heimgegangenen Tochter zu geben . Johanna von Scharnhorst ( Nach Aufzeichnungen einer Kaiserswerther Diakonissin ) Johanna von Scharnhorst war eine Mariennatur . Ihre Erscheinung schon gewann die Herzen und war der Ausdruck selbstsuchtsloser Güte . Mutter und Tochter glichen sich in diesem Punkte vollkommen und leben , um dieser selbstsuchtslosen Güte willen , in der Erinnerung der Gröben-Siethener Gemeinde fort . Im Oktober 1854 kam Fräulein Johanna nach Kaiserswerth , um Diakonissin zu werden . Was sie dazu bestimmte , waren zunächst wohl unerfüllt gebliebene Hoffnungen , Enttäuschungen , über die sie sich nur einmal , in Andeutungen wenigstens , zu mir aussprach ; aber weit über eine solche nächste Veranlassung hinaus ruhte der eigentliche Grund zu diesem Schritt in ihrer ganz auf Barmherzigkeit und Liebe gestellten Natur . Sie war , wie wenige , zum Diakonissendienste bestimmt . In ihrer ersten Jugend schon , so hört ' ich später , nahm sie sich der Armen und Verlassenen an , und wenn sie durch das Dorf ging und die Kinder mit stumpfem Gesichtsausdruck in der Haustür sitzen sah , sagte sie : » Die Kinder sehen aus , als ob sie keine Seele hätten . Wie helf ' ich ihnen ? « Es war wohl ein Erinnern daran , was sie jetzt , nach einem schmerzlichen Erlebnis , unserer Kaiserswerther Anstalt , deren Einrichtung und Dienst sie kennenlernen wollte , zuführte . Noch entsinn ' ich mich des Tages als sie kam . Ich empfing gleich den Eindruck von ihr , etwas so Lieblichem noch nie begegnet zu sein , und wurde nicht müde , sie anzusehen . Auch weiß ich noch , daß ich in allen Briefen an die Meinigen immer nur von ihr erzählte , trotzdem sie noch kein einzig Wort zu mir gesprochen hatte . Sie trat als Pensionärin ein , beschränkte sich jedoch nicht , wie diese sonst zu tun pflegen , auf Krankenpflege , sondern griff überall ein ; sie nahm teil an den Stunden der Seminaristinnen , war in der Kleinkinderschule tätig und wirkte mit im Asyl . Ihre Hauptarbeit freilich gehörte den Kranken und hier stand sie bald einzig da . Sie war unermüdlich , daneben freundlich und fröhlich , und schon ihre bloße Nähe beglückte . Nach Ablauf eines Jahres kehrte sie von Kaiserswerth nach Siethen zurück , um daselbst ein Kinderasyl ins Leben zu rufen . Ein in dem reizenden Uetz bei Potsdam befindliches Haus , darin schon zwei Kaiserswerther Diakonissinnen in Tätigkeit waren , sollte zum unmittelbaren Vorbilde genommen werden . Und dies geschah auch . Es war aber ein schweres Beginnen , am schwersten infolge von allerlei Kritik , die das Unternehmen gerade von befreundeter oder doch halb befreundeter Seite her zu erfahren hatte . » Das solle Hilfe sein « , hieß es , » aber es sei keine . Für die Tagelöhner sei nun mal das beste , wenn ihre Kinder auch wieder aufwüchsen wie sie selber aufgewachsen seien . Und was die Mütter angehe , so taug ' es nichts , ihnen die Sorge für ihre Kinder abnehmen zu wollen . « All dies traf um so tiefer , als ihm ein Teil Alltagswahrheit zur Seite stand , aber sie kämpfte treu gegen alle laut werdenden Zweifel an , besonders auch gegen die eigenen , und rang sich immer wieder zu dem schönen Glauben durch , daß sich ihr Wunsch mit dem Willen Gottes vereinige . Ich hatte das Glück gehabt , ihr in den letzten Monaten ihres Kaiserswerther Aufenthaltes näher zu treten , und so kam es , daß sie mich bei sich zu sehen wünschte . Sie schrieb in diesem Sinne von Siethen aus an Pastor Fliedner und ich selbst erhielt einen Brief , aus dem ich hier folgende Stelle gebe : » Nichts ist schwerer , als in Einfalt des Herzens bleiben ; es muß vor allem erbeten werden , und das wollen wir treulich für einander tun . « In diesen wenigen Zeilen spricht sich ihr allereigenstes Wesen aus ; sie hatte von dieser Herzenseinfalt mehr denn irgendwer , den ich kennengelernt , aber freilich zugleich auch die vollkommenste Demut und sah in sich nichts von all dem Schönen und Bevorzugten , das ihr durch Gottes Gnade so reichlich zuteil geworden war . Es war ihr eben Bedürfnis , andere Menschen höher zu stellen als sich selbst , und nichts lag ihr ferner als die Vorstellung , daß sie selber ein Vorbild sei . Ich durfte der an mich ergangenen Aufforderung folgen und traf noch zur Einweihung der Anstalt in Siethen ein . Es war zur Begründung derselben ein Müllerhaus angekauft worden , dessen Besitzer , ein streng kirchlicher Mann , einige Jahre vorher nach Amerika ausgewandert war . Alles gedieh in diesem seinem ehemaligen Heim , und als er nach einiger Zeit davon hörte , schrieb er zurück : » Wie freut es mein altes Herz , daß meine vier Wände nun die Heimstätte für so viel Gutes geworden sind . « Und er rief den ferneren Segen Gottes dafür an . Ich sagte , daß ich noch zur Einweihung eintraf . Diese fand im August statt . Es war ein schöner Tag und der Geistliche sprach über die Wichtigkeit unseres Berufes , und daß dieser » Beruf des Erziehens zu Gott « ein Glück und eine Ehre für uns sei . Von der Gemeinde fehlte niemand und unter den erschienenen Gästen war auch Agnes von Scharnhorst ( eine Cousine Johannas ) und der Verlobte derselben , Baron von Münchhausen . Als Schlußgesang war Johannas Lieblingslied gewählt worden , und während die Kinderstimmen es intonierten , wurde sie , der es galt , tief bewegt und sie weinte lang und schmerzlich . Gedachte sie doch , wie sie mir später in vertraulichem Gespräche mitteilte , nunmehr zurückliegender Tage , deren Schmerz sich ihr in diesem Augenblick erneuerte . Sie nahm eben Abschied von manchem , was ihr lieb gewesen , und erbat sich Kraft und Mut und Ausdauer zu dem Wege