Beziehungen im Menschen . Es ist möglich , daß grade das Gleichartige abstoßend wirkt . Wer weiß , welche Verwandtschaft grade Schuld ist , daß Sie auf Selma ' s Nerven einen Druck ausüben ! Bin ich nicht in der gleichen Lage ? Siegbert stockte . Er gedachte des Bruders und der herzlichen Theilnahme , mit der Dankmar ihm einst von Selma Ackermann gesprochen . Wie gern hätte er sich Selma durch die Erinnerung an seinen Bruder empfohlen ! Aber dafür , daß ihr Vater ihn einst auf seinen Knieen wollte geschaukelt haben , dafür , behauptete er , wäre man zu spröde gegen ihn , zöge sich zu sehr zurück und so hatte er keinen Muth , seine persönlichen Beziehungen zu erwähnen und durch die Erinnerung an den Bruder diesen Menschen näher zu treten , die ihm ohnehin viel zu streng zu urtheilen schienen , als daß er gewagt hätte , auf Dankmar ' s in Hohenberg gespielte Rolle zurückzukommen . Oleander ' s Liebe für Selma war ersichtlich . Siegbert sagte fast scherzend : Und Sie , Oleander ? Nach Allem , was ich zu beobachten glaube , liebt Selma ihren Lehrer . Oleander fast erschreckend , konnte nicht antworten , denn Frau von Sänger trat zwischen sie und forderte Siegbert auf , seine gelehrten Gespräche für ein ander Mal auszusetzen . Mein guter Mann , sagte sie , treibt zur Rückfahrt . Er hat es nicht über sich gewinnen können , Ihre Rede zu hören , Herr Vikar . Er liebt die Kirchhöfe nicht , auf die er bisher nur immer seine Frauen schickte . Ich bin die dritte . Er wird auch mir Erlaubniß geben , noch vor ihm dort hinzugehen . Welche Melancholie , gnädige Frau ! bemerkte der Vikar . Ach , dieser Winter ! Diese kalte Luft ! Diese öde Einsamkeit ! Diese treulosen Freunde , die , wie Herr Wildungen , so einmal in dies elende Landleben hereinschneien und dann gleich täglich vom Abreisen sprechen ! Ja , lieber Oleander ! sagte Siegbert . Mein Bild in Randhartingen ist fast vollendet . Am dreizehnten will ich in Schönau sein , wo die Kirche eingeweiht wird . Ich denke dann zurückzureisen ... In Schönau sehen wir uns noch , bemerkte Oleander . Ich wohne dem Feste bei ... Ist es nicht fürchterlich , mit so viel kaltem Blute vom Abreisen zu sprechen , bemerkte die junge , frische , liebenswürdige Frau , die in der That eine große Neigung für Siegbert gefaßt zu haben schien und sie unter Scherzen zu verbergen suchte . Warum nur sich , dem Vergnügen , der Residenz leben ? Wir verderben Ihnen freilich die künstlerischen Anschauungen ! Ihre Phantasie leidet hier , Ihr Schönheitssinn verdirbt beim Anblick ... Der schönsten Blondine , die ich kenne , bemerkte Siegbert , nur um frei zu kommen . Nein , gnädige Frau , ich leide , weil ein geliebter Bruder nicht schreibt , weil mich Verhältnisse verwickeltester Art , allgemeine und persönliche Interessen , mit Gewalt in die mir verhaßte Residenz zurücktreiben ... wie gerne würd ' ich ... Herr von Sänger hatte sich erhoben und stützte sich auf seinen alten Krückstock . War es einmal so weit mit ihm gekommen , so durfte nicht zu lange gezaudert und geplaudert werden . Vorwärts ! kommandirte er mit militairischem Brummbaßtone , hinter dem aber die gutmüthigste Bequemlichkeit versteckt war . Vorwärts ! Madame ! Monsieur ! Das gibt einen Winter 1812 ! Ich fühl ' es ! Mein Rheumatismus bekommt historische Erinnerungen ... Und als man ihm seinen großen Pelz umwarf , sagte er : In einer solchen Schur jagte Napoleon an uns vorbei , als es rückwärts ging ... Adieu , Frau von Zeisel ! Schöne Hebe , was muß Ihnen so wohl sein in Ihrem heißen Blute ! Mit ähnlichen derben Späßen ging er voran . Siegbert und Frau von Sänger folgten . Der Bediente trug Mäntel und Pelze . Siegbert war nicht in dem Grade abstract , daß er für die kleinen Koketterieen einer hübschen Frau unempfindlich geblieben wäre . Aber sein Innerstes wurde nicht davon berührt . Es gibt sogar eine Art von Courtoisie im Umgang mit gefallsüchtigen Frauen , wo man in die Lage kommen kann , um nicht zu verletzen , rücksichtsvoll zu sein . Dankmar wenigstens hatte einmal zu Siegbert gesagt : » Der Henker hole unsre Gutmüthigkeit ! Hätt ' ich nur all ' die Zärtlichkeiten wieder heraus , die sich Einer Anstands halber mit Gewalt auferlegt , um dem holdesten Geschlechte nicht wehe zu thun ! Schon die verdammte Gewissenhaftigkeit bei übereilt bewilligten Stelldicheins ! Diese zarte Schonung , Besuche zu wiederholen , wo uns schon der erste Mühe machte , der erste Überwindung kostete ! Wir sind zu gut , zu vornehm , Bruder ! Wir zahlen immer gleich mit blanker Silbermünze , wo ein paar Kupferheller vollkommen genug wären . « Wenn man Briefe mit ungeduldiger Sehnsucht erwartet , genießt man Das , was inzwischen das Leben noch so Angenehmes bietet , nur halb . Beziehungen zu dem Arzte Reinick , die reiche Bequemlichkeit bei Herrn Anverwandter , der Humor des alten Hauptmanns und Rentmeisters , die nur zu sehr entgegenkommende Liebenswürdigkeit seiner nicht völlig oberflächlichen jungen Gattin , alles Das unterhielt wol Siegbert , während er malte ; aber daß ihm Briefe fehlten , machte nichts gut . Endlich schrieb ihm der nach Schönau zurückgekehrte Ortsvorstand Marx , daß er sich beeilen möchte , zu dem Kirchenfeste zu kommen , auch wäre Manches für ihn inzwischen angelangt ... Da nahm er denn eiligst Abschied und vorläufig für den ganzen Winter . Er ließ aus Gutmüthigkeit Frühlingsverheißungen für Frau von Sänger zurück . Sie glaubte ihnen nicht . Er erlebte wirklich , am Abend vor seiner Abreise ( Oleandern hoffte er in Schönau zu finden ) , daß die hübsche Frau erst scherzend von ihm Abschied nehmen wollte , dann aber im Lachen weinte und zuletzt in wirklichen Thränen so zerfloß