sich gern über sie , indem er sie bei dem neulichen Besuch genauer kennengelernt . Sie hatte sich ihm genähert , ja sie ward von ihm angezogen , weil sie durch sein gehaltvolles Gespräch dasjenige zu sehen und zu kennen glaubte , was ihr bisher ganz unbekannt geblieben war . Und wie sie in dem Umgange mit Eduard die Welt vergaß , so schien ihr in der Gegenwart des Grafen die Welt erst recht wünschenswert zu sein . Jede Anziehung ist wechselseitig . Der Graf empfand eine Neigung für Ottilien , daß er sie gern als seine Tochter betrachtete . Auch hier war sie der Baronesse zum zweitenmal und mehr als das erstemal im Wege . Wer weiß , was diese in Zeiten lebhafterer Leidenschaft gegen sie angestiftet hätte ! Jetzt war es ihr genug , sie durch eine Verheiratung den Ehefrauen unschädlicher zu machen . Sie regte daher den Gehülfen auf eine leise , doch wirksame Art klüglich an , daß er sich zu einer kleinen Exkursion auf das Schloß einrichten und seinen Planen und Wünschen , von denen er der Dame kein Geheimnis gemacht , sich ungesäumt nähern solle . Mit vollkommener Beistimmung der Vorsteherin trat er daher seine Reise an und hegte in seinem Gemüte die besten Hoffnungen . Er weiß , Ottilie ist ihm nicht ungünstig ; und wenn zwischen ihnen einiges Mißverhältnis des Standes war , so glich sich dieses gar leicht durch die Denkart der Zeit aus . Auch hatte die Baronesse ihn wohl fühlen lassen , daß Ottilie immer ein armes Mädchen bleibe . Mit einem reichen Hause verwandt zu sein , hieß es , kann niemanden helfen ; denn man würde sich selbst bei dem größten Vermögen ein Gewissen daraus machen , denjenigen eine ansehnliche Summe zu entziehen , die dem näheren Grade nach ein vollkommeneres Recht auf ein Besitztum zu haben scheinen . Und gewiß bleibt es wunderbar , daß der Mensch das große Vorrecht , nach seinem Tode noch über seine Habe zu disponieren , sehr selten zugunsten seiner Lieblinge gebraucht und , wie es scheint , aus Achtung für das Herkommen nur diejenigen begünstigt , die nach ihm sein Vermögen besitzen würden , wenn er auch selbst keinen Willen hätte . Sein Gefühl setzte ihn auf der Reise Ottilien völlig gleich . Eine gute Aufnahme erhöhte seine Hoffnungen . Zwar fand er gegen sich Ottilien nicht ganz so offen wie sonst ; aber sie war auch erwachsener , gebildeter und , wenn man will , im allgemeinen mitteilender , als er sie gekannt hatte . Vertraulich ließ man ihn in manches Einsicht nehmen , was sich besonders auf sein Fach bezog . Doch wenn er seinem Zwecke sich nähern wollte , so hielt ihn immer eine gewisse innere Scheu zurück . Einst gab ihm jedoch Charlotte hierzu Gelegenheit , indem sie in Beisein Ottiliens zu ihm sagte : » Nun , Sie haben alles , was in meinem Kreise heranwächst , so ziemlich geprüft ; wie finden Sie denn Ottilien ? Sie dürfen es wohl in ihrer Gegenwart aussprechen . « Der Gehülfe bezeichnete hierauf mit sehr viel Einsicht und ruhigem Ausdruck , wie er Ottilien in Absicht eines freieren Betragens , einer bequemeren Mitteilung , eines höheren Blicks in die weltlichen Dinge , der sich mehr in ihren Handlungen als in ihren Worten betätige , sehr zu ihrem Vorteil verändert finde , daß er aber doch glaube , es könne ihr sehr zum Nutzen gereichen , wenn sie auf einige Zeit in die Pension zurückkehre , um das in einer gewissen Folge gründlich und für immer sich zuzueignen , was die Welt nur stückweise und eher zur Verwirrung als zur Befriedigung , ja manchmal nur allzuspät überliefere . Er wolle darüber nicht weitläufig sein ; Ottilie wisse selbst am besten , aus was für zusammenhängenden Lehrvorträgen sie damals herausgerissen worden . Ottilie konnte das nicht leugnen ; aber sie konnte nicht gestehen , was sie bei diesen Worten empfand , weil sie sich es kaum selbst auszulegen wußte . Es schien ihr in der Welt nichts mehr unzusammenhängend , wenn sie an den geliebten Mann dachte , und sie begriff nicht , wie ohne ihn noch irgend etwas zusammenhängen könne . Charlotte beantwortete den Antrag mit kluger Freundlichkeit . Sie sagte , daß sowohl sie als Ottilie eine Rückkehr nach der Pension längst gewünscht hätten . In dieser Zeit nur sei ihr die Gegenwart einer so lieben Freundin und Helferin unentbehrlich gewesen ; doch wolle sie in der Folge nicht hinderlich sein , wenn es Ottiliens Wunsch bliebe , wieder auf so lange dorthin zurückzukehren , bis sie das Angefangene geendet und das Unterbrochene sich vollständig zugeeignet . Der Gehülfe nahm diese Anerbietung freudig auf ; Ottilie durfte nichts dagegen sagen , ob es ihr gleich vor dem Gedanken schauderte . Charlotte hingegen dachte Zeit zu gewinnen ; sie hoffte , Eduard sollte sich erst als glücklicher Vater wiederfinden und einfinden , dann , war sie überzeugt , würde sich alles geben und auch für Ottilien auf eine oder die andere Weise gesorgt werden . Nach einem bedeutenden Gespräch , über welches alle Teilnehmenden nachzudenken haben , pflegt ein gewisser Stillstand einzutreten , der einer allgemeinen Verlegenheit ähnlich sieht . Man ging im Saale auf und ab , der Gehülfe blätterte in einigen Büchern und kam endlich an den Folioband , der noch von Lucianens Zeiten her liegengeblieben war . Als er sah , daß darin nur Affen enthalten waren , schlug er ihn gleich wieder zu . Dieser Vorfall mag jedoch zu einem Gespräch Anlaß gegeben haben , wovon wir die Spuren in Ottiliens Tagebuch finden . Aus Ottiliens Tagebuche Wie man es nur über das Herz bringen kann , die garstigen Affen so sorgfältig abzubilden ! Man erniedrigt sich schon , wenn man sie nur als Tiere betrachtet ; man wird aber wirklich bösartiger , wenn man dem Reize folgt , bekannte Menschen unter dieser Maske aufzusuchen . Es gehört durchaus eine gewisse Verschrobenheit dazu ,