Allmälig jedoch , wie das Fieber nachließ , schienen diese Bilder und Erinnerungen zu schwinden , ja sie es sorgfältig zu vermeiden , durch irgend etwas wieder an die Ereignisse jener Nacht gemahnt zu werden . Es schien ihr am Angemessensten , ihre Umgebung glauben zu machen , als habe sie dieselben wirklich ganz und gar vergessen . Jetzt , im Januar 1491 ist jede Spur der langen Krankheit von ihr verschwunden . Hat ihr edles Antlitz noch nicht ganz die frühere Frische und ihre majestätische Gestalt die frühere Fülle wieder erlangt , so erscheint ihre Schönheit dadurch nicht beeinträchtigt , daß der Eindruck , welchen sie jetzt macht , mehr ein geistig erhebender als ein sinnlich verlockender ist . Vielmehr als sie selbst schien ihre Freundin Ursula Muffel in dieser Zeit gelitten zu haben , welche jetzt zu ihr in das Zimmer trat . Ihre sanften Züge drückten Leid und Sehnsucht aus , und ihren Augen sah man es an , daß sie manche kummervolle Nacht durchwacht und manche Thräne vergossen . Die neue Glocke auf dem Thurm der Sebaldskirche hatte nicht lange zwölf Uhr geschlagen , als Ursula zu Elisabeth kam . Die übliche Zeit des Mittagessens war bei den Vornehmen wie bei den Handwerkern gleicherweise elf Uhr , und da man sich für gewöhnlich auch in den reichsten Häusern auf wenige Gänge beschränkte , dafür nur wenn Gäste zugegen waren oder bei außerordentlichen festlichen Gelegenheiten die Gänge in ' s Unzählige steigerte und oft gleich von Abend bis zu Mittag bei Tische saß , so war eine gewöhnliche bürgerliche Mahlzeit in einer Stunde beendet . Um Ein Uhr pflegten sich an den bestimmten Tage die Stickerinnen bei Elisabeth zu versammeln . Ursula sagte Elisabeth begrüßend : » Ich komme früher als die Andern , weil ich von Dir hören wollte , ob es wahr ist , daß für den nächsten Monat ein Reichstag hierher ausgeschrieben ist und ob König Max auch mitkommen wird ? « Elisabeth ' s Augen leuchteten bei dieser Nachricht . » Ich habe noch Nichts davon gehört , « antwortete sie ; » aber mein Gemahl ist unwohl und heute nicht zu Rath gegangen . Hat Dein Vater diese Nachricht von dem Rathhaus mitgebracht ? « » Ja , « versetzte Ursula ; » er kam entrüstet heim , und da ich ihn nach der Ursache seines Aergers fragte , sagte er , daß der Kaiser einen Tag nach Nürnberg ausgeschrieben , aber nur die Fürsten und nicht die Städte dazu geladen . Näheres erfuhr ich nicht und setzte meine Hoffnung wie immer auf Dich . « Elisabeth seufzte und legte liebend ihren Arm um die ihr vertraute Freundin , der sie schon lange keinen freudigen Trost mehr zu geben vermochte und auch jetzt deren Hoffnung nicht rechtfertigen konnte . Seit Stephan Tucher den Fahnen des Königs Max gefolgt war , hatte er Anfangs an Ursula so oft geschrieben , als es im Felde und in der damaligen Zeit , wo die Briefe immer nur einer zufälligen und unsichern Gelegenheit anvertraut werden konnten , eben möglich war . - Nachdem König Mathias von Ungarn Anfang April 1490 plötzlich in Wien gestorben war , hatte König Max den Krieg um seine östreichischen Erbländer begonnen . Am neunzehnten August hatte er seinen feierlichen Einzug unter dem Jubel des Volks in Wien gehalten , unter Lobgesängen in der St. Stephanskirche dem Herrn der Heerschaaren gedankt und auf offenem Markt die Huldigungen des Raths und der Gemeinde empfangen . Diesen glorreichen Tag hatte Stephan an Ursula geschildert - aber seitdem hatte sie keine Nachricht wieder von ihm erhalten . War er in der Schlacht gefallen ? war er ihr untreu ? hatte er sie vergessen ? Das Erstere war wohl möglich , denn König Max war mit bairischen Hülfsvölkern in Ungarn selbst eingebrochen , um auch dieses zu erobern , und hatte am ersten November selbst Stuhlweißenburg , die Krönungs- und Begräbnißstadt der ungarischen Könige genommen - da konnte wohl Stephan mit bei dem Sturme gefallen sein . Aber von zurückkehrenden Nürnbergern , die auch mit unter den bairischen Hülfsvölkern gewesen , hörte sie , daß er noch am Leben sei . Aber Keiner brachte ihr einen Gruß von ihm . Freilich waren diese Rückkehrenden eigentlich Ausreißer aus dem bairischen Heere ; denn in diesem war zwischen Reiterei und Fußvolk Streit über die Theilung der gemachten Beute entstanden , so daß das Fußvolk , als es weder von dieser den gewünschten größern Antheil , noch den rückständigen Sold ausgezahlt erhielt , rottenweise davon zog , wodurch der König sich genöthigt sah , sein Vordringen nach Ofen aufzugeben und sich nach Oestreich zurückzuziehen . Schwerlich würde der ritterliche , dem König ergebene Stephan mit denen , die den König verließen , gemeinschaftliche Sache gemacht haben . Allein jetzt war dieser nach Wien und dann nach Linz zurückgekehrt zum alten Kaiser Friedrich , der im October die Reichsacht über Regensburg ausgesprochen , das sich an den Herzog Albrecht von Baiern angeschlossen , der gegen des Kaisers Willen sich mit dessen Tochter Kunigunde vermählt , die der Vater deshalb verstoßen . Indeß sich Max jetzt bemühte hier ein Friedenswerk zwischen dem Vater und dem Schwager zu stiften , während Friedrich die Hülfe des Schwäbischen Bundes und des Löwlerbundes für sich wünschte , hörte Ursula , und zwar von Stephan ' s eigener Schwägerin Eleonore Tucher , die bei einer festlichen Gelegenheit mit ihr zusammenkam , daß es Stephan in dem lustigen Wien sehr wohl gefiele , daß er ihrem Gatten geschrieben , wie es nirgend schönere Frauen und freiere Sitten gebe , wie dort , und daß es sich da gar angenehm von den Strapazen eines gefahrvollen Feldzuges ausruhen lasse . Anfangs suchte Ursula für diese Nachricht Trost in der Hoffnung , daß dieselbe gefälscht sei , und bat Elisabeth um ihren Beistand , ihr den Brief oder doch Gewißheit über seinen Inhalt zu verschaffen . Wirklich erhielt ihn Elisabeth durch ihren Gemahl von Anton Tucher . Eleonore hatte Nichts