was Sie verwirrt . Denn gewiß ist es das Unzusammenhängende allein , was uns im Leben stört . Könnten wir die Geschichte der Welt und jedes einzelnen Wesens in ihrer natürlichen Verbindung zu einander entstehn und fortschreiten sehn , der Faden des verworrnen Knäuels ließe sich , ganz leicht , ohne willkührliches Abreißen und Verknüpfen , abrollen , und der Mensch hörte auf , so einzeln und so feindlich der Natur und sich gegenüber zu stehn . Deshalb lassen Sie sich auch jetzt nicht beunruhigen . Haben Sie überall nur Acht auf das , was in Ihnen vorgeht , und können Sie das scheinbar Störende in irgend einen Einklang mit sich selbst bringen , so lassen Sie es ruhig walten . Sie drängen es vergebens weg , wie unbequem es auch die gewohnte Weise durchkreuzt . Luise erinnerte sich ähnlicher Worte Fernandos , zwar in ganz individueller Beziehung gesprochen , aber dennoch geeignet , sie für den Augenblick in eine höchst verwerfliche Ruhe zu wiegen . Wie leicht , unterbrach sie ihn , hintergehn wir uns aber selbst , und sehen das als zu uns gehörig an , was uns zerreißt und zerstört . Dann , erwiederte der Obrist , kehren wir nur das eigentliche Verhältniß um . Wir geben uns dem Fremdartigen blindlings hin , und verleugnen uns so vor uns selbst . Der besonnene Mensch hingegen läßt das Ungekannte auf sich zu kommen , und wie es sich an sein innerstes Leben wagt , faßt er es mit scharfen Blicken an ; ach liebe Luise ! und wie bald zeigt es sich dann , was in höherer Natur über unser Wissen und Wollen gebietet . Mit welchem Rechte sagen wir daher , wir müsse der Stimme des Herzens folgen . Was man insgemein so nennt , das ist es nun freilich wohl nicht , was ich meine . Es spricht so vieles auf den Menschen hinein , daß er sich zuletzt selbst nicht mehr erkennt . Aber was so recht eigentlich aus dem Herzen heraufdringt , dem widersteht sicher Niemand . Wie wahr , fuhr er , sie umschlingend , fort , und wie höchst seltsam hat mich diese Stimme geführt ! In welchem Augenblicke drückte sich Ihr Bild in mein Innres ! Alles gebot mir , es daraus zu verdrängen . Ich versuchte es oft , aber als es immer wiederkehrte , habe ich es heilig gehalten , und treu bewahret wie ein liebes Geschenk des Himmels , das mich still entzücken und nie wieder verlassen sollte ! Luise hatte den Kopf in großer Rührung an seine Brust gelehnt . Er drückte sie fester an sich , und sagte , über sie hingebeugt : hier wird es nun ewig leben ! Wie es auch kommen möge , dies Bild nimmt mir keine Gewalt der Erde , denn es ist mein geworden durch einen friedlichen Bund mit mir selbst . Was soll kommen ? fragte Luise besorgt ; was mein lieber , lieber Freund , soll uns trennen ? Ach , liebe Luise , erwiederte der Obrist , wer darf das wissen wollen ? Die Bedingungen unsers Daseins wie unsers Glückes greifen in Vor- und kommende Zeit hinein , und dennoch ist unser Gesichtskreis so eng gezogen , wir verstehn die Zukunft nie aus der Vergangenheit . Da liegt alles dunkel und in sich verschlungen . Wir dürfen es nicht anrühren , wenn wir die flüchtige Gegenwart nicht verscheuchen wollen . Luise blieb einen Augenblick nachdenkend . Wäre es möglich , sagte sie darauf , daß meine zu große Offenheit Sie beunruhigt hätte ? Behüte mich der Himmel vor solcher Schwäche , fiel der Obrist schnell ein . Nein , o Gott nein ! wie sollte mich beunruhigen , was der schönste Bürge meiner Ruhe ist . Liebe Luise , mißverstehn Sie mich doch ja nicht . Der Mensch thut nur wohl daran , im Uebermaße des Glücks sich den möglichen Wechsel als möglich zu denken . Das war es nicht allein , sagte Luise , es war mehr als das . Ihr Ton drang so wehmüthig durch mein Herz , als ginge er von trüber Ahndung aus . Jeder Blick in die Zukunft , erwiederte er , erinnert uns an die Wandelbarkeit des Glückes . Eben weil wir dort nichts Bestimmtes sehen , so tritt uns so vieles entgegen , wovon eines das andre zernichtet . Aber , was verderben wir denn die lieben , freundlichen Stunden durch so wunderliche Betrachtungen ! Luise war indeß in sich aufgeschreckt . Sie konnte sich nicht wiederfinden . Die Möglichkeit , den geliebten Freund zu verlieren , trat ihr plötzlich so nahe , daß sie ihn gar nicht von sich lassen wollte . Sie fürchtete , jeder Augenblick könne ihn ihr entreißen . Und als er nun ging , und sie ihm aus dem geöffneten Fenster , die Straße hinunter , lange nachsahe , bis er sich unter fremde Gestalten verlor , da war ihr , als sei die Straße der vor ihr liegende Lebensweg , auf dem ihr alles unbekannt erschien , bis auf das eine geliebte Wesen , das sich nun auch abwandte und sie verließ . Sie verlor sich immer mehr in diese Vorstellung , und ward nicht eher wieder froh , als bis der Obrist des folgenden Tages in einem reich verzierten Schlitten vor ihrer Thür hielt . Das Geläut der Glöckchen hatte sie an das Fenster gelockt . Sie schlug freudig in die Hände , als der schöne Mann von dem leichten Fahrzeuge springend , zu ihr hineilte . Ich komme , meine Luise , sagte er im Hineintreten , Sie zu fragen , ob Sie sich wohl eine Stunde meiner Führung anvertrauen , und mich auf einer Spatzierfahrt begleiten wollen . Der klare stille Wintertag erinnert mich so lebhaft an mein Vaterland . Ich möchte diese Erinnerungen gern mit meinen liebsten Freuden vereinen . Könnten Sie sich wohl für Augenblicke mit Ihrem Freunde in den starren Norden versetzen ? Luise willigte ohne Weiteres ein