, um beide dann für einen Augenblick trügerisch wieder zu ebnen und auszugleichen . Ob noch Verwandte von Felicitas ' Mutter existierten ? Das junge Mädchen beantwortete sich diese Frage selbst mit einem bitteren Lächeln ; auf alle Fälle existierten sie nicht für die Tochter der Meta von Hirschsprung . Sie waren zweimal öffentlich aufgerufen worden und hatten konsequent geschwiegen . Vielleicht hatte diese Linie des alten Geschlechts seine ursprüngliche Reinheit behalten bis zu dem Augenblick , wo eine Tochter derselben dem Taschenspieler Herz und Hand schenkte - sie wurde verstoßen aus dem Paradiese adeligen Glanzes , aus dem Kreise der Ihrigen auf Nimmerwiederkehr ... So viel war gewiß , ihr Kind beschritt die Schwelle derer niemals , die ihre Familienbeziehung zu der Ehefrau des Taschenspielers öffentlich verleugneten . 20 Felicitas kehrte , nachdem sie den Gottesacker verlassen , nicht in das Haus am Markte zurück . Rosa und Aennchen erwarteten sie im Garten , gegen Abend wollte auch Frau Hellwig kommen , um mit dem Kinde unter den Akazien zu essen ... Die große Frau hatte ihre äußere Ruhe scheinbar wiedergewonnen , nur war es auffallend , daß sie viel mehr , als sonst , ausging ; es hatte fast den Anschein , als sei es ihr Bedürfnis , sich bis zur Ankunft ihres Sohnes zu zerstreuen und vielleicht auch ein wenig auszusprechen . Die Begegnung mit Felicitas in der Mansarde schien sie völlig ignorieren zu wollen . Auf die Vermutung , daß das Mädchen Verkehr mit der alten Mamsell gehabt habe , war sie augenscheinlich nicht gekommen ; sie hatte Felicitas ' Eindringen einfach für Neugierde gehalten , die sie unter anderen Umständen freilich nicht straflos hätte hingehen lassen ; aber im Hinblick auf die weiteren Vorgänge jenes Abends war es ihr ohne Zweifel wünschenswert , daß das Vorgefallene möglichst rasch vergessen werde . Felicitas hatte eilig beinahe die ganze kleine Stadt umschritten und blieb nun vor einer Gartenthür stehen . Sie schöpfte tief Atem , dann legte sie rasch entschlossen die Hand auf den Drücker und öffnete die Thür ; sie führte in den Nachbargarten , in das Besitztum der Frankschen Familie ... Das junge Mädchen war jetzt einzig und allein auf sich und seine eigenen Entschlüsse angewiesen . So schmerzzerrissen auch ihre Seele war , auf die Energie ihres im Kampfe hartgewordenen Charakters hatten diese inneren Leiden keinen Einfluß ; ihr außerordentlich klarer Kopf stand auch nach dem härtesten Schlage sehr bald dem Unvermeidlichen gegenüber , und nie hatten die Nebel der Gefühlsseligkeit oder Schwärmerei diesen scharfen logischen Gedankengang zu beeinflussen vermocht . Die zarte , sehr distinguiert aussehende Dame im weißen Häubchen , die Felicitas vor wenigen Tagen angeredet hatte , saß zeichnend in einem schattigen Laubengange . Sie erkannte die Eintretende sofort und winkte ihr eifrig , näher zu kommen . » Ah , da kommt meine kleine , junge Nachbarin und will einen guten Rat , nicht wahr ? « fragte sie mit herzgewinnender Freundlichkeit und ließ das junge Mädchen neben sich niedersetzen . Felicitas sagte ihr , daß sie nach Verlauf von drei Wochen das Hellwigsche Haus verlassen müsse und eine Stelle suche . » Wollen Sie mir nicht ungefähr sagen , was Sie leisten können , mein Kind ? « fragte die Frau und ließ ihre großen , klugen Augen , welche lebhaft an die ihres Sohnes erinnerten , auf Felicitas ' Gesicht ruhen ; es wurde flammend rot ... Sie sollte von ihren scheu verschwiegenen Kenntnissen sprechen und sie plötzlich auskramen , wie der Kaufmann seine Waren - es war ihr ein unsäglich peinliches Gefühl , und doch mußte es sein . » Ich glaube , ganz leidlich im Französischen und Deutschen , in Geographie und Weltgeschichte unterrichten zu können , « antwortete sie zögernd , » auch im Zeichnen habe ich mich geübt ; musikalisch ausgebildet bin ich nicht , allein ich weiß , was zu einem tüchtigen , schulgerechten Gesangsvortrage gehört ; « - die Augen der Frau Hofrätin vergrößerten sich merklich im Erstaunen - » dann kann ich auch kochen , waschen , bügeln und auf Verlangen auch scheuern . « Die letzten Artikel des Berichtes kamen ungleich rascher von den Lippen des jungen Mädchens , als die anfänglichen . » Hier , in unserem guten , kleinen X. möchten Sie wohl nicht bleiben ? « fragte die Dame lebhaft . » Wünschenswert wäre mir allerdings ein längerer Aufenthalt nicht , aber ich habe liebe Gräber hier , allzu rasch möchte ich mich auch nicht von ihnen trennen - « » Nun , dann will ich Ihnen etwas sagen . Die Gesellschafterin meiner Schwester in Dresden verheiratet sich ; diese Stelle wird in sechs Monaten frei , ich werde Sie dort empfehlen , und bis dahin bleiben Sie bei mir . Sind Sie damit einverstanden ? « Felicitas küßte ihr überrascht und dankbar die Hand , aber dann richtete sie sich empor und sah die alte Dame mit einem beweglichen Blick an , es war nicht zu verkennen , daß ihr noch ein Wunsch auf den Lippen schwebte . Die Hofrätin bemerkte es sofort . » Sie haben noch etwas auf dem Herzen , nicht wahr ? ... Wenn wir eine Zeitlang miteinander leben wollen , dann müssen wir vor allem offen sein , also heraus mit der Sprache ! « sagte sie munter . » Ich möchte Sie bitten , meiner Stellung in Ihrem Hause , sei sie auch die untergeordnetste und von der kürzesten Dauer , eine bestimmte Gestalt zu geben , « antwortete Felicitas rasch und fest . » Ah , ich verstehe ! Sie sind es müde , ein Brot zu essen , das Sie sauer genug verdienen mußten und welches - sprechen wir es aus - trotzdem ein Gnadenbrot genannt worden ist ! « Felicitas bejahte eifrig . » Nun , in diese drückende Lage sollen Sie bei mir nicht kommen , mein liebes , stolzes Kind . Ich engagiere Sie hiermit als meine Gesellschafterin . Waschen , scheuern , bügeln sollen