niemand mehr Mitleid mit mir . « - Wieder weiter : » Ich kann nicht länger schweigen , der Neid drückt mir das Herz ab . « - Friedrich bemerkte erst jetzt , daß das Papier nur wie ein Brief zusammengelegt und ohne alle Aufschrift war . Voll Erstaunen legte er es wieder neben Erwin hin und sah den lieblich atmenden Knaben nachdenklich an . Da wachte Erwin auf , verwunderte sich , Friedrich und den Brief neben sich zu sehen , steckte das Papier hastig zu sich und sprang auf . Friedrich faßte seine beiden Hände und zog ihn vor sich hin . » Was fehlt dir ? « fragte er ihn unwiderstehlich gutmütig . Erwin sah ihn mit den großen , schönen Augen lange an , ohne zu antworten , dann sagte er auf einmal schnell , und eine lebhafte Fröhlichkeit flog dabei über sein seelenvolles Gesicht : » Reisen wir aus der Stadt und weit fort von den Menschen , ich führ dich in den großen Wald . « - Von einem großen Walde darauf und einem kühlen Strome und einem Turme darüber , wo ein Verstorbener wohne , sprach er wunderbar wie aus dunklen , verworrenen Erinnerungen , oft alte Aussichten aus Friedrichs eigener Kindheit plötzlich aufdeckend . Friedrich küßte den begeisterten Knaben auf die Stirn . Da fiel er ihm um den Hals und küßte ihn heftig , mit beiden Armen ihn fest umklammernd . Voll Erstaunen machte sich Friedrich nur mit Mühe aus seinen Armen los , es war etwas ungewöhnlich Verändertes in seinem Gesichte , eine seltsame Lust in seinen Küssen , seine Lippen brannten , das Herz schlug fast hörbar , er hatte ihn noch niemals so gesehen . Der Bediente trat eben ein , um Friedrich auszukleiden . Erwin war verschwunden . Friedrich hörte , wie er darauf in seiner Stube sang : » Es weiß und rät es doch keiner , Wie mir so wohl ist , so wohl ! Ach , wüßt es nur einer , nur einer , Kein Mensch sonst es wissen sollt ! So still ist ' s nicht draußen im Schnee , So stumm und verschwiegen sind Die Sterne nicht in der Höhe , Als meine Gedanken sind . Ich wünscht , es wäre schon Morgen , Da fliegen zwei Lerchen auf , Die überfliegen einander , Mein Herze folgt ihrem Lauf : Ich wünscht , ich wäre ein Vöglein Und zöge über das Meer , Wohl über das Meer und weiter , Bis daß ich im Himmel wär ! « Funfzehntes Kapitel Schwül und erwartungsvoll schauen wir in den dunkelblauen Himmel , schwere Gewitter steigen ringsum herauf , die über manche liebe Gegend und Freunde ergehen sollen , der Strom schießt dunkelglatt und schneller vorbei , als wollte er seinem Geschick entfliehen , die ganze Gegend verwandelt plötzlich seltsam ihre Miene . Keine Glockenklänge wehen mehr fromm über die Felder , die Wolken zu zerteilen , der Glaube ist tot , die Welt liegt stumm , und viel Teures wird untergehen , eh die Brust wieder frei aufatmet . Friedrich fühlte diesen gewitternden Druck der Luft und waffnete sich nur desto frömmer mit jenem Ernst und Mute , den ein großer Zweck der Seele gibt . Er warf sich mit doppeltem Eifer wieder auf seine Studien , sein ganzes Sinnen und Trachten war endlich auf sein Vaterland gerichtet . Dies mochte ihn abhalten , Erwin damals genauer zu beobachten , der seit jenem Abend stiller als je geworden und sich an einem wunderbaren Triebe nach freier Luft und Freiheit langsam zu verzehren schien . Rosa mochte er seitdem nicht wieder besuchen . Romana hatte sich seit einiger Zeit seltsam von allen größeren Gesellschaften entfernt . - Wir aber stürzen uns lieber in die Wirbel der Geschichte , denn es wird der Seele wohler und weiter im Sturm und Blitzen , als in dieser feindlich lauernden Stille . Es war ein Feiertag im März , da ritt Friedrich mit dem Prinzen auf einem der besuchtesten Spaziergänge . Nach allen Richtungen hin zogen unzählige bunte Schwärme zu den dunklen Toren aus und zerstreuten sich lustig in die neue , warme , schallende Welt . Schaukeln und Ringelspiele drehten sich auf den offenen Rasenplätzen , Musiken klangen von allen Seiten ineinander , eine unübersehbare Reihe prächtiger Wagen bewegte sich schimmernd die Allee hinunter . Romana teilte die Menge rasch zu Pferde wie eine Amazone . Friedrich hatte sie nie so schön und wild gesehen . Rosa war nirgends zu sehen . Als sie an das Ende der Allee kamen , hörten sie plötzlich einen Schrei . Sie sahen sich um und erblickten mehrere Menschen , die bemüht schienen , jemand Hülfe zu leisten . Der Prinz ritt sogleich hinzu ; alles machte ehrerbietig Platz und er erblickte sein Bürgermädchen , die ohnmächtig in den Armen ihrer Mutter lag . Wie versteinert schaute er in das totenbleiche Gesicht des Mädchens . Er bat Friedrich , für sie Sorge zu tragen , wandte sein Pferd und sprengte davon . Er hatte sie zum letzten Male gesehen . Die Mutter , welche sich selbst von Staunen und Schreck nicht erholen konnte , erzählte Friedrich , nachdem er alle unnötigen Gaffer zu entfernen gewußt , wie sie heut mit ihrer Tochter hierher spazierengegangen , um einmal den Hof zu sehen , der , wie sie gehört , an diesem Tage gewöhnlich hier zu erscheinen pflege . Ihr Kind sei besonders fröhlich gewesen und habe noch oft gesagt : » Wenn er doch mit uns wäre , so könnte er uns alle die Herrschaften nennen ! « Auf einmal hörten sie hinter sich : » Der Prinz ! der Prinz ! « Alles blieb stehen und zog den Hut . Sowie ihre Tochter den Prinzen nur erblickte , sei sie sogleich umgefallen . - Friedrich rührte die stille Schönheit des Mädchens mit ihren geschlossenen Augen tief . Er ließ sie sicher nach Hause bringen ; er selbst wollte sie nicht begleiten ,