Dir Schlosser über mich mitgeteilt hat , verleitet Dich zu sehr interessanten Exkursionen aus dem Naturleben in das Gebiet der Kunst . Daß Musik mir ein noch rätselhafter Gegenstand schwieriger Untersuchung ist , leugne ich nicht ; ob ich mir den harten Ausspruch des Missionärs , wie Du ihn nennst , muß gefallen lassen , das wird sich erst dann erweisen , wenn die Liebe zu ihr , die jetzt mich zu wahrhaft abstrakten Studien bewegt , nicht mehr beharrt . Du hast zwar flammende Fackeln und Feuerbecken ausgestellt in der Finsternis , aber bis jetzt blenden sie mehr , als sie erleuchten , indessen erwarte ich doch von der ganzen Illumination einen herrlichen Totaleffekt , so bleibe nur dabei und sprühe nach allen Seiten hin . Da ich nun heute bis zum Amen Deiner reichen inhaltsvollen Blätter gekommen bin , so möchte ich Dir schließlich nur mit einem Wort den Genuß ausdrücken , der mir daraus erwächst , und Dich bitten , daß Du mir ja das Thema über Musik nicht fallen läßt , sondern vielmehr nach allen Seiten hin und auf alle Weise variierst . Und so sage ich Dir ein herzliches Lebewohl ; bleibe mir gut , bis günstige Sterne uns zueinander führen . G. An Goethe Rochusberg Fünf Tage waren wir unterwegs , und seitdem hat es unaufhörlich geregnet . Das ganze Haus voll Gäste , kein Eckchen , wo man sich der Einsamkeit hätte freuen können , um Dir zu schreiben . Solang ich Dir noch zu sagen habe , so lang glaub ich auch fest , daß Dein Geist auf mich gerichtet ist wie auf so manche Rätsel der Natur ; wie ich denn glaube , daß jeder Mensch ein solches Rätsel ist , und daß es die Aufgabe der Liebe ist zwischen Freunden , das Rätsel aufzulösen ; so daß ein jeder seine tiefere Natur durch und in dem Freund kennenlerne . Ja Liebster , das macht mich glücklich , daß sich allmählich mein Leben durch Dich entwickelt , drum möcht ich auch nicht falsch sein , lieber möcht ich ' s dulden , daß alle Fehler und Schwächen von Dir gewußt wären , als Dir einen falschen Begriff von mir geben ; weil dann Deine Liebe nicht mit mir beschäftigt sein würde , sondern mit einem Wahnbild , was ich Dir statt meiner untergeschoben hätte . - Darum mahnt mich auch oft ein Gefühl , daß ich dies oder jenes Dir zulieb meiden soll , weil ich es doch vor Dir leugnen würde . Lieber Goethe , ich muß Dir die tiefsten Sachen sagen ; sie kommen eigentlich allen Menschen zu , aber nur Du hörst mich an und glaubst an mich und gibst mir in der Stille recht . - Ich habe oft darüber nachgedacht , daß der Geist nicht kann , was er will , daß eine geheime Sehnsucht in ihm verborgen liegt , und daß er die nicht befriedigen kann ; zum Beispiel , daß ich eine große Sehnsucht habe bei Dir zu sein , und daß ich doch nicht , wenn ich auch noch so sehr an Dich denke , Dir dies fühlbar machen kann ; ich glaube , es kommt daher , weil der Geist wirklich nicht im Reich der Wahrheit lebt und er also sein eigentliches Leben noch nicht wahrmachen kann , bis er ganz aus der Lüge heraus in das Reich der Offenbarung übergegangen ist ; denn die Wahrheit ist ja nur Offenbarung , und dann wird sich ein Geist auch dem andern zu offenbaren vermögen . Ich möchte Dir noch anderes sagen , aber es ist schwer , mich befällt Unruh , und ich weiß nicht wohin ich mich wenden soll ; ja , im ersten Augenblick ist alles reich , aber will ich ' s mit dem Wort anfassen , da ist alles verschwunden , so wie im Märchen , wo man einen kostbaren Schatz findet , in dem man alle Kleinode deutlich erkennt , will man ihn berühren , so versinkt er , und das beweist mir auch , daß der Geist hier auf Erden das Schöne nur träumt und noch nicht seiner Meister ist , denn sonst könnte er fliegen , so gut wie er denkt , daß er fliegen möchte . Ach wir sind soweit voneinander ! Welche Tür ich auch öffne und sehe die Menschen beisammen , Du bist nicht unter ihnen ; - ich weiß es ja , noch eh ich öffne , und doch muß ich mich erst überzeugen und empfinde die Schmerzen eines Getäuschten ; - sollte ich Dir nun auch noch meine Seele verbergen ? - oder das , was ich zu sagen habe , einhüllen in Gewand , weil ich mich schäme der verzagten Ahnungen ? - Soll ich nicht das Zutrauen in Dich haben , daß Du das Leben liebst , wenn es auch noch unbehilflich der Pflege bedarf , bis es seinen Geist mitteilen kann ? - Ich habe mir große Mühe gegeben mich zu sammeln und mich selbst auszusprechen ; ich hab mich vor dem Sonnenlicht versteckt , und in dunkler Nacht , wo kein Stern leuchtet und die Winde brausen , da bin ich in die Finsternis hinaus und hab mich fortgeschlichen bis zum Ufer ; - da war es immer noch nicht einsam genug , - da störten mich die Wellen , das Rauschen im Gras , und wenn ich in die dichte Finsternis hineinstarrte und die Wolken sich teilten , daß sich die Sterne zeigten , - da hüllte ich mich in den Mantel und legte das Gesicht an die Erde , um ganz , ganz allein zu sein ; das stärkte mich , daß ich freier war , da regte es mich an , das , was vielleicht keiner beachtet , zu beachten ; da besann ich mich , ob ich denn wirklich mit Dir spreche , oder ob ich nur mich von Dir hören lasse ? - Ach Goethe ! - Musik , ja Musik !