Frau Wohlgebrecht nach fast einjähriger Abwesenheit nach Berlin zurück . Wer der guten Frau vorhergesagt hätte , dass ihre freiwillig übernommene Liebessorge sie so lange von ihrem Berliner Pflichtenkreis fernhalten würde , wäre schlecht bei ihr angekommen . Niemals würde sie es für möglich gehalten haben , dass sie ihr Geschäft so lange im Stich lassen könne , insbesondere da der Schlingel von Gerhart gleichfalls fahnenflüchtig geworden war . Den freilich entschuldigte der grosse Erfolg seines Frühlingsdramas , auf den Frau Wohlgebrecht , trotz all ihrer unverändert bestehenden Antipathie gegen die moderne Richtung in der Literatur , doch unbändig stolz war . Für einen so berühmten Dichter schickte es sich freilich nicht mehr , hinter dem Ladentisch zu stehen und Bücher auszuleihen . In den Gedanken hatte Frau Wohlgebrecht sich in ihrer westpreussischen Verbannung schon gefunden . Aber dass er nicht einmal in Berlin war , als sie jetzt endlich zurückkam , das ging ihr doch gegen den Strich . Umständlich berichtete der neue Gehilfe , der seine Sache übrigens ganz ordentlich gemacht hatte und in seiner Geschäftspraxis genau so altmodisch war , wie Frau Wohlgebrecht es nur wünschen konnte , dass Herr Schmittlein schon seit Ende November fort sei . Zuerst in Leipzig , wo sein Frühlingsdrama auch ein grosser Erfolg gewesen sei . Jetzt sei er in München , um dort die Aufführung vorzubereiten . Das Fräulein , das hier die Hauptrolle gespielt habe , sei auch mit , weil sie in München ebenfalls auftreten sollte . Von München aus , so hätte Herr Schmittlein ihm aufgetragen zu sagen , würde er an die Frau Tante ausführlich schreiben . Er würde wohl bis zum Frühjahr dort bleiben . Herr Schmittlein solle , so viel er wisse , da ein neues Theater gründen helfen . Das Theater der Intimen oder so etwas ähnliches . Er wisse es nicht genau . Nur so viel wisse er , dass es noch freier sein sollte als die freie Bühne hier . Nun also , wenn es einmal so war , musste sie sich auch darein finden . Frau Wohlgebrecht war nicht die Frau dazu , sich über einmal feststehende Dinge noch den Kopf zu zerbrechen . Behaglich war es ja freilich nicht , jetzt , nachdem sie fast ein Jahr lang in der Familie ihrer Nichte gelebt hatte und an stete Gesellschaft gewöhnt war , hier mit Minna allein zu sitzen . Ordentlich ängstlich sah sie sich in ihrem kleinen Zimmerchen um . Das alte schwarze Rosshaarsofa kam ihr unheimlich gross vor , seit Gerhart nicht mehr in der anderen Ecke sass und mit blassem Gesicht und grossen brennenden Augen moderne Dichtungen verschlang . Lange würde sie es so nicht aushalten . Das fühlte sie schon am ersten Abend . Am besten wäre es schon , gleich ein Ende zu machen und sich Lotte herum holen zu lassen , nach der sie fast ebenso grosse Sehnsucht empfand wie nach dem treulosen Schlingel , dem Gerhart . Als Frau Wohlgebrecht Minna den Auftrag gab , zu Fräulein Weiss zu gehen , war sie äusserst betroffen , von dem Mädchen zu hören , dass die Schwestern , die eine seit dreiviertel , die andere seit einem halben Jahre , nicht mehr in der Zimmerstrasse wohnten . Weshalb hatte weder Gerhart noch Lotte ein Wort von diesen Veränderungen geschrieben ? Minna zuckte die Achseln . Sie wisse nichts genaues , aber man rede so allerhand in der Nachbarschaft . Dem Fräulein Lottchen solle es nicht zum besten gehen . Sie habe fast nichts mehr verdient , habe all ihre Sachen verkaufen müssen und sei in eine Dachwohnung weit raus nach Schöneberg gezogen . Jetzt hätte sie schon seit Monaten nichts mehr von ihr gehört . Dem anderen Fräulein ginge es aber dafür desto besser . Die hätte einen Blumenladen in der Potsdamerstrasse und solle ein feines Geschäft machen . Wie das so gekommen sei , könne sie auch nicht sagen . Die Köchin von den Wirtsleuten , bei denen die Fräuleins nebenan gewohnt hätten , würde die Adresse von dem Fräulein wohl kennen - Frau Wohlgebrecht wisse schon , die immer die Bücher austauschen käme - die Jette mit den dicken roten Armen . Minnas ziemlich teilnahmloser Bericht traf die gutmütige Frau bis ins Herz . So schlecht erging es dem armen Kinde und sie hatte nichts davon erfahren , hatte nicht raten , nicht helfen können ! Wie rasch mochte es da bergab gegangen sein ! Als sie vor nun einem Jahr , kurz vor ihrer unerwartet schnellen Abreise nach Westpreussen , mit Lottchen über den Stand ihrer Angelegenheiten gesprochen , hatte es zwar nicht zum besten gestanden , aber von wirklicher Not , von bitterem Elend war doch noch nicht die Rede gewesen . Armes , armes , kleines , verlassenes Ding ! Das würde sie dem Gerhart nie verzeihen , dass er sie darüber im unklaren gelassen hatte . Gleich morgen mit dem frühesten wollte sie hinaus und nach Lotte sehen , und wenn ' s notthat , sie gleich mit sich nehmen . Gerharts Zimmer und Bett war ja frei , und sie brauchte jemand , für den sie sorgen , den sie hegen und pflegen konnte . Sie schickte Minna sofort zu der Köchin mit den dicken roten Armen herum und liess Lottes Adresse holen . Das Fräulein soll Monate lang schwer krank gewesen sein , brachte das Mädchen mit dem Bescheid zurück . Auch das noch , Armut und schwere Krankheit ! Ganz früh machte Frau Wohlgebrecht sich auf , um die weite Reise nach dem Westen anzutreten . Erst aber kaufte sie noch allerhand gute Sachen ein , wie sie sich für eine Rekonvalescentin schicken . Sie wollte ihr Lottchen schon wieder gesund päppeln . Gott weiss , ob der Wurm nicht vor purem Hunger krank geworden war ! Nicht ohne Anstrengung keuchte Frau Wohlgebrecht die vier steilen Treppen , die eigentlich fünf waren , bis unter das Dach zu Lottes kleiner Wohnung hinauf . Auf den engen