der wollen Se ? ” Eine höhnische Verachtung drückte sich in seinem Ton aus . “ Da drüben . ” Er starrte ihr nach , bis sie hinter der bezeichneten Thür verschwunden war . Das hinkende Kind drängte sich mit Agathe hinein . “ De Krämern is nich da , ” sagte das Kind nun . “ Aber ich möchte Luise Groterjahn sprechen . ” Das kleine Mädchen wies schweigend auf eine innere Thür . Agathe trat in eine schräge Dachkammer . Sie enthielt weiter nichts als ein Bett und einen Holzschemel . Das Licht fiel aus einer Luke in der Decke gerade über die Kranke auf dem Strohsack . Sie lag regungslos , Agathe glaubte , sie schlafe , weil sie den Kopf nicht wendete , als sie eintrat . Doch ihre Augen standen offen und blickten auf die graue Wand am Fußboden des Bettes — wenn man dieses gleichgültige Starren einen Blick nennen konnte . Erst als Agathe dicht neben dem Bett stand und ihre Hand leise und weich auf die des kranken Mädchens legte , als sie herzlich sagte : “ Wiesing , armes Wiesing , ” wandten sich die glanzlosen Augen ihr zu . Agathe hatte sich eingebildet , Wiesing würde sich freuen , sie zu sehen . Aber die Kranke lächelte nicht . Sie weinte auch nicht . Ihre Züge blieben ganz unbewegt . Agathe dachte an ihr rundes Kindergesicht , das gesund und fröhlich in die Welt geblickt hatte . Die Gesundheit war davongewischt — es trug eine leichenhafte Farbe mit grüngelben Schatten um den Mund und um die Augen , und es war sehr abgemagert . Aber das war es nicht , wodurch Agathe so tief erschüttert wurde . Es war die unermeßliche tote Gleichgültigkeit , die darauf ruhte . Sie verwunderte sich , daß dieses Wesen überhaupt noch um Hilfe gerufen hatte . Die Thränen stürzten Agathe vor Weh aus den Augen . Sie beugte sich und küßte das Mädchen auf die Stirn . Dann setzte sie sich zu ihr auf den Bettrand , nahm ihre Hand und liebkoste sie leise . Wiesing ließ alles schweigend mit sich geschehen . “ Dank auch , daß Sie gekommen sind , ” murmelte sie nach einer langen Weile . “ Wiesing — warum hast Du nicht eher geschickt ? ” “ Die Frau Rätin waren so böse . ” “ Ach , das ist ja lange her — das ist ja längst vergessen . ” Agathe wußte , daß sie log . Ihre Mutter war immer noch böse . “ Wiesing — warum bist Du denn nicht wieder in Dienst gegangen ? ” “ Ich war immer schwächlich — das Kleine kam so schwer . Und dann war es immer krank . — — Wir wollten auch heiraten — wenn er mit zwei Jahren loskäme . ” Wiesing schwieg und starrte wieder auf die graue , verschabte , mit Namen und widerlichen Kritzeleien beschmierte Wand . “ Ist er nicht losgekommen ? ” Ein leises Schütteln des Kopfes . Agathe versuchte noch einmal , die Geschichte dieses Lebens zu erforschen . Dann ließ sie davon ab . Es war nutzlose Grausamkeit . Die blassen , von einer trockenen Borke bedeckten Lippen der Kranken blieben fest geschlossen , wie über einem schweren Geheimnis . “ Ist denn die Krämern gut zu Dir ? ” Wiesing entzog Agathe ihre Hand und wandte den Kopf nach der Mauer . Beide Mädchen schwiegen . Draußen schlürfte ein Schritt , die Thür wurde aufgeklinkt , die Krämern drängte sich hastig herein , mit ihr das hinkende Kind mit dem schmutzigen Säugling . “ Ne aber , das gnädige Lämmchen haben sich herbemüht ! Ne aber , Luise , so ' ne Ehre ! Allens habe ich nu besorgt , en ' Sarg für das Engelchen , und der Herr Pastor will dazu beten — es liegt schon auf ' n Leichenhause . — Hier , alles is ufgeschrieben — kein Pfennig zu viel . Morgen soll Dein Kleenes in die Erde kommen . Ach — so ' n Elend . Ne , ich sage jo . ” Sie schneuzte sich in die blaue Schürze . Ein leises Wimmern drang von dem Strohsack her . “ Soll ich Dir einen schönen Kranz bringen für Dein Kindchen ? ” flüsterte Agathe sich zu dem kranken Mädchen niederbeugend . Wiesing öffnete die geschlossenen Lider . “ Ach , Frölen ! ” “ Ja , morgen bringe ich ihn . Verlaß Dich darauf . ” Sie gab der Alten Geld zu Suppe und Wein . Auf dem Rückwege holte sie Blumen . Heimlich in ihrer Stube flocht sie den Kranz . Sie hatte ein schweres , gemartertes Gewissen . Am Nachmittag des folgenden Tages , als sie eben gehen wollte , kam Besuch . Sie wurde bis um fünf Uhr aufgehalten und mußte eine Menge Vorwände suchen , um nur fortzukommen . Eilig schritt sie durch die von einem harten scharfen Ostwind durchblasenen Straßen . Wie früh es schon dunkel wurde . Als sie an der Kneipe im Erdgeschoß des Hauses vorüber wollte , erschienen ein paar Männerköpfe in der Thür . “ Fräulein , kommen Sie rein ! ” schrie man ihr zu . Atemlos lief sie die Treppen hinauf . Oben nahm sie den Kranz aus der Tasche und legte ihn vor Wiesing aufs Bett . Die Kranke sagte nichts , leise tasteten ihre Finger über die bunten Blumen . In den starren blassen Augen sammelte sich ein feuchter Glanz , langsam liefen zwei Tropfen über die grauen Wangen . Die Krämern kam , sobald sie Agathe hörte . Und gleich nachher polterte auch das hinkende Kind herein . Mit einem alten , neidischen Lachen stellte es sich vor Agathe hin und sagte : “ En schenen Gruß von die Herren unten , und das Freilein sollte mal runter kommen und Gänsebraten essen . ” Agathe verstand das Mädchen zuerst gar nicht . Die Krämern mußte das Anerbieten erklären . “