mild-ernstes Gesicht und ließ seine rechte Hand in der linken Brusttasche des Smokings verschwinden , der jetzt schon ein bischen speckig geworden war . Dann entfaltete er eine Nummer der Kreuz-Zeitung und las aus dieser , aber nicht aus ihrem gedruckten Texte , dies : Gieb mir Deine Hände , Kind , Deine kleinen weichen Hände , Die wie Blütenblätter sind , Kühl und feucht . Gieb mir Deine Hände leis , Deine kühlen , feuchten Hände , Denn die meinen sind so heiß Wie mein Herz . Gieb mir Deine Hände , gieb Still sie mir in meine Hände , Kleines Mädchen , hab mich lieb , Hab mich lieb ! Er las das mit einem seltsamen Flüstertone , flehend . Stilpe schüttelte den Kopf : - Aber wer soll denn das singen ! Das ist ja Lyrik ! Himmlische Mächte : Was soll ich mit Lyrik anfangen ? Das geht ja nicht ! Das ist ja viel zu zart ! Ein Tingeltangel ist doch kein Lesekränzchen ! Der Peripathetiker steckte die Kreuzzeitung ruhig in die Hosentasche und sagte blos : - Ich dachte , es paßte . Ich fände das Gedicht sehr passend , wenn es ein junger müder Mann an ein kleines Mädchen hinsänge , und er nähme ihre Hand und küßte ihr dann die Füße . Aber ich habe auch komische Gesänge . Ein Lied vom geschorenen Pintscher habe ich einmal gemacht . Ich werde es suchen . Er setzte sich neben den Bärenführer und strich mit seinen schönen schmalen Händen den langen Apostelbart . Kasimir grinste : - Hehe , Du hast wohl genug , Direktor . Weißt Du , meine polnische Rhapsodie werde ich Dir auch hier lassen . Auf diesem sehr umfangreichen Schreibtisch da . Hehe , sie wird auch nicht passen . Du willst natürlich , hehe , Humor ! Und so mußt Du Herrn Stinde engagieren oder diesen , äh , wie heißt doch der Herr , diesen dicken deutschen Biertrinker , hehe , richtig : Hartleben , hehe ; dieser Pilsener-Bier-Joethe paßt für Dich sehr gut . Das ist ein hervorragender Dichter , hehe , geradezu der Onkel der deutschen Poesie . Ich liebe ihn , hehe ! Er hat gerade so einen schönen Hornkneifer wie Du . Stilpe lächelte . Gegen diese Manier fühlte er sich gewappnet . Aber wütend war er doch . Sie fingen also schon an , ihn zu verachten . Blos , weil er klug war . Weil er langsam vorgehen wollte . Nicht mit dieser tolpatschigen Hast junger Jagdhunde , sondern mit der Ruhe bewußter Verantwortlichkeit . Unter seiner Freude an der bewegten Arbeit eines Sprechstunde abhaltenden Theaterdirektors hob sich mehr und mehr ein Ingrimm gegen die Leute , mit denen zusammen er eigentlich gedacht hatte , das Momus-Theater zu machen . Ihre Unfähigkeit , für die Zwecke dieses Theaters zu arbeiten , empfand er nicht als einen Mangel ihrer Begabung , sondern er ärgerte sich darüber , daß sie auch in diesem Falle keinerlei Konzessionen an den Begriff des Zweckes in der Kunst machten , und er beneidete sie im Grunde darum . Zwar sagte er sich manchmal , daß sich darin auch Schwäche und Zügellosigkeit offenbarte , aber seine eigene Fähigkeit , gerade für das Momus-Theater zu arbeiten , erschien ihm als ein Anzeichen seiner künstlerischen Inferiorität . Er fing mit einemmale an , die » Dichterei « zu hassen , und es war ganz ehrlich , wenn er der Muse gegenüber es verwünschte , daß die » Literatur « ein Hauptprogrammpunkt ihrer Gründung war . Und dabei hätte er doch auch um Alles nicht ein bloßer Tingeltangeldirektor sein wollen . Der Gedanke , auf so paradoxe Weise der Kunst zu dienen , kitzelte ihn angenehm . Aber gerade für das Eigentliche des Unternehmens , gerade für die Verbindung des wertvoll künstlerischen mit dem Tingeltangelhaften , that er am wenigsten . Dafür mußten der Zungenschnalzer und die Muse die Hauptarbeit leisten . Er warf nur zuweilen » Ideen hinter die Kulissen « , schrieb ein paar Couplets von geistreicher Frechheit und entfaltete im Übrigen eine mehr fahrige als zielbewußte Thätigkeit . Besonders groß war er in der Anschaffung schön bedruckter Stoffe aus England und Belgien . Auch ließ er ausgezeichnete Plakate lithographieren und drucken . In Paris und London engagierte er brillante Tänzerinnen und Sängerinnen zu sehr hohen Gagen ; das Beste , was das Ausland an Variété-Theaterkunst hervorbrachte , verpflichtete er dem Momus-Theater . In gewissen Äußerlichkeiten war er sehr erfinderisch und originell . So stellte er anstelle von Logenschließern hübsche junge Mädchen in allerliebst dekolettierten Kleidern an , sorgte für schöne Blumenverkäuferinnen und benutzte seine vorzüglichen Verbindungen in der besseren Berliner Halbwelt zu einer auf das Prinzip der Auswahl des Besten hin systematisierten Verteilung der Freibillets . Der Pole karakterisierte das Ganze in seiner Weise so : - O Herr Direktor , Du bist geradezu dschenial ! Du eröffnest Ausblicke in geradezu orientalische Kulturen ! Du solltest direkt ein literarisches Bordell gründen ! Weißt Du , hehe , wo die Mädchen auch gleich dichten oder Joethe deklamieren . Hehe , was Du da für reizende Divänchen in die Logen gestellt hast ! Und diese köstlichen Rosa-Ampeln ! Hehe , und daß man die Logenthüren von innen verriegeln und an der Brüstung die Vorhänge zuziehen kann , - daran erkenn ich den Meister ! Und so sollst Du überhaupt gar keine Vorstellungen geben lassen , sondern blos , hehe , Eintrittspreise verlangen ; hehe : » Damen zahlen die Hälfte . « - Na , und wenn es so wäre ! entgegnete Stilpe unerschrocken , wäre das nicht auch schon Verdienst genug ? So ein bischen angewandte Erotik ist genau so wichtig , wie eure ganze Schreiberei . Und deshalb ärgert ihr euch eben : Weil Ihr seht , daß ich ins Leben wirken will mit dem Momus und nicht blos in die Literatur . Ihr seid die großen Geister ; gut , schön , eminent : Ich laß euch eure