, Heft 50 , S. 821 – 824 Fortsetzungsroman – Teil 11 [ 821 ] Lieschen hing in athemloser Spannung an den Lippen der Erzählenden . „ Einen Augenblick blieb Alles still , “ fuhr die Muhme nach kurzer Pause fort ; „ dann hättest Du hören sollen mit welcher Seelenangst die Lisett wiederholte : ‚ Woher hast Du das goldene Herz , Fränzel ? ‘ Sie schien der Fränzel die Worte von den Lippen lesen zu wollen , und diese hatte den Kopf weit zurückgebogen und sah mit funkelnden Augen zu ihr hinüber ; sie stand mit übereinander geschlagenen Armen , und nach und nach legte sich ein höhnisches Lächeln um ihren Mund . ‚ Was geht ’ s Dich an ? ‘ fragte sie und wollte sich los machen . ‚ Was es mich angeht ? Gütiger Jesus , sie fragt , was es mich angeht ! Marie , so hilf mir doch ! ‘ rief die Lisett , ‚ ich muß es wieder haben ; es ist ja mein – nein , sein – Herr Gott , ich hab ’ es ihm ja geschenkt . ‘ Ich trat näher , ganz starr vor Schrecken . ‚ Gieb das Ding her , Fränzel ! ‘ sagte ich . ‚ Gelt , Du hast es gefunden ? ‘ ‚ Was meint Ihr denn ? ‘ rief diese und schüttelte die Hand Lisett ’ s ab , die schwer auf ihrer Schulter lag , mich wundert , daß Ihr nicht sagt , ich hätt ’ s gestohlen . Es ist mein Eigenthum , ich laß ’ mir ’ s nur von dem nehmen , der mir ’ s geschenkt , und nun rührt mich nicht an ! Ich sollte meinen , Ihr wißt noch von früher , daß ich kratzen kann . ’ Sie trat zurück ; ihre Hände hatten sich geballt ; dann wandte sie sich rasch zum Gehen . ‚ Halt ! ‘ rief Lisett und faßte sie wieder am Arm , ‚ ich frage Dich im Namen Jesu : Wer gab Dir das Herz ? ‘ Sie stand hochaufgerichtet vor dem Mädchen und hielt wie beschwörend die Hand empor – ein Zittern ging durch ihre Gestalt . Den Augenblick werd ’ ich nimmer vergessen , Lieschen . Ich wollt ’ zu ihr hin , um sie zu stützen , aber ich mußte stehen bleiben und sie ansehen ; so schön sah sie aus , durch die entlaubten Zweige der Linden fiel ein Strahl der Herbstsonne und spielte auf ihrem braunen Haar , daß es wirklich aussah wie ein Heiligenschein , und wie ein Heiligenbild stand sie auch da , wie ein Engel vor einer Verlorenen . Fränzel war ganz blaß geworden , als sie den Augen der Lisett begegnete , dann aber riß sie sich los und sagte : ‚ Warum willst Du das wissen ? Hab ’ ich Dich schon einmal danach gefragt , wer Dir das goldne Ringel gab , das Du neulich so heiß geküßt hast in der Laube ? Ja , ja , das hab ’ ich wohl gesehen , ‘ lachte sie , und kann ich nicht auch heimlich ’ nen Liebsten haben ? Denkst Du , weil Du des reichen Lumpenmüllers schöne Lisett bist , die tolle Fränzel gefällt Keinem ? Leb ’ wohl Lisett , und thu ’ nicht so verwundert ! Weiter sag ’ ich Nichts – ’ sie lachte spöttisch auf und rannte über den Mühlensteg , daß ihr rother Rock im Sonnenschein uns in die Augen leuchtete . Die Lisett aber stand bleich und starr und sah ihr nach , und als ich hinging zu ihr und sie trösten wollte , da stieß sie mich hastig zurück , und dann ging sie hinauf in ihre Stube . – Ich wußte nicht , was ich machen sollte , Kind , ob ich ihr folgen sollte oder nicht ; das Herz klopfte mir zum Zerspringen , und wie ich noch so dastand , kam der Lisett ihre Mutter und gab mir einen Auftrag und schalt , daß die Federn da alle so zerstreut lagen auf dem Platze . Ich besorgte , was sie mir befohlen , aber die Thränen drängten sich mir aus den Augen um der armen Lisett ihren schweren Kummer – Herr Gott , wer hätte das gedacht ? Sollte es denn wirklich wahr sein , daß er das Andenken von seinem Schatz an die leichtfertige Dirne vertändelt ? Aber freilich , woher sollte sie es haben ? Und dann das Licht drei Abende hinter einander im Thurmstübchen ! O du einziger Heiland , dachte ich , was soll nun werden ? Und sobald ich konnte , lief ich hinauf zu der Lisett , und da stand sie am Fenster und sah hinüber zum Schloß , und als ich an sie heranging und wollt ’ meinen Arm um sie legen , da sagte sie ganz leise : ‚ Laß gut sein , Mariechen ! Womit wolltest Du mich auch trösten ? Geh ’ nur hinunter , geh ’ nur ! Ich werde schon allein fertig . ‘ Ich schüttelte den Kopf und ging ; ich konnt ’ ja vor Weinen kaum sprechen , aber als ich eben die Stubenthür wieder schließen wollt ’ , da schrie sie auf , so furchtbar , so gellend , und als ich erschreckt zurücklief , da schüttelte es sie wie im Krampf und dann sank sie zu Boden . – Ich wollte sie aufheben aber sie lag schwer in meinen Armen wie eine Todte , und da kam auch schon die Mutter die Treppe herauf , und – Du lieber Gott , Kind , was soll ich Dir das ausmalen ? Es ist mir selbst nur wie ein dumpfer unheimlicher Traum . Die Lisett war schwer krank geworden ; der Doctor gab keine Hoffnung , ich saß Tag und Nacht dort an dem Bette und horchte auf die bangen Phantasien , und das plauderte so süß und erzählte sich Etwas mit