auch Das nicht sagen , bemerkte Herr von Zeisel . Er schreibt doch in den Blättern mit großer Empfindung . Die Briefe an die Seinigen sind oft kurz und zerfahren , oft aber auch voll Rührung ... Vielleicht über sich selbst , bemerkte Ackermann . Nenne man Das doch nicht Herz , wenn ein Mensch leicht in Thränen zerfließen kann ! Ich habe Frauen gekannt , die viel weinten und die doch nur ihre Nervenschwäche hätten für ihr Gemüth ausgeben sollen . Stromer ist voll Rührung über sich selbst . Er weint darüber , daß er weinen kann . Er bewundert sich , wenn er voll Wehmuth einen Kirchhof oder den erwachenden Frühling betrachtet . O diese eitle Selbstbespiegelung ! Ich erkenne das Herz nur bei den Menschen an , die im Stande sind , aus andern Menschen herauszuempfinden und in ihnen wie in sich selbst zu leben . Oleander , der einestheils zu zartfühlend war , um sich auf Kosten seines Vorgängers rühmen zu hören , andrerseits die Gewohnheit hatte , nach dem Ernste gern in einem scherzenden Tone sich wieder mit der naiven , ihm eigenthümlichen Auffassung zu vermitteln , bemerkte : Ich will gleich sehen , wer unter uns Herz hat ! Da seh ' ich Damen in Pelzwerk und Mänteln kommen ... Meine Frau , sagte Herr von Zeisel , Frau von Sänger und Fräulein Selma Ackermann . Ich sehe schlecht , fuhr Oleander fort , wo geht Fräulein Selma ? Rechts , sagte Herr von Zeisel . Links , fuhr Ackermann fort , geht Siegbert Wildungen . Ihr irrt ! Rechts Frau von Sänger - bemerkte Oleander ... Nein , nein , links geht Frau von Sänger ! bestätigten Alle . Da meinte denn Oleander : Seht ! Ihr Alle habt kein Herz ! Wie könnt Ihr sagen : es gehe einer rechts für Euch , da er doch links für sich geht ? Nach Herrn Ackermann ' s richtiger Theorie vom Herzen muß man Den , der uns begegnet , auch von der Seite aus kommend darstellen , die ihm selbst die linke , ihm selbst die rechte ist ! Der Widerspruch und der Scherz , den diese Bemerkung hervorrief , wurde von den Damen abgeschnitten , die über die Kälte , über das lange Ausbleiben der Herren klagten . Frau von Zeisel warf auf Siegbert so schmollende Blicke , daß er sich wiederholt für seinen erst heute , acht Tage nach dem Diner wiederholten Besuch entschuldigte . Er erklärte , daß er sich noch nicht von dieser überraschenden Veränderung hätte erholen können : so widerspräche Alles , was er zu finden hoffte , Dem , was er wirklich fände . Frau von Sänger führte das Wort und schilderte den Fleiß und die in Anspruch genommene Muße des jungen Malers mit einer Lebendigkeit , die Niemanden verdrießlicher war als der Justizdirektorin . Sah sie sich doch auch von Oleander , der mit Selma und Franziska allein ging , verlassen ! Oben im Amtshause widmete man Allen , die das Begräbniß des unter so eigenthümlichen Umständen dahingegangenen blinden Zeck herbeigezogen hatte , noch einen solennen Nachmittagskaffee , dann trennte sich Heunisch , der als Leidtragender vom Justizdirektor mit freundlicher Herablassung eingeladen war , von Franziska und tröstete sich mit den Zerstreuungen , die jetzt die Jagd , der Verkauf , die Ablieferung des geringen Wildprets mit sich führen würde . Selma hatte Franziska schon so liebgewonnen und an sich herangezogen , daß sie sich gern mit ihr isolirte und sonderbarerweise von allen Anwesenden Niemanden lieber den Rücken kehrte als Siegbert . Dieser fühlte diese Zurücksetzung und bemerkte auch , daß Ackermann gegen ihn befangen war . Auf einem Schlitten fuhren die Ullagrunder früher von dannen ; doch wiederholte Ackermann die Einladung an Siegbert . Wenn er noch in der Gegend bliebe , würde er ihnen doch einen Besuch schenken ? Der innige Händedruck , mit dem er schied , stand in Widerspruch zu seinem Benehmen . Selma aber , die in ihrem Pelzkragen , ihrem Muff und dem blauen Schleier auf dem Sammthute recht » vollkommen « , wie Frau von Zeisel sagte , oder » unternehmend « , wie es Frau von Sänger nannte , aussah , verharrte in ihrem Gleichmuthe und verwundete fast den von den Frauen etwas verwöhnten jungen Mann . Als der Schlitten fortgefahren , beklagte sich Siegbert bei Oleander . Dieser stand an einem entlegenen Fenster und erwiderte : Ich möchte behaupten , daß Selma selbst nicht weiß , warum sie Ihnen so sein muß , wie sie ist . Bemerkten Sie denn auch die fast absichtliche Kälte ? Absichtliches bemerkte ich nichts , aber daß sie vor Ihnen Scheu hat , eine unbewußte , ihr selbst nicht klare , erkenn ' ich wohl . Wie ist Das möglich ? Was weiß sie Schlimmes von mir ? Daß sich diese beiden verheiratheten Frauen mir theilnehmend zuwenden und dabei wenig Vorsicht zeigen , ist Das meine Schuld ? Ich glaube kaum , daß Selma so urtheilt , so nur beobachtet . Sie beobachtet gar nicht und urtheilt noch weniger . Sie sprechen ihr da die Bildung ab , die Sie doch selbst an ihr vollenden wollen ? Die Bildung ? Ist Beobachtung und Urtheil allein Bildung ? Bildung ist nur gesteigerte Empfänglichkeit . Selma verbindet Bildung mit Dem , was die Bildung nur zu oft verdrängt , mit dem Instinkt der Natur . Es ist ein Wesen , das ich naturwüchsig nennen möchte . Sie verstellt sich nie , wenigstens nicht mit Bewußtsein . Was sie ist , ist sie . Sie erschrickt , wo sich Andre bekämpfen . Sie liebt und haßt nicht einmal . Sie fühlt sich nur angezogen oder fühlt sich nur abgestoßen . Wenn ich auf eine so reine Natur abstoßend wirke , muß ich mich bekümmern . O , Das ist nicht gesagt , Wildungen ! Der Vater , den Sie immer mehr schätzen würden , wenn Sie ihn recht erkennen wollten , hält auf magnetische