sich verwirrte , und wiederholte es noch ein paarmal , bis sie sein Gesicht dicht vor sich sah und seine Stimme hörte , die fast wie ein Schrei klang : » Was heißt das ? Bist du wahnsinnig geworden ? « » Nein - , Reinhard - , aber es war meine eigene Geschichte , die ich dir gestern erzählte . « Am nächsten Morgen war Ellen allein in der Bahn , bei glühender Sommerhitze und überfüllten Kupees . Wie sie dahin gekommen war , wußte sie selber kaum , nur daß sie einen endlosen Tag immer weiterfuhr und fremde Menschen wie in weiter Traumferne sprechen hörte . Sie fühlte nichts wie einen schweren Druck im Kopf und folternde Schmerzen , die bis zum Hals hinaufstiegen , wie glühende Nadelstiche . Dann und wann hielt der Zug , und sie schrak aus dem Halbbewußtsein empor , sah ein Stück Tageswirklichkeit vorübergleiten , und verwirrte Gedanken wollten durch die Betäubung brechen . Dunkle Bilder der vergangenen Nacht zogen an ihr vorbei - schwere Donner rollten draußen im Finstern , durch die Glastür flammten Blitze und drinnen taumelten zwei Menschen durch Abgründe von Qual . - Reinhard stand vor ihr , schüttelte sie : » Besinn ' dich doch , sag ' mir , daß alles Wahnsinn ist . « Waren sie nicht beide wahnsinnig geworden ? Saßen sich mit irren Blicken gegenüber und redeten zerrüttete , unmenschliche Dinge ? Und eine spukhafte , verzerrte Wirklichkeit um sie her ? Sie hörte seine Stimme , die nur noch wie dumpfes Stöhnen klang , und ihre eigene in gebrochener Klanglosigkeit : » Nein , es ist wahr , Reinhard , es ist wahr , es ist alles wahr . « Dann wieder lag sie im Lehnstuhl , er drüben auf dem Bett in betäubtem Schlaf - die Nacht war vorbei , und der Morgen brach durch die Scheiben - : ein blutiger , zerstörter Morgen . Sie versuchte sich aufzurichten , zu atmen - ihr Körper war wie in glühendes Eisen eingeschnürt . Wieder hielt der Zug , Menschen kamen und gingen , für einen Augenblick zerrissen die tanzenden Gewebe vor ihren Augen - gegenüber war ein Platz frei geworden und Ellen versuchte , die Füße hinaufzulegen . » Es geht nicht « , sagte sie ganz laut , und immer wieder schlug ihr Kopf gegen etwas an . » Sind Sie krank ? « sagte eine fremde Stimme . Sie sah sich um , da saßen zwei junge Mädchen und ein Mann - große , weiße Strohhüte flatterten wie Vögel . Jemand schob ihr ein Kissen unter den Kopf . Ellen schlief und wachte auf , schlief wieder ein , das Kissen verschob sich und wurde zurechtgerückt . Einmal fiel es ganz hinunter , sie schlug die Augen auf und fragte : » Ist es schon Abend - gibt es denn kein Wasser ? « Dabei fühlte sie , wie ihre Zähne aufeinanderschlugen . Dann gab man ihr etwas zu trinken , aber es war nur Feuer , was sie hinunterschluckte . » Sie haben ja Fieber « , sagte wieder die Stimme , oder waren es viele Stimmen , und eine Hand legte sich um ihre . Ellen fühlte , wie ihre Adern gegen die fremden , kühlen Finger hämmerten . Endlich stand der Zug still - in München . Über dem Menschengewühl in der Halle strich kühle Nachtluft . Ellen wußte jetzt plötzlich wieder , wo sie war - , daß jede Bewegung ihr weh tat und der brennende Durst ihr die Sprache raubte . Ein fremder Herr sorgte für ihre Sachen und brachte sie die wenigen Schritte bis zum Hotel . » Ich danke Ihnen « , sagte sie und fühlte , daß ihr Tränen übers Gesicht liefen . Irgendwie kam sie dann die vielen Treppen hinauf in ein Zimmer und lag im Bett . Wieder war es Nacht , und sie wußte nicht , ob sie schlief oder wachte . Immer wieder kam derselbe Traum - , als ob sie von einer schwindelnden Höhe hinunterstürzte , ihre Glieder zerrissen und zerschellten , wollten sich wieder zusammenfügen und rieben sich gegeneinander wie mit lauter schmerzenden Stacheln . Dabei lag sie auf einer wogenden Masse , die sich hob und senkte - , im Kreise drehte . Das hörte nicht auf , begann immer wieder von neuem , bis alles in Fieberdelirien untersank . Der Sommer ging zu Ende , und Ellen lag immer noch im Krankenhaus . Schwer und langsam gingen die Nächte hin , unter quälenden Vorstellungen , die sich immer wiederholten - eine unabsehbare Leiter mit hohen , schmalen Sprossen , die sie hinaufsteigen mußte , und bei der leisesten Bewegung wachten die zerrenden Schmerzen wieder auf und verscheuchten den Schlaf . Dann lag sie und sah nach der Tür , fühlte etwas wie Erleichterung , wenn sich von draußen ein Lichtschimmer nahte und die Schwester kam in ihrem friedlichen , weißen Schleier , das Nachtlicht in der Hand , und ihr wieder frisches Eis brachte . - Und so von Stunde zu Stunde , bis es Morgen war , dann wandte sie mühsam den Kopf nach dem Fenster und sah , wie es über Dächern und Bäumen allmählich heller wurde , lauschte auf jedes Geräusch im Hause , wie die Türen gingen , die Schwestern von der Messe die Treppe heraufkamen , alles wieder erwachte aus der tiefen Stille . Am späteren Vormittag kam der Arzt , manchmal brachte er noch andere mit , sie standen am Bett , stellten Fragen und redeten untereinander . - Dann war Ellen wieder allein , während die wechselnden Tagesstimmungen vorüberzogen da draußen , die Herbstsonne leuchtete oder Regenwolken tropften , hier und da zog auch noch ein verspätetes Gewitter herauf . Nachdem die ersten , fieberheißen Tage vorüber waren , hatte sie immer wieder gefragt , wann sie wieder aufstehen könne , und wurde von Woche zu Woche vertröstet . Jetzt war schon lange nicht mehr die Rede davon