» Und wann haben Sie Zeit gefunden , sie zu machen ? Sie haben viel Zeit und auch einiges Nachdenken erfordert . « » Während der letzten Ferien entwarf ich sie in Lowood , als ich keine andere Beschäftigung hatte . « » Woher haben Sie die Motive genommen ? « » Aus meinem eigenen Kopfe . « » Aus dem Kopfe , den ich jetzt da auf Ihren Schultern sehe ? « » Ja , Sir . « » Hat er noch mehr dergleichen Vorräte in sich ? « » Ich meine wohl ; aber ich hoffe , daß er deren noch bessere in sich trägt . « Er breitete die Bilder wieder vor sich aus und betrachtete sie abwechselnd . Während er noch damit beschäftigt ist , will ich dir , lieber Leser , erzählen , was sie vorstellen , und vor allen Dingen muß ich vorausschicken , daß sie durchaus nichts wunderbares sind . Die Motive hatten sich mir lebhaft aufgedrängt . Als ich sie mit dem geistigen Auge sah , bevor ich versuchte , sie zu verkörpern , waren sie allerdings außergewöhnlich ; aber mein Pinsel konnte mit meiner Fantasie nicht gleichen Schritt halten , und in allen drei Fällen war die Ausführung nur ein schwaches Abbild dessen geworden , was mir vorgeschwebt hatte . Die Bilder waren in Wasserfarben ausgeführt . Das erste stellte düstere , blaugraue , niedrighängende Wolken über einer wildbewegten See dar . Die ganze Ferne lag in Finsternis da und ebenso der Vordergrund oder vielmehr die vorderen Wellen , denn es war gar kein Land auf dem Bilde . Ein einziger Lichtstrahl fiel auf einen halb aus dem Wasser hervorragenden Mast , auf welchem ein Wasserrabe sah , dunkel und groß , dessen Flügel mit Wellenschaum bespritzt waren ; im Schnabel hielt er ein goldenes Armband , welches mit Edelsteinen reich besetzt war ; diesen hatte ich die reichsten Farben verliehen , welche meine Palette herzugeben vermocht , die strahlendste Deutlichkeit , deren mein Zeichenstift fähig gewesen . Hinter Mast und Vogel schien ein ertrunkener Leichnam in dem grünen Wasser zu versinken ; ein weißer Arm war das einzige Glied , das deutlich sichtbar ; von ihm war das Armband herunter gespült oder gerissen . Der Vordergrund des zweiten Bildes zeigte nur die neblige Spitze eines Hügels , von welchem einige Blätter und Grashalme wie vom Winde getrieben , herabrollten . Hinter und über dem Bergesgipfel breitete sich der Himmelsbogen aus , tiefblau wie zur Dämmerzeit ; in den Himmel hinein ragte das Brustbild einer Frau , in so weichen und unbestimmten Farben gemalt , wie es mir nur möglich gewesen , zusammenzustellen . Die klare Stirn war von einem Stern gekrönt , die unteren Gesichtszüge sah man nur wie durch dichten Nebel ; die Augen glänzten dunkel und wild ; das Haar fiel schattengleich herab , wie eine strahlenlose Wolke , welche der Sturm oder die elektrische Kraft zerrissen hat . Auf ihrem Nacken lag ein bleicher Schein wie von Mondesstrahlen herrührend ; derselbe matte Glanz ruhte auf den dünnen Wolken , aus welchen diese Vision des Abendsterns emporzusteigen schien . Das dritte Bild zeigte den Gipfel eines Eisberges , welcher in den nördlichen Winterhimmel hineinragte . Am Horizont schoß ein Nordlicht seine schlanken Lanzen dicht nebeneinander empor . Diese in die Ferne schleudernd , erhob sich im Vordergrund ein Kopf – ein kolossaler Kopf , welcher sich dem Eisberg zuneigte und an diesem ruhte . Zwei magere Hände , welche sich unter der Stirn kreuzten und diese stützten , zogen einen schwarzen Schleier vor die unteren Gesichtszüge ; eine bleiche Stirn , weiß wie Elfenbein und ein hohles , starres Auge , das keinen anderen Ausdruck hatte als den der Verzweiflung , waren allein sichtbar . Über den Schläfen , zwischen turbanartigen Falten einer düstern Draperie , die in Form und Farbe unbestimmt wie eine Wolke war , glänzte ein Ring von weißen Flammen , auf dem hier und da Funken von intensiverem Glanz leuchteten . Dieser blasse Halbkreis war » das Ebenbild einer Königskrone ; was diese krönte , war die Form , die keine Form hat , « » Waren Sie glücklich , als Sie diese Bilder malten ? « fragte Mr. Rochester . » Ich hatte mich in die Arbeit vertieft , Sir ; ja – ich war glücklich . Als ich sie malte , empfand ich eine der höchsten Freuden , die ich jemals gekannt . « » Das will nicht viel sagen . Nach Ihrer eigenen Erzählung sind Ihrer Freuden nicht viele gewesen ; aber ich vermute , daß Sie sich in einer Art von Künstlers-Traumland befanden , als Sie diese seltsamen Farben mischten und auf die Leinwand übertrugen . Haben Sie täglich viele Stunden bei dieser Arbeit zugebracht ? « » Ich hatte nichts anderes zu thun , da es Ferienzeit war , und ich saß vom Morgen bis zum Mittag , vom Mittag bis zum Abend dabei . Die Länge der Mitsommertage begünstigte meine Neigung zum Fleiß . « » Und waren Sie mit dem Resultat Ihrer angestrengten Arbeit zufrieden ? « » Weit entfernt davon . Der Abstand zwischen meiner Idee und meiner Ausführung quälte mich ; in jedem dieser drei Fälle hatte mir etwas vorgeschwebt , was ich außer Stande gewesen zu verwirklichen . « » Nicht ganz . Den Schatten Ihrer Gedanken festzuhalten , ist Ihnen gelungen ; mehr wahrscheinlich nicht . Sie hatten nicht genug künstlerische Geschicklichkeit und Kenntnisse , um jenen vollständig Gestalt verleihen zu können ; jedoch sind die Zeichnungen für ein Schulmädchen immerhin beachtenswert . Die Ideen sind vollständig elfenartig , geisterhaft . Diese Augen in dem » Abendstern « müssen Sie einmal im Traume gesehen haben . Wie haben Sie es nur angefangen , diese so klar und doch nicht glänzend wieder zu geben ? Denn der Stern oberhalb der Stirn schwächt ihre Strahlen . Und welche Bedeutung liegt in ihrer feierlichen Tiefe . Und wer hat Sie gelehrt , den Wind zu malen