mit keiner Silbe , mit keinem Blick . Sein Unterkiefer schob sich leer kauend von links nach rechts ; das Gesicht schien einzutrocknen und plötzlich um Jahre älter zu werden . Die aus ihren Hinterhalten gescheuchte Frau stand noch immer wie eine entflammte Sibylle da , als er sich schweigend umdrehte und das Zimmer verließ . » Es ist ihre Rache , daß ich leide , « murmelte er draußen wie geistesabwesend vor sich hin . » Leide ich wirklich ? « fragte er sich . Er schraubte eine Gasflamme ab , die über einer Konsole brannte . Ja , ich leide , bekannte er widerwillig , ich leide . Mit schlürfenden Schritten ging er an der Wand entlang und kam in einen Raum , in welchem es hell war . Denselben Überdruß , den ihm vorhin seine Person eingeflößt , empfand er nun beim Anblick der geschnitzten Sessel , der bemalten Porzellane , der kostbaren Tapeten und der goldgerahmten Ölgemälde . Er trug Verlangen nach einfacheren Dingen . Ihn verlangte nach kahlen Mauern , nach einem Strohlager , nach trockenem Brot , nach Kargheit und Strenge . Es war nicht zum erstenmal , daß sein erschöpfter Organismus in dem Gedanken einer klösterlichen Abgeschiedenheit Trost suchte . Längst war dieser Protestant , Nachkomme eines uralten Geschlechts von Protestanten , des protestantischen Wesens müde und betrachtete die römische Kirche als die heilsamere und begnadetere . Aber der Wandel der Gesinnung war sein sorgfältig behütetes Geheimnis und mußte Geheimnis bleiben , bis er , der Zuchtlose , der Sohn seiner Mutter , den begangenen Frevel gesühnt haben würde . Darauf zu harren , war sein Entschluß , und wie ein Hypnotiseur durch innere Sammlung das Medium unterwirft , wähnte er , den Eintritt dieses Ereignisses beschleunigen zu können , wenn er ihm eine ausschließliche Herrschaft über seinen Geist einräumte . 3 Als Eberhard von Auffenberg das elterliche Haus verlassen hatte , um sich auf eigene Füße zu stellen , war er hilflos wie ein Kind , das in einer Menschenmenge die Hand des erwachsenen Führers verliert . Er fragte sich : was soll ich tun ? Er hatte niemals gearbeitet . Er hatte an einigen Universitäten studiert , wie so viele andre junge Leute studieren , d.h. er hatte mit Müh und Not eine Anzahl von Prüfungen bestanden . Das Leben hatte ihm keine Aufgaben gegeben und er besaß so wenig Ehrgeiz , daß er jeden Ehrgeizigen für einen Verrückten hielt . Die geringste praktische Leistung bot ihm unüberwindliche Schwierigkeiten , und es war ihm in seiner Freiheit traurig zumute . Leute zu finden , die ihm auf seinen Namen Geld geborgt hätten , wäre nicht schwer gewesen . Aber er wollte nicht Schulden machen , von denen sein Vater hätte Kunde erhalten können , da wäre ja die ganze feierliche Lösung eines unwürdigen Verhältnisses Spiel und Phrase geworden . Mit seinem künftigen Erbteil durfte er rechnen ; und er rechnete damit , wenn auch in diese Rechnung der Tod des Vaters eingeschlossen werden mußte . Er brauchte einen vertrauenswürdigen Helfer und glaubte ihn in Herrn Carovius gefunden zu haben . » Zwei Leute wie Sie und ich werden sich nicht auf unnötige Formalitäten versteifen , « sagte Herr Carovius . » Mir genügt Ihr Gesicht und Ihre Unterschrift auf einem Stück Papier . Zehn Prozent bringen wir gleich in Abzug , damit meine Auslagen gedeckt sind , das Geld ist heutzutage teuer . Ich gebe Ihnen Rentenpapiere ; das Rentenpapier steht fünfundachtzig im Kurs , leider . Die Börse ist ein bißchen krank , aber der kleine Verlust spielt ja bei Ihnen keine Rolle . « Für zehntausend Mark , die er schuldete , empfing Eberhard siebentausendsechshundertfünfzig an Barwert . Nach weniger als einem Jahr war er abermals ohne Geld und verlangte von Herrn Carovius zwanzigtausend Mark . Herr Carovius sagte , er habe eine so große Summe nicht flüssig und müsse erst einen Geldgeber suchen . Eberhard erwiderte grämlich , er möge das nach seinem Gutdünken halten , nur bitte er sich aus , daß vor einem Dritten sein Name nicht genannt werde . Ein paar Tage später berichtete Herr Carovius von haarspalterischen Verhandlungen , von unbescheidenen Provisionen , die von einer Mittelsperson begehrt würden und von Wechseln , die ausgestellt werden müßten . Er schwor , daß ihm das Talent zu dergleichen Verrichtungen fehle , die er nur übernommen habe , weil er sich von einer fast närrisch zu heißenden Affektion für seinen jungen Freund erfaßt fühle . Eberhard blieb ungerührt . Der aalhaft bewegliche Mann mit der piepsenden Stimme gefiel ihm nicht , ach , ganz und gar nicht , eher fing er an , ihn zu fürchten , und diese Furcht stieg im selben Maß , in dem er sich im Netz verstrickte . Die zwanzigtausend Mark wurden gegen einen Zinsfuß von fünfunddreißig Prozent beschafft . Die Wechsel zu unterschreiben weigerte sich Eberhard anfangs ; erst als Herr Carovius beteuerte , sie seien nicht für den Umlauf bestimmt , man könne sie später mit neuen Darlehen ohne Mühe einlösen und sie lägen in seinem Kassaschrank so ruhig wie die Gebeine der Auffenbergschen Ahnen in ihren Sarkophagen , gab der von solchem Wortschwall Ermüdete nach . Mit jedem Federzug , den er tat , spürte er die Gefahr wachsen . Aber er war zu träg , um sich zu schützen , er war zu vornehm , um sich in kleinliche Erörterungen einzulassen , und er war nicht imstande , sich Einschränkungen aufzuerlegen . Die unterschriebenen Wechsel wurden mahnend vorgezeigt ; neue Darlehen beseitigten sie . Die neuen Darlehen erzeugten neue Wechsel ; diese wurden prolongiert . Die Prolongation verursachte Kosten ; ein unheimlicher Namenlos wurde ins Vertrauen gezogen , der Hypotheken aufnahm , Diamanten an Geldesstatt gab und minderwertige Börsenpapiere verkaufte . Als die Schuldenlast eine gewisse Höhe erreicht hatte , forderte Herr Carovius , daß der junge Freiherr sein Leben versichern lasse . Eberhard mußte willfahren ; die Prämie war sehr hoch . Nach Verlauf von drei