, welcher es ermögliche , Caspar einem verständigen und gebildeten Mann vollständig zu übergeben ; in letzterem Falle müsse Seine Herrlichkeit allerdings die Güte haben , jedem Verkehr mit Caspar schriftlich wie mündlich für die Dauer mehrerer Jahre zu entsagen ; er seinerseits würde sich dafür gern verbinden , dem Lord regelmäßigen Bericht über Caspars Tun und Treiben abzustatten . In der sonstigen Fassung des Schreibens herrschte jedoch die gebotene Devotion vor . » Mit dem wärmsten Dank habe ich , hochzuverehrender Herr , die zahllosen Beweise des Wohlwollens anzuerkennen , mit denen Sie mich seit den wenigen Wochen Ihres Hierseins überschüttet haben « , hieß es unter anderm ; » aus dem Grund meiner Seele habe ich die ungeheuchelte Verehrung an den Tag zu legen , zu welcher mich Ihre Herzensgüte und Ihr seltener Edelmut zwingen . Aus dieser Gesinnung entspringt mir auch die Pflicht des Vertrauens , zu der Sie mich so oft aufgefordert haben , und so trete ich vor Ihnen , edler Mann , geraden und offenen Sinnes auf mit der Zuversicht , daß Sie meinen Worten ein geneigtes Ohr schenken werden . Caspar ist nicht der , für den Sie ihn zu halten scheinen . Wie konnten Sie auch dieses wunderliche Zwitterding kennenlernen , da ihn ja im Umgang mit Ihnen , dem er alles verdankt und von dem er alles erwartet , was sein Sinn begehrt , auch alles dazu einlud , im besten Licht zu leuchten . Herr Graf ! Sie haben ihm eine Freundschaft bezeigt , wie man sie nur einem Gleichgestellten schenkt . Bei der unbegrenzten Eitelkeit , mit welcher die Natur neben so reichen Gaben seine Seele verunstaltet hat und die von einfältigen Menschen hier noch großgezogen wurde , haben Sie unschuldigerweise ein Gift in sein an sich schon krankes Wesen gemischt , das kein Seelenarzt , auch nicht der geschickteste , wird jemals wieder daraus entfernen können . Ich bin von nichts weiter entfernt , als Ihnen damit einen Vorwurf zu machen , ich bitte Sie inständig , auch nicht einen solchen finden zu wollen . Sie sind außer Schuld . Aber feststellen muß ich , daß während der ganzen Zeit , die Caspar in meinem Hause weilte , kein Anlaß war , mit ihm unzufrieden zu sein , während er seit Ihrem Aufenthalt dahier , ich sage es mit blutendem Herzen und mit der Zaghaftigkeit , die mir Liebe und Ehrfurcht gegen Sie , vortrefflicher Mann , gebieten , wie umgewandelt und verkehrt ist . « Eine solche Sprache mußte auch dem verwöhntesten Ohr schmeicheln . Nichtsdestoweniger gab sich Lord Stanhope den Anschein durch den Brief des Freiherrn herausgefordert und verletzt worden zu sein , sprach auch überall in Gesellschaft davon . In einer Eingabe an das Kreisgericht in Ansbach , die sich als notwendig erwiesen und worin er seine Bereitwilligkeit anzeigte , nicht nur während seines Lebens für Caspar Hauser zu sorgen , sondern auch dessen Erhaltung für den Fall seines Todes zu sichern , erwähnte er , daß zwischen ihm und Herrn von Tucher Verhältnisse eingetreten seien , die ihm für jetzt und künftig jeden Verkehr unmöglich machten ; es sei deshalb von Wichtigkeit , daß Caspar tunlichst bald in eine andre Umgebung versetzt werde . Hofrat Hofmann in Ansbach beeilte sich , Herrn von Tucher von der verhüllten Anklage des Lords zu unterrichten . Herr von Tucher war außer sich . Er teilte der Behörde seinen an Stanhope gerichteten Brief wörtlich mit , schilderte noch einmal und in düsteren Farben den unheilvollen Einfluß des Grafen auf Caspars Charakter und ersuchte um schleunige Decharge von einer Vormundschaft , die ihm , wie er sich ausdrückte , Sorgen , Plagen und Lasten und zuletzt noch Undank und Verargung seines redlichen Willens zugezogen habe . Da das Ansbacher Amt ein Gutachten über die Person des Lords gewünscht , schrieb er zurück , er habe den Herrn Grafen als einen seltenen Mann von ausgezeichneten Eigenschaften kennengelernt . Das Gerücht bezeichne ihn als sehr vermöglich , er selbst behaupte , eine jährliche Rente von zwanzigtausend Pfund Sterling , also dreimalhunderttausend Gulden , zu genießen , welches Einkommen ihn übrigens als Earl und erblichen Pair von Großbritannien noch keineswegs unter die reichen Edelleute seines Landes setze . » Vorausgesetzt , daß die hochlöbliche Kuratelbehörde genügende Sicherheit erlangt , « schloß er sein mächtig langes Schreiben , » auch solche , die über gewisse bedenkliche Konjunkturen in England Aufschluß gibt , habe ich als Vormund gegen die Adoption Caspar Hausers durch Lord Stanhope , sonderlich in finanzieller Hinsicht , nichts einzuwenden . « Ein umständliches Verfahren , ein endloser Instanzenweg . Stanhope zappelte schon vor Ungeduld und Wut . Doch schienen ungeachtet des geschäftigen Klatsches und der widerstreitenden Meinungen alle Hindernisse beseitigt , und er sah sich dem von Anfang an mit langsamer Zähigkeit verfolgten Ziele nahe , als plötzlich alles wieder vernichtet wurde . Der Präsident Feuerbach legte nämlich sein Veto ein gegen die Entfernung Caspars aus Nürnberg , Er schickte einen Privatboten an den Bürgermeister Binder und ließ ihn wissen , daß er soeben von seiner Badekur in Karlsbad zurückgekommen und was im Werke sei als vollkommene Neuigkeit vernehme . Er untersagte jede Entscheidung , bevor er den ihm verworren und verdächtig erscheinenden Fall geprüft und die auszuführenden Schritte gutgeheißen habe . Der Bürgermeister fand sich verbunden , den Lord sogleich von der neuen Wendung der Dinge in Kenntnis zu setzen . Stanhope empfing und las das Briefchen Binders in seinem Hotel gerade während man ihn rasierte . Er stieß den Bader beiseite , sprang auf und rannte , noch mit dem Seifenschaum auf seiner Wange , heftig erregt durch das Zimmer . Es dauerte geraume Zeit , bis er sich seiner Toilettenpflicht wieder erinnerte ; er zerriß den Zettel , den ihm Binder geschickt , in hundert kleine Stücke und saß dann unter dem Rasiermesser mit einem Gesicht so voll Haß und Galle , daß die Hand des erschrockenen Barbiers zu zittern begann und er sich nach vollendeter Arbeit