Noch gefährlicher für die ganze Grafschaft war aber ein Wanderapostel aus Berlin , der von Dorf zu Dorf zog und die kleinen Leute dahin belehrte , daß es ein Unsinn sei , von Adel und Kirche was zu erwarten . Die vertrösteten immer bloß auf den Himmel . Achtstündiger Arbeitstag und Lohnerhöhung und Sonntagspartie nach Finkenkrug - das sei das Wahre . So zersplitterte sich ' s allerorten . Aber wenigstens um den Stechlin herum hoffte man der Sache noch Herr werden und alle Stimmen auf Dubslav vereinigen zu können . Im Dorfkruge wollte man zu diesem Zwecke beraten , und Donnerstag sieben Uhr war dazu festgesetzt . Der Stechliner Krug lag an dem Platze , der durch die Kreuzung der von Wutz her heranführenden Kastanienallee mit der eigentlichen Dorfstraße gebildet wurde , und war unter den vier hier gelegenen Eckhäusern das stattlichste . Vor seiner Front standen ein paar uralte Linden , und drei , vier Stehkrippen waren bis dicht an die Hauswand herangeschoben , aber alle ganz nach links hin , wo sich Eckladen und Gaststube befanden , während nach der rechten Seite hin der große Saal lag , in dem heute Dubslav , wenn nicht für die Welt , so doch für Rheinsberg-Wutz , und wenn nicht für Rheinsberg-Wutz , so doch für Stechlin und Umgegend proklamiert werden sollte . Dieser große Saal war ein fünffenstriger Längsraum , der schon manchen Schottischen erlebt , was er in seiner Erscheinung auch heute nicht zu verleugnen trachtete . Denn nicht nur waren ihm alle seine blanken Wandleuchter verblieben , auch die mächtige Baßgeige , die jedesmal wegzuschaffen viel zu mühsam gewesen wäre , guckte , schräg gestellt , mit ihrem langen Halse von der Musikempore her über die Brüstung fort . Unter dieser Empore , quer durch den Saal hin , stand ein für das Komitee bestimmter länglicher Tisch mit Tischdecke , während auf den links und rechts sich hinziehenden Bänken einige zwanzig Vertrauensmänner saßen , denen es hinterher oblag , im Sinne der Komiteebeschlüsse weiterzuwirken . Die Vertrauensmänner waren meist wohlhabende Stechliner Bauern , untermischt mit offiziellen und halboffiziellen Leuten aus der Nachbarschaft : Förster und Waldhüter und Vormänner von den verschiedenen Glas- und Teeröfen . Zu diesen gesellte sich noch ein Torfinspektor , ein Vermessungsbeamter , ein Steueroffiziant und schließlich ein gescheiterter Kaufmann , der jetzt Agent war und die Post besorgte . Natürlich war auch Landbriefträger Brose da samt der gesamten Sicherheitsbehörde : Fußgensdarm Uncke und Wachtmeister Pyterke von der reitenden Gensdarmerie . Pyterke gehörte nur halb mit zum Revier ( es war das immer ein streitiger Punkt ) , erschien aber trotzdem mit Vorliebe bei Versammlungen der Art. Es gab nämlich für ihn nichts Vergnüglicheres , als seinen Kameraden und Amtsgenossen Uncke bei solcher Gelegenheit zu beobachten und sich dabei seiner ungeheuren , übrigens durchaus berechtigten Überlegenheit als schöner Mann und ehemaliger Gardekürassier bewußt zu werden . Uncke war ihm der Inbegriff des Komischen , und wenn ihn schon das rote , verkupferte Gesicht an und für sich amüsierte , so doch viel , viel mehr noch der gefärbte Schuhbürstenbackenbart , vor allem aber das Augenspiel , mit dem er den Verhandlungen zu folgen pflegte . Pyterke hatte recht ; Uncke war wirklich eine komische Figur . Seine Miene sagte beständig : » An mir hängt es . « Dabei war er ein höchst gutmütiger Mann , der nie mehr als nötig aufschrieb und auch nur selten auflöste . Der Saal hatte nach dem Flur hin drei Türen . An der Mitteltür standen die beiden Gensdarmen und rückten sich zurecht , als sich der Vorsitzende des Komitees mit dem Glockenschlag sieben von seinem Platz erhob und die Sitzung für eröffnet erklärte . Dieser Vorsitzende war natürlich Oberförster Katzler , der heute , statt des bloßen schwarz-weißen Bandes , sein bei St. Marie aux Chênes erworbenes Eisernes Kreuz in Substanz eingeknöpft hatte . Neben ihm saßen Superintendent Koseleger und Pastor Lorenzen , an der linken Schmalseite Krippenstapel , an der rechten Schulze Kluckhuhn , letzterer auch dekoriert , und zwar mit der Düppelmedaille , trotzdem er bei Düppel in der Reserve gestanden . Er scherzte gern darüber und sagte , während er seine beneidenswerten Zähne zeigte : » Ja , Kinder , so geht es . Bei Alsen war ich , aber bei Düppel war ich nich , und dafür hab ich nu die Düppelmedaille . « Schulze Kluckhuhn war überhaupt eine humoristisch angeflogene Persönlichkeit , Liebling des alten Dubslav , und trat immer , wenn sich die alten Kriegerbundleute von sechsundsechzig und siebzig aufs hohe Pferd setzen wollten , für die von vierundsechzig ein . » Ja , vierundsechzig , Kinder , da fing es an . Und aller Anfang ist schwer . Anfangen ist immer die Hauptsache ; das andre kommt dann schon wie von selbst . « Ein alter Globsower , der bei Spichern mit gestürmt und sich durch besondere Tapferkeit hervorgetan hatte , war denn auch , bloß weil er einer von Anno siebzig war , ein Gegenstand seiner besonderen Bemängelungen . » Ich will ja nich sagen , Tübbecke , daß es bei Spichern gar nichts war ; aber gegen Düppel ( wenn ich auch nicht mit dabeigewesen ) , gegen Düppel war es gar nichts . Wie war es denn bei Spichern , wovon du soviel redst , als ob sich vierundsechzig daneben verstecken müßte ? Bei Spichern , da waren Menschen oben , aber bei Düppel , da waren Schanzen oben . Und ich sage dir , Schanzen mit ' m Turm drin . Da pfeift es ganz anders . Das heißt , von Pfeifen war schon eigentlich gar keine Rede mehr . « Eine Folge dieser Anschauung war es denn auch , daß in den Augen Kluckhuhns der Pionier Klinke , der bei Düppel unter Opferung seines Lebens den Palisadenpfahl von Schanze drei weggesprengt hatte , der eigentliche Held aller drei Kriege war und alles in allem nur einen Rivalen hatte . Dieser eine Rivale stand aber drüben