mit ungewissem beklommenem Herzen . Er eilte , nachdem er sich zuvor das bewußte Manuskript verschafft , allein aus dem Geräusche der Stadt , einen selten betretenen Weg verfolgend . Ein warmer , sonnenheller Tag schmolz vollends die letzten Reste Schnee und Eis hinweg , eine erquickende Luft schmeichelte bereits mit Vorgefühlen des Frühlings . So gelangt unser ernster Fußgänger , eh er sich ' s versah , in die ländlichste Umgebung , ein freundliches Dorf lacht ihm entgegen . Dort sucht er nach einem stillen Garten hinter dem nächsten besten Wirtshause und findet auch bald ein hübsches erhöhtes Plätzchen zwischen Weinbergen mit Tisch und Bank , von wo man die angenehmste Aussicht hat . Er bestellt eine Flasche Wein , setzt sich und holt jene Schrift hervor , deren Inhalt wir dem Leser nicht vorenthalten können . Ein Tag aus Noltens Jugendleben Die Zeit war wieder erschienen , wo der sechszehnjährige Theobald von der Schule der Hauptstadt aus die Seinigen auf zwei Wochen besuchen durfte . In dem Pfarrhause zu Wolfsbühl war daher gegenwärtig große Freude , denn Vater und Schwestern ( die Mutter lebte nicht mehr ) hingen an dem jungen blühenden Menschen mit ganzem Herzen . Ein besonders inniges Verhältnis fand aber zwischen Adelheid und dem nur wenig jüngeren Bruder statt . Sie hatten ihre eigenen Gegenstände der Unterhaltung , worein sonst niemand eingeweiht werden konnte sie hatten hundert kleine Geheimnisse , ja zuweilen ihre eigene Sprache . Es beruhte dies zarte Einverständnis vornehmlich auf einer gleichartigen Phantasie , welche in den Tagen der Kindheit unter dem Einfluß eines märchenreichen , fast abergläubischen Dorfes und einer merkwürdigen Gegend die erste Nahrung empfangen und sich nach und nach auf eine eigentümliche und sehr gereinigte Weise ihren bestimmten Kreis gezogen hatte . Von der Richtung , welche die beiden jugendlichen Gemüter genommen , war also , wie es schien , nichts zu befürchten , und selbst äußerlich wurde das Verhältnis keineswegs einseitig auf Kosten der übrigen drei minder empfänglichen Schwestern unterhalten . Es herrschte eine gutmütige heitere Verträglichkeit ; nur die ältere Tochter , Ernestine , deren Sorge vorzüglich das Hauswesen überlassen blieb , zeigte mitunter ein finsteres , gebieterisches Wesen , und sie hatte den Vater bereits mehr als billig war auf ihre Seite gebracht . An einem trüben Morgen in der letzten Zeit des Oktobers spazierten Theobald und seine Vertraute zusammen im Gärtchen hinter dem Hause . Er erzählte soeben seinen Traum von heute nacht und die Schwester schien ernsthaft zuzuhören , indes sie unverwandt nach der Seite hinüberblickte , wo die alte Ruine , der Rehstock genannt , tief in Nebel gesteckt liegen mußte . » Aber du gibst nicht acht , Adelheid ! Ich habe vorhin , um dich zu prüfen , absichtlich den tollen Unsinn in meinen sonst vernünftigen Traum hineingebracht und du nahmst es so natürlich wie zweimal zwei vier . « Das Mädchen erschrak ein wenig über die Ertappung , lachte sich jedoch sogleich herzlich selber aus und sagte : » Ja , richtig ! ich hab nur mit halbem Ohr gehört , wie du unaufhörlich von einer großen großen , unterirdischen Kellertür schwatztest welche endlich mit beiden Hinterfüßen nach dem armen Mann ausgeschlagen habe . Indessen , was ist im Traum nicht alles möglich ? Gib mir aber keck eine Ohrfeige ! ich hatte fürwahr ganz andere Gedanken . Höre ! und daß du es nur weißt , wir gehen heute auf den Rehstock . Noch nie hab ich ihn an einem Tag gesehen , wie der heutige ist , und mich deucht , da muß sich das alte Gemäuer , die herbstliche Waldung ganz absonderlich ausnehmen ; mir ist , als könnten wir heut einmal die Freude haben , so ein paar stille heimliche Wolken zu belauschen und zu überraschen , wenn sie sich eben recht breit in die hohlen Fenster lagern wollen . Wie meinst du ? Schlag ein . Wir werden ' s vom Papa schon erhalten , daß mir Johann das Pferd satteln darf , und du selbst bist ja rüstig auf den Füßen . Wir gehen gleich nach dem Frühstück womöglich ganz allein , und kommen erst mit dem Abend wieder . « Dem Bruder war der Vorschlag recht ; es wurde verabredet , man wolle alles Erdenkliche von Gefälligkeit tun , um die übrigen günstig zu stimmen . Adelheid flocht der ältern Schwester , der eiteln Ernestine , diesmal den Zopf mit ungewöhnlichem Fleiße , verlangte nicht einmal den Gegendienst , und der Kuß den sie dafür erhielt , war für die beiden ungefähr dasselbe gute Zeichen , was für andere , wenn sie ein gleiches Vorhaben gehabt hätten , der erste Sonnenblick gewesen wäre . Ehe man es dachte , hat Theobald die Sache bereits beim Vater vermittelt und bald stand der Braune mit dem bequemen Frauensattel ausgerüstet im Hofe . Man ließ das Pärchen ungehindert ziehen . Der Alte brummte unter dem Fenster mit einem geschmeichelten Blick auf die schlanke Reiterfigur seines Mädchens bloß vor sich hin : » Narrheiten ! « Ernestine kreischte nur etwas weniges zur Empfehlung der zerbrechlichen , mit Mundvorrat gefüllten Gefäße nach , welche der Knecht in einer Ledertasche nebst den Schirmen hinten nachtrug , und die ehrlichen Wolfsbühler , an das berittene Frauenzimmer längst gewöhnt , grüßten durchs ganze Dorf auf das freundlichste . Die Sonne hielt sich brav hinter ihrem Versteck und der Tag behielt zu Adelheids größter Zufriedenheit » sein mockiges Gesicht « bei . » Indem ich « , hob sie nach einer Weile an , » wohl gute Lust hätte , recht wehmütig zu sein , wie dieser graue Tag es selber ist , so rührt sich doch fast wider meinen Willen ein wunderlicher Jubel in einem kleinen feinen Winkel meines Innersten , eine Freudigkeit , deren Grund mir nicht einfällt . Es ist am Ende doch nur die verkehrte Wirkung dieses melancholischen Herbstanblicks , welche sich von Kindheit an gar oft bei mir gezeigt hat . Mir kommt es vor , an