Antwort . Ich hatte offenbar wieder eine jener Dummheiten ausgesprochen , wie sie » die Damen « zu sagen pflegen , wenn sie sich in das ihnen unzugängliche Gebiet der höheren Politik wagen . Der Herbst war gekommen . Am 30. Oktober wurde zu Wien der Friede unterzeichnet und somit war der Zeitpunkt da , wo mein Lieblingswunsch - Friedrichs Quittierung - erfüllt werden sollte . Aber der Mensch denkt und die Umstände lenken . Es traf ein Ereignis ein - ein schwerer Schlag für mich - das unsere so froh gehegten Pläne scheitern machte . Einfach dies : das Haus Schmitt & amp ; Söhne brach zusammen und mein gesamtes Privatvermögen war hin . Auch eine Folge des Krieges , dieses Fallissement . Nicht nur die Mauern , auf welche sie gezielt sind , schießen die Kartätschen und Bomben zusammen - : durch diese Erschütterung fallen auch in weitem Umkreis Bankhäuser und Kreditgebäude in Trümmer ... Ich war darum nicht - wie so manche andere - an den Bettelstab gebracht ; denn mein Vater würde es mir an nichts fehlen lassen . Aber mit dem Quittierungsplane war es jetzt vorbei . Wir waren keine unabhängigen Leute mehr ; jetzt war Friedrichs Gehalt unsere einzige selbständige Hilfsquelle . Wenn mir mein Vater auch eine genügende Zulage gewähren würde - unter solchen Umständen war es ausgeschlossen , daß Friedrich den Dienst verlasse . Ich selber konnte es ihm nicht zumuten : welche Rolle hätte er da meinem Vater gegenüber gespielt ? Es war nichts zu machen - wir mußten uns fügen . » Bestimmung « hätte Tante Marie gesagt . Von der Kränkung , die ich über diesen bedeutenden pekuniären Verlust empfand - es handelte sich um mehrere Hunderttausend - weiß ich nicht viel zu berichten . Es finden sich nämlich in meinem Tagebuch keine weitläufigen Eintragungen darüber , und auch mein Gedächtnis - das seither so viel tiefer schmerzende Eindrücke aufgenommen hat - weist von diesen Vorfällen keine sehr lebhaften Spuren mehr auf . Ich weiß nur , daß mir hauptsächlich um das schöne Luftschloß leid war , welches wir uns da gebaut hatten : Quittierung , Gutsankauf , unabhängige , von der sogenannten » Welt « abgeschiedene Existenz ; im übrigen traf mich der Verlust nicht gar so schwer . Denn , wie gesagt : mein Vater würde mir bei seinen Lebzeiten nichts abgehen lassen und hernach mir ein genügendes Erbe hinterlassen ; auch meinem Sohn Rudolf stand in Zukunft sicherer Reichtum bevor . Eins tröstete mich : es war ja nicht der mindeste Krieg in Sicht ; man konnte gut auf zehn bis zwanzig Friedensjahre hoffen . - Bis dahin ! ... Schleswig-Holstein und Lauenburg waren im Vertrag vom 30. Oktober endgültig an Preußen und Österreich zu freier Verfügung abgetreten . Diese beiden , nunmehr die besten Freunde , würden sich dieses Erfolges freuen , die hieraus erwachsenden Vorteile brüderlich teilen und keinen Grund finden , zu streiten . Nirgends - am ganzen politischen Horizont - der berüchtigte » schwarze Punkt « . Die Scharte der in Italien erlittenen Niederlage war durch den in Schleswig-Holstein geholten Waffenruhm genügend ausgewetzt , es lag also auch für den militärischen Ehrgeiz keine Veranlassung mehr vor , neue Feldzüge heraufzubeschwören . In dieser Hinsicht also war ich beruhigt . Daß der Krieg vor so kurzer Zeit gewesen , faßte ich als Bürgschaft auf , daß derselbe sich nicht so bald wiederholen würde . Auf Regen folgt Sonnenschein und im Sonnenschein vergißt man den Regen . Auch nach Erdbeben und Vulkanausbrüchen bauen die Menschen auf der Schuttstätte wieder neue Wohnungen auf und denken nicht an die Gefahr , daß die überstandene Katastrophe sich wiederhole . Ein Hauptbestandteil unserer Lebensenergie scheint in der Vergeßlichkeit zu liegen . Wir nahmen Winterquartier in Wien . Friedrich hatte nunmehr Beschäftigung im Kriegsministerium , eine Thätigkeit , die er dem Kasernendienst jedenfalls vorzog . Dieses Jahr waren meine Schwestern mit Tante Marie den Fasching über nach Prag gezogen . Daß Konrads Regiment gegenwärtig in der böhmischen Hauptstadt lag , war doch nur eine Zufälligkeit ? Oder sollte dieser Umstand einigermaßen auf die Wahl des Winteraufenthaltes Einfluß gehabt haben ? Als ich letztere Vermutung meiner Schwester Lilli gegenüber fallen ließ , errötete sie tief und antwortete achselzuckend : » Du weißt doch , daß ich ihn nicht mag . « Mein Vater bezog seine alte Wohnung in der Herrengasse . Er trug uns an , wir möchten uns bei ihm niederlassen , da er genügend Raum dazu hätte ; wir zogen es aber vor , allein zu leben , und mieteten am Franz-Joseph-Quai ein kleines Mezzanin . Meines Mannes Gehalt und das mir von meinem Vater ausgestellte Monatsgeld genügten für unseren bescheidenen Haushalt reichlich . Auf abonnierte Logen , Hofbälle - überhaupt auf » in die Welt gehen « mußte freilich verzichtet werden . Aber wie leicht verzichteten wir da ! Es war uns sogar angenehm , daß meine pekuniären Verluste dieses Zurückziehen rechtfertigten - denn wir liebten die Zurückgezogenheit . Einem kleinen Kreise von Verwandten und Freunden blieb unser Haus immerhin offen . Besonders meine Jugendfreundin Lori Griesbach besuchte uns oft , öfter beinahe , als mir lieb war . Ihre Gespräche , die mir schon früher stark oberflächlich erschienen waren , fand ich jetzt gar ermüdend schal , und ihr Interessenhorizont , dessen Enge ich immer erkannt hatte , machte mir den Eindruck , jetzt noch zusammengeschrumpfter zu sein . Aber hübsch war sie und lebhaft und kokett . Ich begriff , daß sie in der Gesellschaft so manchen den Kopf verdrehte - und es hieß , daß sie sich nicht ungern den Hof machen ließ . Was mir nicht ganz angenehm war , war die Wahrnehmung , daß ihr Friedrich sehr wohl gefiel und daß sie manche Blickpfeile auf ihn abschoß , welche offenbar die Bestimmung hatten , in seinem Herzen sitzen zu bleiben . Loris Mann , eine Zierde des Jockeyclubs , des Rennplatzes und der Theatercoulissen , war bekanntermaßen so wenig treu , daß