Schlitten setzte , mit dem Oleander gestern gekommen war . Auch die schnelle Entfernung des jungen Vikars , der ihn durchaus begleiten wollte , that Allen leid . Gegen Mittag , während es wieder zu schneien anfing , fuhren sie ab . Während der durch den frischgefallenen Schnee beschwerlichen Fahrt erzählte Oleander , um Siegbert zu zerstreuen , von seiner Jugend , seinen bisherigen Lebensschicksalen . Wie er der Sohn armer Eltern im Würtem-bergischen wäre , die Beide nicht mehr lebten , wie er sich mühsam hätte emporarbeiten müssen und das Meiste schwerer und steiler gefunden hätte , als er anfangs dachte . Er wäre durch eine Hauslehrerstelle nach dem Norden gekommen . Auf der Universität hätte ihn anfangs auch jene Theologie am meisten angezogen , die die modische , von der Regierung beschützte war . Doch hätt ' er sich ihr abwenden müssen , da ihm sein poetischer Sinn dabei verkümmerte . Diesen hätten schon früh Lehrer und Freunde gepflegt und befördert , aber er wäre dabei so glücklich gewesen , niemals Überschätzer und ebensowenig Unterschätzer zu finden . Am nachhaltigsten hätte auf ihn ein Freund gewirkt , der musikkundig war und seinen Versen Klänge unterlegte . Da hätt ' er bald erkannt , was die Seele ergreife und befriedige . Ach , schloß er , wir sind in Todeserinnerungen ! Auch Der ist hin ! Sein ganzes Leben war Harmonie . Er verklang so in das große All ' , das doch wohl das irdische Nichts ist ! Oft hör ' ich ihn in den Lüften um mich her säuseln ! Je einsamer , desto näher . Wenn ich allein bin , hör ' ich den Ton seiner Geige oder er summt am Klavier eine Melodie . Und was ich dichte , das muß gleich so sein , als säng ' es mir mein Wilhelm ! So verkling ' ich in ihm und er klingt in mir . Siegbert konnte sich zu dem Leide , das er erwartete , nicht feierlicher vorbereiten . Seine Augen weinten ; aber den Trost , der sie trocknen konnte , fühlte er schon sich nahen bei des Gefährten sanften Worten . Der Vikar erzählte dann , wie er in der Residenz und auf dem Lande lange als Hauslehrer hätte wirken müssen , wie er zur Heimat hätte zurück wollen , dann sich aber einer Begünstigung seines verlassenen Schicksals zu erfreuen gehabt hätte , als er mit Propst Gelbsattel bekannt wurde . Er gab ihm das Zeugniß eines geistreichen , umsichtigen , anregungsfähigen , nur zu ehrgeizigen Mannes , mußte aber zu seinem Kummer gestehen , daß den Ausschlag für ihn nicht die Anerkennung seines etwaigen Verdienstes , sondern der Glaube gegeben hätte , er interessire sich für eine der Töchter des Propstes . Bekannt mit dem Sohne desselben , sagte er , kam ich in sein Haus und war auf seine Schwestern prüfend aufmerksam . Ich habe in mir den stillen Vorwurf , daß man vielleicht glaubt , wenn dies Vikariat für Guido Stromer vorüber ist , würd ' ich zurückkehren und mich um die älteste Tochter des Propstes bewerben . Und wie weit bin ich davon entfernt ! Siegbert kannte diese jungen Damen von der Weinlese bei Adele Wäsämskoi und verglich sie mit Selma . Der Schmerz macht aufrichtig und lehrt uns , jede formelle Rücksicht leichter fahren zu lassen . Er konnte nicht umhin , mit kurzen Worten geringschätzig von den Gelbsattels zu sprechen und sie gegen Selma gehalten mit den Krähen zu vergleichen , die man eben auf den Feldern krächzen hörte . Oleander winkte Siegbert , auf den Knecht Rücksicht zu nehmen , der sie fuhr . Dieser hatte sich aber seinen Mantel so dicht über die Ohren gezogen , daß Siegbert voraussetzen konnte , von ihm nicht verstanden zu werden , wenn er mit leiserer Stimme fortfuhr : Wie würde Ihr Gemüth leiden , wenn Sie in die Lage kämen , mit solchen in Glanz und Ansprüchen auferzogenen Mädchen in Verbindung zu kommen oder wol gar ihnen verdanken zu müssen , daß Sie Beförderung erhielten ! Ich kenne diese Mädchen . Sie sind wie jetzt die meisten . Entfernt von jeder Idealität und nur der raffinirtesten Geselligkeit hingegeben . Theater , Putz , Bälle sind die Gegenstände ihres Gesprächs . Welch ' ein Engel dagegen Selma ! Wie lieblich die jungfräuliche Erscheinung ! Wie klug dies Auge und wie träumerisch zuweilen jene Blicke , die sie nicht beobachtet glaubt . Wer so zu scherzen weiß wie Selma , kann auch tief ernst sein . Sie hat eine Abneigung gegen mich und ich weiß nicht , gerade darin find ' ich einen Reiz , einen Werth mehr . Ich fühle , daß ich den Glauben eines reinen , unschuldigen Mädchens nicht mehr verdiene und ich bin gewiß , jemehr ich vielleicht ihr zu gefallen suchte , desto mehr misfiel ich ihr . Und doch - Oleander schüttelte traurig den Kopf ; denn Siegbert verrieth wohl , daß Selma Oleandern nicht liebte . Ich vermuthe fast , sagte Oleander mit Traurigkeit , daß sie irgend ein ihr theuer gewordenes Bild im Herzen trägt . Irgend ein Mann muß ihr einst begegnet sein , dem sie mit träumerischer Innigkeit nachhängt . Siegbert horchte auf ... Die Andeutungen seines Bruders hatte er nie für Ernst gehalten . Was zweifle ich noch daran ? Hat mir ' s denn der Vater nicht selbst bestätigt ? Wer könnte Das sein ? fragte Siegbert gespannt . Oleander fuhr fort : Kürzlich nach dem Mahle im Plessener Amtshaus sprach der Vater in einer abendlichen Dämmerungsstunde mit mir darüber , daß ihm Selma Sorgen mache . Dem jungen , von Louis Armand in sein Haus empfohlenen Mädchen , hätte sie sich mit einer Leidenschaft angeschlossen , die ihm verrathe , daß ihr das Bedürfniß der Hingebung mit mächtiger Gewalt innewohne . Er gerieth in eine so weiche , wehmüthige Stimmung , daß ich den Muth hatte , von meiner Liebe zu sprechen . Er reichte mir