. Inzwischen stieg der Kastellan über zwei Wendeltreppen hinauf zu einem weißen , kahlen Korridor , dessen einziger Schmuck aus großen Hirschgeweihen bestand ; Herzog Heinrich war ein leidenschaftlicher Jäger , der in seinen Wäldern das Hochwild überreichlich hegte und den Bauern nicht erlaubte , daß sie Hunde hielten oder ihre Felder durch Zäune schützten . Eine schmale , niedere Tür führte zu einem großen , vielfenstrigen Raume . Rote Kerzen brannten mit starkem Harzgeruche auf vier Hirschgeweihen , die an eisernen Ketten unter der Balkendecke hingen . Um die Wände zog sich mannshoch eine braune , plumpe Täfelung mit Bänken und schweren Kästen . An der Mauer , die über diesem Holze frei blieb , war kein Bild , kein Schmuck , keine Kostbarkeit , nur eine Reihe handwerksmäßig gemalter Wappenschilder mit Spruchbändern . Auf jedem dieser Bänder wiederholten sich in großer Schrift die gleichen drei Worte : » Denk des Loys ! « Stühle wie in einer Bauernstube . Und in der Mitte des Raumes stand ein großer , schwerfälliger Tisch mit Papierrollen , Urkunden und Plänen , mit kleinen Modellen von Schanzen , Kammerbüchsen und hussitischen Heerwagen . An diesem Tasche , schreibend , saß ein Kahlköpfiger in schwarzem Ordenskleid , Nikodemus , des Herzogs geheimer Rat und kluger Finanzmann . Und neben dem Tische - mit den Fäusten am Gürtel , in roten Strumpfhosen und grauem Kittel , der nach Art der Bauernröcke geschnitten und mit Marderpelz gesäumt war - ging Herzog Heinrich auf und nieder , ein kleiner , frischer , brauner Herr von fünfunddreißig Jahren , zart gewachsen und flink beweglich , mit steil herausstechender Nase , mit den Aderwülsten des Jähzornigen an Hals und Schläfen . Dickes , streng gescheiteltes Schwarzhaar , das in kräuseligen Wülsten nach beiden Seiten strebte , umschattete das schmale , olivenfarbene Gesicht , aus dem die Augen eines Menschenverächters dunkel , stolz und lauernd herausbrannten . Er glich einem Südländer . Von seinem Urgroßvater . Kaiser Ludwig wiederholte sich kein Zug an ihm . Alles an Heinrich kam aus dem Blute seiner zierlichen Mutter Maddalena , die ein Kind des Barnabas Visconti war . Dieser kleine Herzog , ein großer Fürst und kühner Kriegsmann , schien so scharf zu hören wie ein Iltis . Bevor die Tür sich öffnete , hatte er schon den leisen Schritt des Kastellans vernommen . Und kaum schob der alte Mann den Kopf zur Türe herein , da fragte Herr Heinrich : » Kam er ? « » Ja , Herr ! « » Wie sieht er aus ? « Der Kastellan zögerte mit der Antwort . » Wie einer , vor dem man sich hüten muß . « » Dann flink herauf mit ihm ! « Der Herzog wurde heiter . » Gott soll ' s , wollen ! « Bei der Türe fragte der Alte : » Soll man ihm Dach und Zehrung im Schloß bieten ? « » Nein ! Der soll in der Herberg bleiben . Da verdient der Leutgeb , und ich spare mein Geld . « Der Kastellan wollte gehen . Da klang durch die offene Tür , vom Korridor herein , ein tollendes Kinderlachen , das immer näher kam . Der Herzog fuhr auf : » Was soll das ? Warum ist der Junge zu so später Stunde nicht im Bett ? « Das feine , helle Lachen war schon nahe vor der Türe . Dazu klang eine leise , ängstliche Mädchenstimme : » Kind , Kind , Kind ! « Lachend kam was Kleines über die Schwelle gewirbelt , in langem Hemdlein und mit nackten Füßen , ein vierjähriges Bübchen , gesund und kräftig , das glühende Gesichtl von wirren Locken umflogen . In Zorn schrie der Herzog : » Man soll das pflichtvergessene Weibsbild stäupen und hinauswerfen ! « Erschrocken blieb das Bübchen stehen . Bei seinem Anblick schmolz der Zorn des Vaters . Er raffte einen schwarzen Mantel auf , der über der Lehne eines Sessels hing , umhüllte den Knaben , trug ihn zum Tisch und stellte ihn auf die Platte , so daß die Gesichter der beiden einander gegenüber waren . Eine junge Magd mit bleichem Gesicht wollte eintreten ; auf der Schwelle wurde sie zurückgezogen , und es erschien eine fünfundzwanzigjährige Frau , schlank , mit einem roten , pelzverbrämten Mantel über dem dünnen Nachtgewande . Scheue , verschüchterte Augen glänzten groß in dem blassen Rundgesichtchen dieser Frau , die mit siebzehn Jahren zum ersten Male Mutter geworden und nach acht Geburten in sieben Jahren schon vorzeitig zu altern drohte . Der Schreck vor dem Muttergespenste war in diesem kindhaften Frauenblick . Zwei Söhne starben im ersten Lebensjahr ; zwei Söhne kamen verfrüht und tot zur Welt . Drei Mädchen lebten . Und dieser gesunde , blühende Knabe . Lautlos war der Kastellan davongegangen . Und Nikodemus verschwand durch eine Seitentür , die man , als sie geschlossen war , in der Täfelung nicht mehr sah . Herzogin Margarete , weil der Gemahl ihre Nähe nicht zu bemerken schien , blieb scheu und fröstelnd bei der Mauer stehen . Herr Heinrich hatte die Hände unter den Mantel geschoben , der das Kind umhüllte , knutschte vergnügt das kräftige Körperchen des Knaben und fragte mit gespielter Strenge : » Du Wildfang , warum schläfst du nicht ? Kinder , die gesund sein wollen , müssen schlafen . « Leise sagte das Büblein : » Hab zum Vatti wollen . « Die Augen des Herzogs glänzten auf . Seine Stimme blieb streng . » Zum Vatti sollst du kommen , wenn die Sonne scheint . Jetzt stehen Mond und Stern am Himmel . Da sollst du schlafen . « Er küßte den Knaben auf die Wange , und seine Stimme verwandelte sich . » Jung , hast du mich lieb ? « Lachend streckte das Kind die Händchen nach Haar und Nase des Vaters . Der fragte heiter : » Wer bin ich ? « » Vatti . « » Ja .