nach Sedan , Metz und der dritten Einnahme von Paris in die deutsche Welt hineingekommen , und das Eigentum ihrer Vorfahren väterlicher Seite hat kaum noch viel Bedeutung für sie . Was in der Dorotheenstraße noch pietätvoll zusammengetragen worden war , das dient in der jetzigen Villa des Beaux in den Gemächern nur noch hie und da zur Zier , und im Salon der Frau Kommerzienrätin schaut der erste brandenburgische Ahnherr , der Sieur Antoine des Beaux , dem der Große Kurfürst seinerzeit die Hand geschüttelt hat , von der Wand aus seinem Clair-obscur ernst , aber auch ruhig in das Plein-air des laufenden Tages hinein . Das Bild hat Kunstwert : von wieviel Wänden wird es wohl noch auf fremde Leute hinuntersehen ? Und Leonie ? Leonie des Beaux ? Von der wissen die Kinder ihres Bruders nur zu sagen , daß sie sehr gut , aber nur einmal auf längere Zeit zu ihnen und Papa und Mama vom Rheine her gekommen sei , ohne daß einer im Hause oder sonst jemand sehr krank gelegen habe . Leonie des Beaux hatte sich wie Velten Andres ihres Eigentums an der Welt entledigt , sie war Diakonissin zu Kaiserswerth geworden und diente dem Herrn jetzt auf einer » Arbeitsstation « in Deutsch-Lothringen . Da ich die Feder auch nicht in ihre Hand legen kann , hatte ich dieses zu den Akten zu bringen , ehe ich weiterschreibe in Sachen Velten Andres und - Helene Trotzendorff . - - - Ich bin wieder auf dem ersten Blatt der Chronik des Vogelsangs . » Du mußt und willst doch auch wohl als erster guter alter Freund Von allen nach Berlin ? « hatte meine Frau an jenem Novemberabend gefragt , und » Morgen , wenn es mir irgend möglicht ist « , hatte ich ihr geantwortet . Dann waren wir beide , Anna und ich , zu unserem jungen Volk gegangen , um uns zu vergewissern , daß wenigstens da noch alles in Ordnung auf Erden sei . Am andern Mittag war ich in Berlin . Meine Stellung in unserm Staatswesen erlaubte mir , den nötigen Urlaub , wenigstens für einige Tage , mir selber zu geben . » Erkälte dich nicht , Alter « , hatte meine Frau gesagt . » Bedenke deinen Rheumatismus und denke auch ein wenig an deine Jahre , und daß wir im November sind . « Ich bedachte freilich manches in meinem Blitzzuge ; auch nicht zum mindesten meine wohlgezählten achtundvierzig Lebensjahre . Würde ich aber noch einmal von meinen Türen , die ein Bedienter öffnete , von meiner behaglichen Luftheizung , meinen amtlichen Aussichten auf die Zukunft und darin den Titel Exzellenz , ja , würde ich auch nur noch einmal von Weib und Kindern reden , so liefe das nur auf eine Wiederholung von schon Gesagtem hinaus . Während einer unbehaglichen Wirtstafel hatte ich mir zu überlegen , ob ich am besten erst den Kommerzienrat des Beaux in seiner Villa oder Mistress Mungo im Kaiserhof von meiner Ankunft benachrichtige und ihnen die weitere Führung überlasse . Zwischen drei und vier Uhr nachmittags aber stand ich allein in der Dorotheenstraße vor dem Hause , in welchem die alte Hugenottenfamilie zum letztenmal ihre Lebensandenken zusammengehäuft und Velten Andres eigentumslos seinen Weg über die Erde beendet hatte . Seit meinen Studentenjahren war ich nicht wieder in diese Gegend der Stadt gekommen , und von dem Hause war nur die Nummer geblieben , was die Gassenseite anbetraf . Vater des Beaux nahm nicht mehr das Maß der oberen Zehntausend der Stadt , und der Hofhufschmied beschlug nicht mehr die Hufe ihrer Rosse in der Dorotheenstraße : nach der Gassenseite hin hatte sich die Dekoration vollständig verändert , soweit ich meiner Erinnerung trauen konnte . An der Architektur der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des Jahrhunderts emporblickend , konnte ich , mit dem Briefe Helene Trotzendorffs daheim auf meinem Schreibtische , in meinem und des Vogelsangs Aktenkonvolut , mich nur fragen : » Frau Fechtmeisterin Feucht ? Ein Irrtum ist doch wohl ausgeschlossen ? « Ich habe auf meinem Wege durch meinen Beruf und vorzüglich während der zwei Jahre , in welchen ich zu Hause der Oberstaatsanwaltschaft als Mitarbeiter zugeteilt war , in mancherlei Örtlichkeiten mich zurechtzufinden gelernt . Hier hatte ich nur den Neubau zu durchschreiten , um merkwürdigerweise in dem neuesten Berlin das wenn nicht älteste , so doch ältere noch vollständig an Ort und Stelle zu finden . Das weite , lärmvolle Gehöft des Hofhufschmieds war freilich überbaut worden und bis auf einen brunnenartigen , lichtlosen Lichthof verschwunden . Doch der Frau Fechtmeisterin Feucht und ihrem Reich hatte die Zeit nichts anhaben können . Ich fand sie beide noch , wie sie vor Jahren gewesen waren : das Hintergebäude der großen Firma des Beaux und die Frau Fechtmeisterin . Sie hatten sich beide gar nicht oder nur ganz unmerklich verändert , das eine , rauchgeschwärzt , mit jetzt seinen hundertundzwanzig , die andere , weiß , zierlich , das richtige Märchenweiblein , mit fast ihren neunzig Jahren auf dem Nacken ! - Baissez-vous , montagnes , Haussez-vous , vallons ! M ' empêchez de voir Ma mi ' Madelon - Wie kam es , daß auf den dunkeln , steilen Treppen , die zu der alten Frau hinaufführten , dieser Vers , daß die süße Stimme , die das Lied uns in dem vornehmen Salon des Vorderhauses so oft gesungen hatte , mir plötzlich wieder in den Sinn kam ? Es waren doch eigentlich nur wenige Jahre her , daß wir dort in dem Zauberwalde Brozeliand zusammensaßen und über der Berliner Schneiderwerkstatt , aller romantischen Wunder voll , provenzalische Minnesänger , altfranzösische Chroniken und hugenottische Streitschriften und Liederbücher durchblätterten , und nun schien mir nichts davon übrig zu sein als dieser Ton , dieser Vers ! Und schauerlich merkwürdig kam mir dazu eine spätere Winternacht in das Gedächtnis zurück und ein anderer Vers , aber nicht aus einem französischen Volksliede , sondern aus einem deutschen Klassiker .