wollte , rief ihn Herta nochmals zurück . » Sage mir doch , Clemens , « sprach sie , » ob Du Haideröschen heut noch siehst ? « » Ei Jeses , freilich ! « erwiederte der Bursche . » Ich werde nicht schlecht laufen , wenn ich nur erst über das breite Wasser da unten bin . Die Wege durch die Haide kenne ich , aus Wurzeln , Dornen und Disteln mache ich mir nichts , und wenn ich durch Dick und Dünn immer grad ' aus wie ein herrschaftliches Kutschpferd renne , da ermach ' ich ' s in knappen zwei Stunden . Hussah , das liebe kleine Ding wird nicht schlecht springen , wenn sie hört , daß Ew . Gnaden so liebreich mit mir gesprochen haben ! « » Haideröschen klingt so zartsinnig , « versetzte Herta , » daß ich mir einbilde , Deine Geliebte müsse eine Freundin zarter und duftiger Blumen sein . Grüße sie denn von mir als eine Schwester und bringe ihr dies Veilchensträußchen . Ich habe die lieben Blümchen selbst gepflückt und gebunden , denn ich habe sie gar zu gern . « » Ach , gnädiges Fräulein , so viel Güte ! « sagte Clemens , vor Staunen über so ungewohnte Herablassung ganz versteinert . » Laß das und geh ' jetzt ! Morgen früh vergiß nicht , Dir Antwort zu holen . « Clemens ging , Herta aber sprang vergnügt ein paar Mal in die Höhe , schlug jubelnd die kleinen Händchen zusammen und sprach dann , mit glücklichem Lächeln in den schönen Augen , den Kopf em wenig niederwärts beugend und langsam das Zimmer auf-und abgehend : » Das ist heut der zweite Mensch , den ich durch eine unbedeutende Kleinigkeit glücklich gemacht habe . Erst freute sich Emma , weil ich sie eigenhändig schmückte und ihre Reize pries , und nun jubelt dieser gute , ehrliche Bursche über ein paar werthlose Blümchen , die ich ihm absichtslos reiche . Gewiß theilt Haideröschen seine Freude und hebt die Blümchen auf wie einen theuer erkauften Schatz . - Ach wie süß und angenehm ist es , wohlzuthun , Freuden und Segen überall auszustreuen , ohne damit zu prahlen ! Ich möchte wohl die Wunderkräfte besitzen , von denen uns alte Mährchen erzählen . Dann erhöbe ich mich des Nachts von meinem Lager , verwandelte mich in eine Taube , einen Schmetterling oder in was es mir gerade beliebte , und flöge auf den Strahlen des Mondes und der Sterne überall hin , wo Armuth , Kummer , Elend und Schmerz nach Rettung , Trost und Heilung seufzen . Müßte das ein seliges Leben sein ! « Herta blieb stehen und richtete ihr nur mit feinem blassrothen Duft überhauchtes Gesicht empor , die großen braunen Augen ernst auf den blauen Damm der Haide heftend , den man in meilenweiter Ausdehnung aus dem Fenster übersehen konnte . Ein paar kleine Wölkchen wurden zwischen den Augenbrauen über ihrer feinen , ganz wenig gebogenen Nase , sichtbar . » Magnus ! « fuhr sie nachdenklich fort und an dem Zittern des durchsichtigen feinen Stoffes über dem Busen sah man , daß ihr Herz heftiger schlug . » Wie oft , wenn er hier war , hat er mir betheuert , daß er nur mich liebe , daß ich allein ihn glücklich machen könne und daß er elend würde , wenn ich auf meiner Weigerung bestände . Ich traute seinen Versicherungen und Schwüren nie , denn es liegt eine Wolke in seinen schwarzen Augen , die verderbliche Blitze birgt . Er ist ein schöner , ein interessanter , ein gebildeter Mann , und doch kann ich ihn nicht lieben , nicht einmal gern um mich dulden . - Es ging mir von jeher , wie es diesem wendischen Mädchen jetzt geht . Armes Kind ! - Sie schützt kein mächtiger zürnender Vater , sie gehört sich nicht einmal selbst ! Er kann und wird sie zermalmen , wenn er es vermag , denn Verzeihung , glaub ' ich , ist dem Herzen dieses unbändigen , heuchlerischen Menschen unbekannt . - Eben darum muß ich ihr die Hand reichen , muß ich sie retten , und es wird mir gelingen , wenn ich meinem gütigen Beschützer den Vorfall mit einiger Ausführlichkeit mittheile . « Nachdem Herta in solcher Weise für Haideröschen in die Schranken zu treten fest bei sich beschlossen hatte , ging sie wieder in ihre dämmernde Epheulaube , durch welche jetzt ein paar schräge Sonnenstrahlen fielen . Hier nahm das junge Mädchen eine feine Perlenstickerei in die Hand , schlug ein sauber gebundenes Buch auf und legte es vor sich auf ein Lesepult . Die Hände fleißig rührend , warf sie häufige Blicke in das Buch , dessen Inhalt sie zwar langsam , aber mit desto mehr Nachdenken durchlas . Nicht selten nahm sie auch einen Silberstift zur Hand und unterstrich einzelne Zeilen , die ihr vorzugsweise gefielen . Dieses Buch war der eben erschienene Don Karlos von Schiller , der sich bereits bis in dies abgelegene Schloß der Haide verirrt hatte . Herta liebte diese eine neue Religion , eine neue Weltordnung predigende Dichtung mit aller Gluth und Begeisterung eines für das ewige Recht , für Menschenwürde und Freiheit schwärmenden Herzens , und je häufiger sie täglich sehen mußte , wie wenig Hoffnung vorhanden war , die Ideale zu verwirklichen , an denen der Dichter in seinen heiligen Träumen hing , desto mehr vertiefte sie sich in die berauschenden Worte , in die hinreichende Gedankenfülle der Dichtung und gelobte sich in der Unschuld ihres Herzens , das Ihrige mit beizutragen , um der Menschheit jenes allgemeine Recht , jene ächte und wahre Freiheit mit erringen zu helfen , die Marquis Posa von Don Philipp fordert . - Zweites Kapitel . Am Theetisch . Wenn Herta ihrem reichen Verwandten ein Anliegen von Wichtigkeit vorzutragen hatte , verschob sie dies immer bis zum Abend . Die Theestunde war die günstigste Zeit für dergleichen Eröffnungen