hinüber in die Tiefe , wo die Dächer des Weilers Hilzingen hinter hügeligen Gründen aufstiegen . Ein dunkler Streif zog sich heran ... Da hieß Herr Simon Bardo seine Heerschar halten und spähte nach der Richtung : » Das sind keine Hunnen , sie kommen unberitten « . Zu größerer Fürsicht aber hieß er seine Bogenschützen den Abhang des Berges besetzen . Aber wie der fremde Zug näher rückte , ward auch in ihren Reihen des heiligen Benedikt Ordensgewand sichtbar , ein gülden Kreuz ragte als Standarte aus den Lanzen , Kyrie eleison ! klang ihre Litanei den Berg herauf ... » Meine Brüder ! « rief Ekkehard , da lösten sich die Glieder der Reichenauer Kohorte , sie rannten den Berg hinunter mit stürmischem Jubelschrei - wie sie aneinander waren , überall freudiges Umarmen : Wiedersehen in Stunde der Gefahr ringt dem Herzen ein fröhlicher Jauchzen ab denn sonst . Arm in Arm mit den Reichenauern stiegen die fremden Gäste den Berg empor , ihren Abt Cralo an der Spitze ; auf schwerfälligem Ochsenwagen in der Nachhut führten sie den blinden Thieto mit . » Gott zum Gruß , erlauchte Frau Base « , sprach Abt Cralo und neigte sich vor ihr ; » wer hätt ' vor eines halben Jahres Frist gedacht , daß ich mit dem gesamten Kloster Euren Besuch erwidern würde ? Aber der Gott Israels spricht : ausziehen laß mein Volk , auf daß es mir getreu bleibe ! « Frau Hadwig reichte ihm bewegt vom Rosse herab die Hand . » Zeiten der Prüfung ! « sprach sie . » Seid willkommen ! « Verstärkt durch die neuen Ankömmlinge zog die Hohentwieler Heerschar in der Burg schirmende Mauern zurück . Praxedis war in den Hof heruntergestiegen . Bei der Linde stand sie und schaute auf die einziehenden Männer ; schon waren die von Sankt Gallen alle im Hofraum versammelt , unverwandt schaute sie nach dem Tor , als müsse noch einer nachkommen ; doch der , den ihr Blick suchte , war nicht unter denen , die da kamen . In der Burg ging es an ein Einrichten und Unterbringen der Gäste . Der Raum war spärlich gemessen . Im runden Hauptturm war eine lustige Halle , dort wurde mit aufgeschüttetem Stroh für notdürftig Nachtlager gesorgt . » Wenn das so fortgeht « , hatte der Schaffner gebrummt , der bald nicht mehr wußte , wo ihm der Kopf stand , » so haben wir bald die ganze Pfaffheit Europas auf unserem Fels beisammen . « Küche und Keller gaben , was sie hatten . Unten saßen Mönche und Kriegsleute bei lärmender Mahlzeit . Frau Hadwig hatte die beiden Äbte und wer von edeln Gästen sich bei ihr eingefunden , in ihrem Saale vereinigt ; es war viel zu besprechen und zu beraten , ein Summen und Schwirren von Frag ' und Antwort . Da erzählte Abt Cralo die Geschicke seines Klosters166 . » Diesmal « , sprach er , » ist uns die Gefahr schier übers Haupt gewachsen . Kaum ward von den Hunnen gesprochen , so tönte der Boden schon vom Hufe ihrer Rosse . Itzt galt ' s. Die Klosterschule hab ' ich in die feste Verschanzung von Wasserburg geschickt , Aristoteles und Cicero werden eine Zeitlang Staub ansetzen , die Jungen mögen Fische im Bodensee fangen , wenn ' s nicht noch schärfere Arbeit gibt , die alten Professoren sind zu rechter Zeit mit ihnen übers Wasser . Wir aber hatten uns ein festes Kastell als Unterschlupf hergerichtet ; wo der Sitterbach durch tannbewaldet enges Tal schäumt , war ein trefflich Plätzlein , waldabgeschieden , als wenn keine heidnische Spürnase den Pfad jemals finden sollt ' , dort bauten wir ein festes Haus mit Turm und Mauer und weihten es der heiligen Dreieinigkeit - mög ' sie ihm fürder ihren Schutz leihen ! « » Noch war ' s nicht unter Dach und Fach , da kamen schon die Boten vom See : Flieht , die Hunnen sind da ! und vom Rheintal kamen andere : Flieht ! war die Losung , der Himmel rot von Brand und Wachtfeuer , die Luft erfüllt vom Wehgeschrei flüchtender Leute und Knarren enteilenden Fuhrwerks . Da zogen wir aus . Gold und Kleinodien , Sankt Gallus ' und Sankt Othmars Sarg und Gebein , der ganze Schatz ward noch sicher geborgen , die Bücher haben die Jungen nach der Wasserburg mitgenommen - aber an Essen und Trinken ward nicht viel gedacht , nur schmaler Mundvorrat war in die Waldburg geschafft ; eiligst flohen wir dorthin . Erst unterwegs merkten die Brüder , daß wir Thieto , den Blinden , im Winkel der Alten vergessen , aber keiner ging mehr zurück , der Boden brannte unter den Füßen . So lagen wir etliche Tage still im tannversteckten Turm , oftmals nächtlich sprangen wir zu den Waffen , als stünde der Feind vor dem Tor , aber es war nur der Sitter Rauschen oder des Windes Strich in den Tannenwipfeln . Einmal aber rief ' s mit heller Stimme um Einlaß . Verscheucht und todmüd ' kam Burkard , der Klosterschüler . Aus Freundschaft zu Romeias , dem Wächter am Tor , war er zurückgeblieben , wir hatten des nicht wahrgenommen . Er brachte schlimme Kunde ; vom Schreck , den er erlebt , waren etliche Haare auf dem jungen Haupte über Nacht grau geworden . « Abt Cralos Stimme wollte zittern . Er hielt an und trank einen Schluck Weines . » Der Herr sei allen christgläubigen Abgestorbenen gnädig « , fuhr er bewegt fort , » sein Licht leuchte ihnen , er lasse sie ruhen in Frieden ! « » Amen ! « sprachen die Tischgenossen . » Wen meint Ihr ? « fragte die Herzogin . Praxedis war aufgestanden , sie trat hinter ihrer Gebieterin Lehnstuhl , lauschend hing ihr Blick an des Erzählers Lippen . » Erst wenn einer tot ist , merken die Zurückgebliebenen , was er wert war «