Josefines Ohr , » wir lieben dich ja alle ! Wie hat Hovannessian dich geliebt ! « Über Josefines Nacken rann ein Schauer . Seufzend richtete sie sich auf . » Was sprichst du ? schäm dich auch . « Dann schob sie Helene zurück . » Meinst , ich könnte - aus irgend einem Grunde in der Welt - einem zu eigen sein , den ich nicht will ? « fragte sie , rot vor Scham , » meinst du das ? Und wenn der Himmel einfällt - wenn ich ihn damit aufhalten soll - - « Sie schleuderte etwas von sich mit der linken Hand , wiederholte dann diese Bewegung noch heftiger und wie im äußersten Abscheu mit beiden Händen . » Das ist das einzige , was unmöglich ist , « stammelte sie , » und wenn es die Hölle hier wird - ist mir gleich ! Ich fürchte nichts ! Er wird schon lernen . Wir müssen unter Menschen gehen , Leni , er muß wieder Selbstgefühl kriegen ... « » Und du glaubst , das sei ein Ersatz für - « » Was verlangst du von mir ? « rief die Frau gereizt , » bin ich ein Mollusk , ein Tier ? Lieben , wen ich mag , gehören , wem ich mag - das ist mein Menschenrecht . « » Als verheiratete Frau hast du kein Recht - - « » So ? so ? das denkst du ? so feig denkst du , Mädle , so gering von dir und uns ? « schrie Josefine . Helene war etwas beleidigt . Sie zog sich hinter den Tisch zurück . » Wenn ich mich einmal versagt habe , wenn ich gebunden bin - dann bin ich eben gebunden , « sagte sie verwundert . » Zugleich gebunden und frei - das versteh ich nicht . « » Ja , wer alles verstünde ! « » Bist eben doch inkonsequent , Josefine . « » Mag sein . « » Aber das ist nicht gut . « » Wer ist immer gut ? Man tut , wie man muß . « » Und wenn er wieder - Exzesse - macht ? « » Ja ! « » Und wenn er wieder Exzesse macht , sag ich ? « » Und ich sage ja ! « » Was dann ? « » Weiß nicht . « » Josy ! « » Ja ? « » Du bist hart . « » Das Leben ist mit mir hart . « » Vielleicht , wenn er sich wieder zurückfände , zu dir - « » Nie ! niemals . « » Niemals ? das ist ein unhaltbares Wort zwischen Menschen , Josy , das sollte man nie aussprechen . « » Und ich sag ' s noch einmal ! « » Nun - dann - gib ihn frei , Josy , laß ihn eine andere finden ! Als Medizinerin - - « Josefine hielt sich die Ohren zu , Helene war unerbittlich . » Siehst du nun , wie schwer das ist ? Siehst du nun , was du auf dich genommen hast ? Viel zu unbedacht hast du gehandelt , hast dir Übermenschliches zugetraut ! Aber jetzt , nicht wahr , jetzt fürchtest du dich doch , daß du dich beschmutzen könntest ? jetzt wärst du selber froh , wenn du getan hättest , wie alle Leute dir rieten ? Josy , wirklich , ich habe dies kommen sehen ! Sobald ich deine Geschichte erfuhr , und dann , als ich ihn mit Augen sah- « Josefines hartnäckiges Schweigen ermunterte die Mathematikerin immer mehr . Mit einer Art Triumph sprach und sprach sie - ihre Genugtuung , recht zu behalten , war so groß , daß sie ihr Mitgefühl für die Freundin erstickte . » Du willst mit Menschen verfahren wie mit Schachfiguren , Josy , so einfach verfügen : stehe hier , aber keinen Schritt darfst du selbständig tun ! Das lassen die Menschen sich aber nicht gefallen ! Die haben auch ihren Willen , ihre Individualität , ihr Ich . Paßt es ihnen zufällig , so werden sie wohl stehen bleiben ; paßt es ihnen nicht , so kümmern sie sich wenig um deinen Willen . Solche künstliche Schranken aufrichten - das ist sehr leicht , aber die anderen zwingen , diese Schranken zu achten , das ist ganz was anderes ! « Hilflos , müde , mit verfallenem Gesicht hockte Josefine im Sessel . Nicht nur die Worte , auch die Gedanken versagten ihr . » Ich brauche etwas Schlaf - früh aufgewesen - « murmelte sie , die Augen schließend ; ihr Kopf mit der eckigen Wangenlinie und den abwärts gezogenen Mundwinkeln sank zurück . Sie schlief nach wenigen Minuten . Fräulein Begas schob ihr ein Kissen hinter den Kopf - mit einem kindlichen Lächeln , das sie ganz verjüngte , dankte Josefine , ohne die Lider zu öffnen . In dem stummen , unterirdischen Kampfe , der da im » Grauen Ackerstein « zwischen niederzwingenden und emporreißenden Gewalten geführt ward , gab es Waffenstillstand . Wie der Tiger , der den Sprung verfehlt hat , so war Georges in seine Stube zurückgeschlichen , gedemütigt , unterjocht , mit lahmen Gliedern . Er arbeitete an der Drehbank die nächsten Tage . Kam jemand zu ihm , so erhielt er von dem Emsigen kaum einen blöden , leeren Blick , ein mattes Gemurre ; er aß sehr stark , schlief viel , führte eine Art Pflanzenleben . Seine Frau war ganz durch Vorbereitungen zum Staatsexamen in Anspruch genommen . Dazwischen kamen Sorgen wegen der Dissertation . Josefine hatte eine große Anzahl Mikrophotogramme für ihre Abhandlung bereit , deren Wiedergabe im Druck unerwartete Schwierigkeiten verursachte . Sie kam mit einem mißlungenen Cliché zu Georges , um seine Meinung zu hören . Ganz unbefangen kam sie , frisch und eifrig ; wie Mann zum Manne sprach sie zu ihm . Es war das erste Mal