferd und Wagen , im herzoglichen Dienst und waren dem Schloßhauptmann zur Benutzung gestattet . Die Einrichtung der Zimmer , das Service erschienen elegant , das Silberzeug , ein Geschenk der verstorbenen Herzogin , ebenfalls , und so behauptete sich Toni wirklich ganz ansehnlich . Heinz beschwichtigte auch das heulende Mädchen , die Jungfer und Köchin in Eins vorstellte , wenn ihr die Gnädige in zorniger Aufwallung gekündigt harte . Wäre es nach ihr gegangen , sie hätte alle vierzehn Tage gewechselt . Ach , und die Tage dehnten sich , als wären die Stunden mit Blei beschwert ! Wenn er früh seine paar Unterschriften vollzogen mit irgend einem Handwerker geredet , den er wegen irgend einer Verbesserung oder Reparatur bestellt hatte , über die zu berichten ihm oblag . Wenn der Obergärtner pro forma dagewesen war und Rechnung gelegt hatte über seine Wochensendungen an die herzogliche Küche und über den Verkauf aus den Treibhäusern , wenn der Bibliothekar ihn zum hundertstenmal gebeten hatte , bei Hoheit wegen Ankaufs dieses oder jenes Werkes vorstellig zu werden , ein Bemühen , das er längst aufgegeben hatte , weil der Herzog stets einfach ablehnte , dann war sein Tagewerk gethan . Er hatte Muße , die Zeitung in einer Ruhe zu lesen , wie sie wenig Menschen vergönnt ist , im Winter oder an trüben regnerischen Tagen im Erker , im Sommer auf der Terrasse , die für das Publikum neuerdings abgesperrt worden , aber wenn er sich noch so sehr Zeit nahm , es blieb immer noch zu viel dieses kostbaren Orakels übrig . Was hatte er nicht alles gethan , um sie rascher vergehen zu machen ! Er hatte gemalt , alte Bilder kopiert aus den Sälen des Schlosses , dann , als ihm das über geworden , da er ja doch nichts anderes war als ein halbwegs anständiger Dilettant , hatte er es mit der Blumen und Obstbaumzucht versucht , hatte den Oberförster eine Zeit lang eifrig auf die Jagd begleitet , aber alles ohne innere Befriedigung dabei zu finden . Er wäre wohl auf diese Weise im Nichtsthun verkommen , wenn sein Geist nicht durch einen Zufall aufgerüttelt worden wäre . Der Bibliothekar wurde an eine andere herzogliche Bibliothek versetzt und die Bücherei von Breitenfels der Obhut des Schloßhauptmanns anvertraut . Der nicht unbedeutende Schatz an Werken und Kupfersachen , den einst ein ernster , den Wissenschaften ergebener Fürst gesammelt hatte , sollte aber öffentlichen Zwecken nicht dienen , er sollte vorläufig in Breitenfels stehen bleiben , bis man ihn der Bibliothek in der Residenz einverleibte . Heinz von Kerkow hatte nur die Schlüssel von den Zimmern zu bewahren und zuzusehen , daß die Bücher und Folianten nicht vermoderten . So mußte er öfter durch die stillen Räume wandern , nun reizte ihn dieses und jenes Bild , der Titel dieses und jenes Buches , er blätterte darin er begann zu lesen Geschichte und Kulturgeschichte , seine alten Lieblingsfächer , fesselten ihn von neuem , und er begann , ohne es zu merken , ernste Studien zu treiben sich in den Geist vergangener Epochen zu vertiefen . Ging er jetzt auf die Jagd , schritt er allein durch die tiefen Wälder , rastete er für sich , nur von dem treuen Hunde begleitet , auf stillen einsamen Höhen , das bunte Gewoge der herbstlich gefärbten Wipfel der Waldbäume zu seinen Füßen , dann vergaß er die Gegenwart , seine öde Lage , dann lebte in seinem Geiste eine andere Welt auf . Da zogen geharnischte Ritter in den [ 183 ] Streit , da ritten edle Kavaliere und schmucke Hofdamen zur lustigen Falkenjagd . Die lebhafte Phantasie des künstlerisch veranlagten Mannes ließ Gestalten , deren Leib längst vermodert war , wieder aufleben . Am lebendigsten aber traten diejenigen vor seine Seele , die in der Welt nicht das gewinnende Los gezogen hatten , sondern einst in den Thälern des Herzogtums , wie er heute , in unerfüllter Sehnsucht dahingewelkt waren mit wundem Herzen und müden Gliedern , an der Kette des Lebens sich dahingeschleppt hatten . In Breitenfels und den umliegenden Schlössern hatte sich so im Laufe der Zeiten so mancher Roman abgespielt , und nicht bei jedem war der Ausgang ein erfreulicher gewesen . Nicht bloß von gebrochenen Lanzen , auch von gebrochenen Herzen wußten die alten Geschichtschreiber des Herzogtums zu berichten . Freilich , jene kalten Schreiber gingen über das große Liebesleid mit kurzen dürren Worten hinweg , Heinz blieb sinnend an solchen Sätzen hängen . Es war , als ob eine unsichtbare Hand die tiefsten Saiten seiner Seele berührte , er las zwischen den Zeilen , was der Chronist verschwiegen