Bruder - denn der Marquis hat mich natürlich nicht verlassen - die Zeit bis zur Herstellung der Ordnung und Gesetzlichkeit in Frankreich , in einsamer Zurückgezogenheit erwarten kann . Ich verließ also Dresden , um Sie wieder zu sehen . In Berlin erfuhr ich aber , daß Sie , des Stadtlebens bald müde geworden , Ihren Aufenthalt wieder auf Ihren Gütern genommen hätten , und wie sehr es mich auch schmerzte , Sie nicht in der Residenz zu finden , so freute ich mich doch an dem Gedanken , daß die Baronin trotz ihrer Jugend zu jenen Ausnahmenaturen gehöre , welche das zurückgezogene Leben an der Seite eines verehrten Gatten den Zerstreuungen und dem Geräusche der großen Welt vorzuziehen wissen . Eine solche Frau wird einer Verwandten , einer alten Freundin ihres Mannes seine Freundschaft , wird einer aus ihrer Heimath Vertriebenen das Weilen in der Stille seines Schlosses nicht mißgönnen . Eine Frau wie die Baronin wird es fühlen , wie man sich nach einem langen Wanderleben auf ein Ausruhen unter einem friedlichen Dache sehnt , und ich frage daher ohne Weiteres bei Ihnen an , mein theurer Freund und Vetter , ob Sie mir und dem Marquis Ihre Gastfreundschaft gewähren wollen , bis wir in Ihrer Nähe in ländlicher Stille eine zeitweilige Heimath für uns gefunden haben werden . - Freilich bin ich nicht mehr die lebensfrohe Margarethe , die Sie einst in Vaudricour gekannt haben ! Das Unglück hat mich schnell und früh gealtert , aber ich bringe Ihnen doch ein Herz mit , das noch nicht verlernt hat , sich an fremdem Glücke zu erfreuen . Alles , wonach ich jetzt verlange , ist Ruhe ! Deßhalb sende ich Ihnen meinen Brief durch einen Expressen und erwarte Ihre Antwort sobald als möglich . Haben Sie ein Obdach für mich und meinen Bruder , und ist die Baronin nicht unwillig , die Verwandten ihres Gatten kennen zu lernen , so folgen wir Ihrer Zusage auf dem Fuße , und wie Sorge und Kummer und Jahre mich auch verändert haben mögen , so werden Sie hoffentlich in mir stets wieder erkennen Ihre Freundin und Cousine Margarethe , Herzogin von Duras , geborene von Lauzun . « Angelika faltete den Brief , nachdem sie ihn gelesen hatte , wieder zusammen , steckte ihn in sein Couvert und sagte , indem sie ihn dem Freiherrn hinreichte : Welch ein Schicksal , heimathlos zu werden mit einem der schönsten Namen Frankreichs ! Und heimathlos zu werden , fügte der Freiherr hinzu , wenn man in dem anmuthigsten der Schlösser , unter dem sonnig milden Himmel des südlichen Frankreichs gelebt hat ! Ich vermag mir die Herzogin in ihrer jetzigen Lage kaum vorzustellen , so sehr ist ihr Bild in meiner Erinnerung mit der ganzen edelen und schönen Umgebung verschmolzen , in welcher ich sie sonst gesehen habe . Er öffnete den Brief noch einmal , sah nochmals nach dem Datum desselben und bemerkte darauf : Wer mir es gesagt hätte , daß ich Margarethe von Duras hier in Richten als eine Flüchtige , als eine Heimathlose aufzunehmen haben würde ; oder wer es unserm Urgroßvater hätte prophezeien wollen , daß eine Enkelin seiner Erdmuth , deren Verbindung mit den Duras ihn so sehr erfreute , einst nach Deutschland kommen würde , um Schutz zu suchen unter dem Dache ihres mütterlichen Geschlechtes ! Er versank in Schweigen , auch die Baronin war innerlich bewegt . Sie kannte die Herzogin nicht , aber sie hatte von ihr bisweilen sprechen hören , wenn der Baron sich seiner ersten Reisen erinnerte oder wenn gelegentlich von den Familienbeziehungen des Arten ' schen Geschlechtes die Rede gewesen war . Sie wußte , daß eine Großtante ihres Mannes einen Herzog von Duras geheirathet , der einst in außerordentlicher Mission an einem der deutschen Höfe gelebt und das schöne Freifräulein in einem deutschen Badeorte kennen gelernt hatte . Ihr Nachkomme , der Herzog Edmund , hatte ein Fräulein von Lauzun geheirathet , war kurz nach seiner Hochzeit gestorben und hatte die Herzogin Margarethe als eine junge und kinderlose Wittwe zurückgelassen , die klug genug gewesen war , die Vorzüge ihrer Stellung zu würdigen und sie vorsichtig zu benutzen . Als Baron Franz seine erste Reise gemacht hatte und auf dieser nach Frankreich gelangt war , hatte er von seinem Vater die Weisung erhalten , sich dort auch der verschwägerten herzoglichen Familie vorzustellen , und da man von beiden Seiten gern bereit war , eine Verwandtschaft anzuerkennen , von der man keinerlei unbequeme Ansprüche zu befahren hatte , während das verwandtschaftliche Verhältniß mancherlei Erleichterungen für den Verkehr darbot , so hatte die Herzogin sich den jungen deutschen Vetter gern gefallen lassen , ohne zu berechnen , in wie fernem Grade er zu ihr gehörte . Der Baron aber war entzückt gewesen , bei seiner Cousine eine so freundliche Aufnahme zu finden , ohne daran zu denken , daß mit dem Tode des jungen kinderlosen Herzogs der Zusammenhang der Herren von Arten mit den Herzogen von Duras eigentlich völlig erloschen war . Er hatte danach in seiner ersten Jugend einige sehr genußreiche Wochen in dem Schlosse der Herzogin zugebracht , man hatte sich auch später , als er abermals nach Paris gekommen war , in der Hauptstadt und am Hofe wiedergesehen und gelegentlich einen Brief mit einander gewechselt . Aber dieser Verkehr war allmählich seltener geworden und hatte endlich völlig aufgehört , obschon der Freiherr sich stets mit Vergnügen und mit Antheil der Herzogin erinnerte . Er liebte es , zu erzählen , wie sie fast immer Vaudricour bewohnt habe , wie selten sie nach Paris gekommen sei , obschon ihr , einer Duras-Lauzun , die beste Aufnahme und eine einflußreiche Stellung sicher gewesen wären , und wie sie es verstanden habe , ihr Schloß zu dem Sammelplatze alles dessen zu machen , was damals in Frankreich auf Jugend und Geist , auf Rang und Bildung Anspruch erheben dürfen . Auch jetzt wieder war es eine Erinnerung an die Vergangenheit ,