habe , oder gar das zierliche Mädchen , die eben vorbeiging und ihrer Freundin die neue Bluse beschrieb , in der sie morgen - morgen ! - den Geliebten entzücken würde . » Auf Wiedersehen morgen ! « hörte er eine Stimme voll weichen Wohlklangs neben sich . Und dieses » Morgen « durchleuchtete ihn plötzlich mit dem Glanz aufgehender Sonne : daß er leer war , bedeutete zugleich frei sein . Und offen für neue Fülle ! Waren das nicht einmal Elsens Worte gewesen ? » Du bist nicht böse , ich seh ' s , « sagte Leonie , sich zu ihm beugend . » Auch nicht , daß ich von dir erzählte , nicht wahr ? Sie erwartet uns beide - morgen . « Man mußte steile fünf Treppen steigen , um zu Sabine Brandis zu kommen , und durch einen dunklen , engen Flur , an einer winzigen Puppenküche vorübergehen bis in das Zimmer , dessen ganze Außenwand ein breites Fenster war . Hielten sich drei Menschen darin auf wie zu jener Nachmittagsstunde , da Konrad und Leonie bei ihr waren , schien es voll zu sein , denn es standen viele gefüllte Bücherregale und mit Heften und Manuskripten beladene Tische umher . » Manchmal sind wir unserer zwanzig und merken im Eifer des Gesprächs die Enge kaum , « sagte lächelnd die kleine zarte Frau , während sie ihren Gästen den Tee einschenkte und ein Plätzchen frei machte , um die Tassen hinzustellen . » Es ist schade , daß Sie nur zum Vergnügen hier sind , « fügte sie nach einer kleinen Pause hinzu , » trotz allen schlechten Rufs , den man uns macht , läßt es sich für den , der arbeiten will , nirgends so gut leben wie hier . Von den Fremden und dem Jahrmarktstreiben , das veranstaltet wird , um die Hotels zu füllen , sind wir durch Wälle und Mauern geschieden . Das Leben nach außen zerfetzt uns hier nicht wie in Berlin , darum vermögen wir um so intensiver nach innen zu leben . « Konrad fühlte die Verpflichtung , sich vor dem klugen durchdringenden Blick dieser Frau von dem Odium der bloßen Vergnügungsreise rein zu waschen . » Sie taxieren uns doch zu gering , « sagte er , » ich kam ohne Vorsatz , also auch nicht mit dem des Vergnügens , eigentlich nur aus dem instinktiven Gefühl heraus , mit der Flucht aus der alten Umgebung mir selbst zu entfliehen ; und Leonie gar begleitete mich unter Verzicht auf alles Amüsement als eine Art seelischer Krankenwärterin . « Leonie wehrte scheinbar ärgerlich und doch vor Freude errötend das Lob Konrads ab : » Du willst immer oben hinaus , auch für andere . Als ob es nicht für ein Mädel wie mich , die nie aus Berlin heraus kam , Vergnügen genug wäre , überhaupt hier zu sein . « » Sie hat recht , ganz recht , « meinte Sabine , ihr zunickend , » und ich würde es lieber hören , Sie , Herr von Hochseß , kämen aus ganz brutaler Vergnügungssucht hierher , die jedenfalls eine Lebensbejahung ist , als aus dieser lebenverneinenden Fluchtempfindung heraus . Die Welt ist doch so überreich an Schönheit , und - was weit herrlicher ist ! - so überreich an unbeackertem , fruchtbarem Boden ! « » Zeigen Sie ihn mir ! « rief er in jugendlich ungestümer Aufwallung , » und diese beiden Hände , die noch von keiner Arbeit zeugen , stell ' ich in seinen Dienst . « » Sind Sie denn blinden Auges durchs Leben gegangen ? ! « sagte sie erregt , » ist Ihnen seelisches und geistiges Leid , Sorge , Furcht und Verlassenheit nie begegnet ? ! Das der einzelnen , das der Lebensalter , der Geschlechter , der Klassen , der Rassen , der Völker , der Welt ? ! « Er errötete dunkel . » Ich habe darüber nachgedacht , « entgegnete er zögernd , » mir schienen aber alle Theorien , auch die des Sozialismus , mit denen die große Not der Menschheit bekämpft werden soll , so unzulänglich , so zweifelhaft . « Seine Stirn färbte sich noch tiefer . Er fühlte , wie jämmerlich es klingen mußte , was er sagte . Es war eine Art Selbstverteidigung , wenn er noch fortfuhr : » Auch schien mir , daß man erst selber etwas sein , selbst eine geschlossene Einheit darstellen muß , ehe man sich erlauben darf , in das Leben und Leiden anderer einzugreifen . « » Und weil Sie den Bettler nicht zum sorgenlosen Bankier machen können , versagten Sie ihm das Brot für - morgen ! « meinte sie bitter , um dann rasch , mit einem fast abbittenden Lächeln hinzuzufügen : » Freilich haben Sie recht , daß man erst selbst etwas sein muß , denn nirgends ist sentimentaler Dilettantismus schädlicher als in der Lebens- und Weltreform - « Es klingelte stürmisch . Sabine öffnete . » Kathi , du ? « hörte man sie rufen . » Um Gottes willen , was ist ? - komm , setz ' dich ! « Und sie führte eine totenblasse Frau hinein , der die Knie schwankten . » Rasch , ein Glas Tee ! « Leonie sprang hilfreich herzu . Konrad wollte stillschweigend gehen . » Bleiben Sie nur ! « Damit drückte ihn Sabinens kleine feste Hand auf den Stuhl zurück . Die Eingetretene kümmerte sich um niemanden . » Ich habe Nachricht von Johannes - endlich ! Endlich ! Aus dem Spital ist er entlassen . Er möchte heim ! « stieß sie mit der ersten Möglichkeit freien Atemholens heraus , während ihr die Tränen in Strömen über die eingefallenen Wangen liefen . Sabine streichelte und küßte die wild Erregte . » Nun gilt es , ihn so rasch als möglich hier zu haben , « sagte sie dann nachdenklich . » Aber wie - wie ? !