waren bei ihm aus gleich fester Masse , sie waren beide aus dem Kitt geformt , welcher die Gesellschaft zusammenhält . Leon von Poppen hatte wieder einmal die magern Arme auf die Marmorplatte des Tisches im Café de l ' Europe gelegt und den Kopf , der ein ganz anderes Gehirn als das des Bankiers barg , auf die Arme . Er schlief einen ähnlichen Schlaf wie der abgejagte Garçon in der Ecke . Ein Uhr ! Es kam Robert Wolf ein Gedanke an den fernen Bruder , an Eva Dornbluth aus dem Kantorhaus zu Poppenhagen . Er dachte an beide jetzt nicht mehr mit dem fieberhaften Groll früherer Tage . Wo mochten sie jetzt weilen ? Wie mochte es ihnen gehen ? Unendliche Räume überflog der Gedanke . Ein Uhr und ein Viertel ! Schwer fing es endlich an , sich auf die Augenlider des Jünglings herabzusenken ; der Schlaf wollte den Sieg über die unruhige Seele gewinnen . Der alte Ulex schloß sein Fenster ; es verflossen noch fünf Minuten . Da ging plötzlich in der Ferne nicht sehr fern von dem Garten des Bankiers Wienand , neben dem hohen Schornstein und Fabrikgebäude , welche den Astronomen allnächtlich ärgerten , ein Leuchten auf , wie der Schein einer Laterne , und zitterte einige Augenblicke an einer Hauswand , ohne daß Ulex viel darauf achtete . Es verschwand , um gleich darauf von neuem und stärker emporzuzucken . Es erregte bald die ganze Aufmerksamkeit des Alten . Nun glitt der Schein an den Fenstern einer andern Hauswand empor , nun fiel plötzlich ein feuriges Licht über die weiße Statue der Hebe neben der Holunderlaube - ein Schrei klang in der Ferne ; - es zuckte ein Flämmchen über ein Dach , leckend und züngelnd . Dem Flämmchen aber nach brach die Flamme , hellodernd , blutigrot , gefräßig-gierig in der vollen Pracht ihrer furchtbaren Majestät - Feuer ! Feuer ! » Feuer ! Feuer ! « rief der Sternseher in den Hof von Sankt Nikolaus hinab , und in der Tiefe wiederholten Männer- und Weiberstimmen den unheilvollen Schrei . Sturmgeläut , Hörner und Trommeln ließen sich in der Ferne vernehmen ; denn damals löschte man Brände noch nicht im tiefsten Schweigen wie heute . Auch auf dem Hofe von Nummer zwölf der Musikantengasse wurde es lebendig , Lichter erschienen in der Wohnung der Familie Tellering ; hervor stürzten der Schreiner und sein Sohn , die blanken Äxte über der Schulter . Von seinem Lager fuhr der Polizeischreiber Fiebiger auf ; Robert hatte die Kleider bereits in aller Hast übergeworfen . Der rote Schein fiel jetzt schon drohend in die Hinterfenster des Hauses des Partikuliers Mäuseler . Wie jedes andere schlafende Haus überkam auch die Nummer zwölf der Musikantengasse der furchtbarste Schrecken bei dem plötzlichen Alarm , und es zeigte sich , daß Leute , die durchaus nicht im Rufe standen , Kopf zu haben , ihn dessenungeachtet verlieren konnten . Bei blitzschnell hereinbrechender Not und Verwirrung zeigt sich am besten , was der Mensch ist und was er kann . Julius Schminkert , der diesmal ausnahmsweise sich vor Mitternacht im Bett befunden hatte , bewies sich in seiner ganzen Größe . Er hatte durchaus nichts von Wert zu verlieren ; so fuhr er denn in Hosen und Rock , kaltblütig und besonnen , und benutzte jede Gelegenheit , sich dem Gemeinwohl des Hauses zu widmen , aufs beste . Um den Schreiber und seinen albernen Jungen bekümmerte er sich nicht ; er hörte ihren gestiefelten Schritt eilig hinter der Wand neben seinem Gemach und wußte , daß beide seiner nicht bedurften . Der erste , welchem er seine Energie widmete , war der halbtote Hausherr , der Rentier Mäuseler . Besinnungslos irrte der Biedermann auf seinem Vorplatze umher , in flanellenen Unterhosen und halbangezogenem Schlafrock , den Tabakskasten unter dem linken Arm , den Waschnapf in der rechten Hand . Merkwürdigerweise bezwang der darstellende Künstler seine Lust , dem Trübsalsbilde den Waschnapf aus der Hand zu nehmen und den Inhalt desselben über das ehrwürdige Haupt des ehrenwerten Bürgers zu gießen , vollständig , bemächtigte sich dafür aber ebenso vollständig alles dessen , was vom Rentier noch übrig war , und benutzte die Gelegenheit , um sich für seine lärmenden Dienstleistungen den Erlaß der rückständigen Miete eidlich versprechen zu lassen . Die Kassette mit den Wertpapieren des Hausherrn unter dem einen Arm , den Hausherrn selbst unter dem andern , die halbohnmächtige Madam Krieg am Rockschoß nachschleifend , stieg Julius zur Wohnung des Fräulein Aurora Pogge hernieder und erschien kühl lächelnd inmitten angstvollen mausehaften Umherlaufens und durchdringendsten Gekreisches und Gepiepes von Katze , Herrin und Dienerin . Alle Türen waren geöffnet , der Fußboden aller Gemächer , der Vorplatz wie die Treppe bereits bedeckt mit Plunder aller Art , welchen die unglücklichen Frauenzimmer in ihrer Ratlosigkeit aufgegriffen und umhergestreut hatten . In dem jungfräulichen Gemache Auroras setzte der Schauspieler den Rentier auf dem grünen Sofa unter dem Bilde des seligen Proviantkommissärs nieder ; und trotz ihrer Verstörtheit besaß Aurora noch schämige Kraft genug , den verwegenen Julius an den Haaren aus ihrem Schlafgemach zu ziehen , in welches er ungebeten seine vorwitzige , unheilige Nase steckte . Der Mime warf der erzürnten Schönen eine Kußhand zu , wies mit einer andern Handbewegung auf den ächzenden Hausherrn und schwebte aus dem Gemache . Hier hatte er nichts mehr zu tun , und beflügelten Schrittes eilte er die Treppe hinunter , getrieben von der süßen Hoffnung , sich der holden Angelika und ihrem Vater nützlich und angenehm zu machen . Wann hätte er eine günstigere Gelegenheit dazu finden können ? Auf den ersten Stufen der Treppe stieß sein Fuß an ein in blauen Samt gebundenes Buch , auf dessen Deckel zwei Tauben am Fuße eines Kreuzes sich schnäbelten . Er hob es auf , warf einen Blick hinein und stieß , scheu über die Schulter sehend , einen Ruf des Entzückens hervor . Er hatte ein Manuskript gefunden , von dessen Existenz