Lippen hatte nicht aufgehört . Jetzt ließ auch sie sich in einen Fauteuil sinken , der Mutter gegenüber . » Laß hören , « sagte sie . » Ich möchte vorher wissen , was zwischen Dir und Deinem Mann vorgefallen - und aus welchem Anlaß ... Du hast Dir doch nichts zu schulden kommen lassen ... Warum bist Du so verstört ? « » Weil ich empört bin , empört ! Dieser Mensch , der mich seit Jahr und Tag betrügt - nein nicht einmal betrügt , sondern mir ins Gesicht die Treue bricht - der wagt es , mir Befehle zu erteilen , auf daß ich mich und ihn nicht kompromittiere - seine Ehre hängt also nicht von ihm ab , sondern von dem , was ich tue oder lasse ... « » Das ist schon einmal so , liebes Kind - die Untugend eines Gatten gibt der Frau kein Recht , ihren eigenen Ruf aufs Spiel zu setzen ... Wenn es in der Welt hieße , daß dieser junge Bresser - « » In der Welt , in der Welt ! ... das ist doch nicht das höchste , diese Welt , in der es heißt - diese blöde , widerspruchsvolle , ungerechte Welt , in deren Vorurteilsnetzen auch meine sonst so gedankenkühne Mutter gefangen ist - - « » Aber Sylvia ! « » Ja , ja - den Militarismus , so das , worauf unsere ganzen Staaten ruhen , das , was unserer Fürsten Lieblingsbesitz und unserer Adelsfamilien Existenzgrundlage ist , das möchtest Du nur so wegblasen . - Die himmelschreiende Ungerechtigkeit aber in der Gesellschaft , mit Bezug auf die Pflichten von Mann und Frau , die siehst Du nicht - da soll man sich fügen , da sagst Du , es ist schon einmal so ... Der Mann mag Liebschaften haben , soviel er will - ohne auch nur den Schein zu wahren , die Frau aber soll alles dulden , muß ihr Herz und ihre Sinne ersticken , ihrem Glück entsagen - nur damit die famose Welt nicht tuschelt ... eine Welt noch dazu , die ihre Gesetze nicht einmal einhält , sondern täglich im Geheimen übertritt - geheim muß es nur sein ... Nein , Mutter , siehst Du nicht ein , daß da ein Unrecht , eine Knechtschaft herrscht , die mit den andern Formen von Sklaverei und Unglück sich messen kann , gegen die Du Dich auflehnst , wie es mein Vater getan und wie Rudolf es tut ! « Martha war betroffen . In dieser Richtung hatte sie in der Tat niemals einem auflehnenden Gedanken Raum gegeben . Sie antwortete nichts . Da sie ihrer Entrüstung Luft gemacht , fühlte sich Sylvia wieder ruhiger . Sie stand auf und ging zu ihrer Mutter hin : » Im übrigen , Mama , « sagte sie , indem sie den Arm um Marthas Schulter legte , » sei mir nicht böse , und sei nicht besorgt . Ich habe mir wirklich nichts vorzuwerfen - aber von Anton lasse ich mir nichts befehlen . « » Und von mir nichts predigen ? « » Auch das nicht , liebste Mutter . Ich kann und will allein fertig werden mit meinem Herzen und meinen Pflichten . « » So gibst Du zu , daß Du Pflichten hast ? « » Die hat jeder - es kommt nur darauf an , gegen wen - « » Du meinst , gegen sich selber ? « » Reden wir jetzt von anderen Dingen , bitte . Was hörst Du von Rudolf ? « Martha blieb nicht lange . Die Erregung und die Worte ihrer Tochter hatten sie erschüttert . Über die Sache weiter zu reden , nachdem Sylvia erklärt hatte , sie wolle allein mit sich fertig werden , ging nicht gut an und von anderen Dingen zu sprechen , war sie nicht aufgelegt . Also brach sie ihren Besuch vorzeitig ab . Kaum war sie einige Minuten fort , als der Diener meldete : » Herr Bresser . « Sylvia mußte einen Aufschrei unterdrücken . Eine warme Woge schwellte ihr das Herz . Nach dem Vorgefallenen hätte ihr keine Nähe zugleich verwirrender und teurer sein können , als die Nähe des jungen Dichters . - Nach drei Seiten Bretterwände mit Nägeln und Mauern mit Glasscherben und nur eine Seite frei , wo ein lichtübergossener Pfad hinausführte aus all dem Dunkel und auf diesem Pfad - bereit , ihr das Geleit zu geben : Hugo Bresser . So empfand sie in dieser Minute . Hätte er seine Arme geöffnet - sie wäre hineingesunken und hätte dabei nicht den geringsten Skrupel gehegt , daß dies etwa nicht in Reinheit geschehen . Er aber , förmlich wie immer , verbeugte sich , und die kleine zitternde Hand führte er respektvoll an seine Lippen . Er bemerkte ihre Blässe und ihren ungewohnten Ausdruck . » Sind Sie nicht ganz wohl , Gräfin ? « » O ja , ganz wohl . Setzen Sie sich , bitte . « Er gehorchte . » Ich täusche mich nicht , Gräfin Sylvia , Sie sind in einer außergewöhnlichen Gemütsverfassung ... doch , ich habe keinen Anspruch auf Ihr Vertrauen . « Sie antwortete nichts . Nach einer Weile sagte er leise : » Sie sind nicht glücklich ... « Und sie noch leiser : » Nein , nein , nein - glücklich bin ich nicht . « » Sylvia ! « Zum ersten Male nannte er sie so . Sie schauerte , doch sie rügte es nicht . Sie hob nur die Augen und schaute ihn tief und rätselhaft an . Unter diesem Blicke erschauerte nun er , und das lang zurückgehaltene Geständnis drängte sich hervor : » Sie wissen doch , nicht wahr , Sie wissen es , daß - « Sylvia erriet an seinem Gesichtsausdruck , an dem Ton seiner Stimme , was jetzt kommen sollte und sie unterbrach ihn mit einer heftig abwehrenden Handbewegung : » Ich weiß ,