, daß er sie ängstlich an seine Brust ziehen und durch jene Zärtlichkeiten trösten mußte , über die Siegbert nicht so leichtsinnig dachte wie Dankmar , der sie Anstandszärtlichkeiten nannte . Er machte sich die Herzlichkeiten , die wirklich nur allein im Stande waren , den Schmerz der schönen Frau zu mildern , noch lange zum bittersten Vorwurfe und fand es fast gerechtfertigt , daß ein reines unentweihtes Wesen , wie Selma Ackermann , vor ihm einen tiefgewurzelten Widerwillen verrieth . Dieser Widerwille quälte ihn . Nicht , daß er seine Eitelkeit verletzte . Seit Oleander ' s tiefer Bemerkung spornte ihn diese Thatsache , in sein Inneres zu blicken und er zitterte fast bei dem Gedanken , in Schönau ohne Zweifel Briefe von der Fürstin Wäsämskoi zu treffen ! Er fand deren genug und die bittersten Klagen , daß er nicht schriebe . Es verstand sich von selbst , daß diese Briefe die wahre Empfindung Adelens nur zwischen den Zeilen errathen ließen und nur plauderten , nur mittheilten . Von Olga sprach sie mit Entrüstung und gab sie und ihr Schicksal für immer auf . Erfreulicher lautete , daß Rudhard mit den Kindern zurückgekehrt war und wieder in ihrem Hause die Penaten hütete , wie Otto von Dystra es genannt haben sollte . Von diesem Letzteren erzählte Adele meist Barockes und erschreckte Siegbert durch die Bemerkung , daß sie vermuthe , er würde Olga nachreisen und Helenen für den unverantwortlichen Eingriff in mütterliche Autorität ernstlich zur Rede stellen . Sie wohne noch vor ' m Thore , erzählte sie , gegenüber der jetzt allgefeierten Pauline von Harder , die sich darin gefalle , den Staat , den Prinzen Egon und wer weiß wen Alles zu regieren . Genauere Angaben über die für Siegbert so hochwichtigen politischen Fragen fehlten , doch fand er im Grunde in allen Zeitungen mehr , als er zu wissen wünschen konnte . Ja in unmittelbarster Nähe sah er die Agitation der neuen Wahlen , die wiederum so auszufallen schienen wie die früheren ; denn noch war der Premierminister mit seinem neuen Wahlgesetz nicht hervorgetreten ... In einem Briefe , den er dann auch glücklicherweise von seinem Bruder vorfand , war darüber ausführlicher geschrieben . So sehr ihn dieser Fund erfreute , so lag doch in dem Tone dieser kurzen Zeilen Dankmar ' s etwas , was er nicht verstand . Dankmar war von Angerode wieder in der Residenz , sprach von den günstigeren Aussichten des Prozesses , gab Mittheilungen über die fortschreitende Entwickelung seiner Bundesideen , hatte aber auch Wendungen wie diese gebraucht : » Mit betrübtem Herzen kam ich gestern hier an und suchte für das schmerzlich Erlebte mich dadurch zu trösten , daß ich mich mit erneuter Hoffnung in den Strudel der Thatsachen warf « . Und an einer andern Stelle : » Beeile deine Rückreise nicht ! Sähen wir uns mit den noch blutenden Wunden wieder , unser Schmerz würde endlos sein ! Ach , Siegbert , ich kann mir denken , was du empfandest , als du auch diesen Besitz aus unserm Lebensbuche streichen mußtest « . Endlich hieß es : » Die Trauerbotschaft schrieb ich dir deshalb durch Einschluß an Leidenfrost , weil ich dachte : Entweder du bist schon zurück , dann gibt er dir den Brief selbst , oder du bist noch in Randhartingen , dann legt er ihn an Herrn Ackermann bei , mit dem er in geschäftlicher Verbindung steht . « Welche Trauerbotschaft ! rief Siegbert außer sich und durchflog den Brief noch einmal . Ein Brief ist verloren gegangen oder liegt bei Ackermann ! Sein erstes Gefühl war an die Mutter . Sie ist todt ! sagte er . Ich Unglücklicher ! Was kann dieser Brief so Jammervolles enthalten ? Starb sie , während du tändeltest ? Was sollst du thun ? Er durchlas wohl zehnmal den kurzen flüchtigen Brief des Bruders , dessen Ton vollkommen auf die Möglichkeit paßte , daß er ihm in dem verlornen das Erschütterndste , das Herbste mitgetheilt hatte ... Zu seinem Trost kam wenigstens Oleander mit der Botschaft nach Schönau , daß Ackermann einen Brief für ihn wirklich empfangen hatte , den Jener in der Voraussetzung , Siegbert kehre nach Randhartingen wieder zurück , deshalb nicht mitschickte , weil Siegbert , wie man wohlwollend und gütig gesagt hatte , ihn selbst im Ullagrunde abholen sollte . Sie sehen , wie warm Ackermann für Sie empfindet , schloß Oleander . Freilich , hätt ' er ahnen können , was diese Zeilen vielleicht enthalten ... Siegbert war in einer Stimmung , die ihm unmöglich machte , irgend eine der vielen freundlichen Einladungen anzunehmen . Am liebsten wär ' er gleich nach der Residenz zurückgereist und doch war diese Entfernung dreimal weiter als die nach dem Ullagrunde . Er wußte nicht , was er vorziehen sollte ! Der Gedanke , daß seine Mutter gestorben , stand ihm so fest , daß seine Augen nicht mehr trocken wurden . Er aß nicht , er lag zusammengekrümmt und weinte . In der neuausgebauten Kirche , die am folgenden Morgen trotz der Kälte dicht mit Menschen überfüllt war , hingen die von ihm wiederhergestellten Bilder . Der Geistliche des Ortes predigte . Nach der Predigt sollte ein großes Festmahl sein . Von diesem schloß sich Siegbert und ihm zu Liebe auch Oleander aus . In die Kirche aber ging er mit zerknirschtem Herzen . Glücklicherweise war die Predigt trocken und löste ihn nicht so auf in Wehmuth , wie der Ton der Orgel und der Gesang der Gemeine . Seit des Vaters Tode hatte er keine Kirche mehr besucht und nun er zum ersten male wieder unter Andächtigen mit einem räthselhaften dunklen Schicksal saß , fühlte er , nur ihr Tod , sonst konnte nichts eingetroffen , nichts Anderes geschehen sein ... Da sein Zustand Niemanden entgehen konnte , so billigte man mit dem größten Bedauern , daß er gleich nach der Feierlichkeit und einem kleinen ihm von der Ortsbehörde gewidmeten Frühstück sich in den