doch viel lieber als der Muhme . « Sie hob den Deckel von ihrem Körbchen , das voll duftender Erdbeeren war . » Ah , liebe Gräfin – Ihr sauberer kleiner Schützling plaudert ja seltsame Dinge aus ! « rief Frau von Herbeck erbittert herüber . » Ich werde die Südfrüchte für die Zukunft wieder unter meinen Verschluß nehmen ; für das gottverlassene Neuenfelder Pfarrhaus sind sie doch wahrhaftig nicht gewachsen ... « Gisela , die bei dem Verrat der Kleinen ein wenig erschrocken nach der Gouvernante hinübergesehen hatte , wurde glühendrot ; trotzdem richtete sie ihre Gestalt hoch auf und maß die kleine , fette , erboste Frau mit einem stolzen Blick . » Wie töricht ist es doch , aus Rücksicht auf die Meinung anderer es zu verschweigen , wenn man recht handelt ! « sagte sie . » Es war meine Pflicht , mich nach dem Befinden des Kindes erkundigen zu lassen und ihm für den Schreck eine kleine Freude zu machen ! ... Weil ich aber Ihren Haß gegen das Pfarrhaus kenne , war ich schwach genug , Ihnen den Schritt nicht mitzuteilen . Ich bin bestraft dafür , ich fühle mich zum erstenmal in meinem Leben tief gedemütigt , denn der Schein der Unwahrheit fällt auf mich ! Ohne daß ich eigentlich Böses gewollt und getan habe , muß ich mich schämen ! « Abermals ergoß sich die Purpurröte über ihr Gesicht . – » Pfui , welch eine häßliche Empfindung ! ... Das soll mir eine Lehre sein , Frau von Herbeck ! Ich werde diese feige Rücksicht fallen lassen und künftig vor aller Welt handeln , wie es meinem Verstand und Herzen gut und recht erscheint ! « Damit war der Gouvernante der Fehdehandschuh hingeworfen , aber sie nahm ihn nicht auf . Wortlos , mit bebenden Lippen richtete sie ihre wehmütig schwimmenden Augen hilfesuchend auf den Minister . Es blieb zweifelhaft , auf welche Seite er neigte ; wohl zuckte ein feindseliger Blick unter den halbzugesunkenen Lidern hervor nach der aufrührerischen Stieftochter ; allein im freien , offenen Walde waren leidenschaftliche Erörterungen nicht am Platze , um so weniger , als auch jetzt eine Frau auf der Wiese erschien . Sie trat zwischen zwei Eichen hervor , hoch und gewaltig , das Urbild eines germanischen Weibes . Den runden Hut am Arm , ließ sie den starkgebauten Kopf mit der breiten Stirne und dem blonden , schlichten Scheitel von Luft und Sonnenschein umfließen . Einen Moment stutzte sie , als sie die vornehme Gesellschaft um den Frühstückstisch sitzen sah , allein über die Wiese weg lief ja der schmal niedergetretene Weg , der Gemeingut war , und die scharfe Verwahrung Seiner Exzellenz gegen jegliche Störung hatte die Frau nicht hören können . Sie schritt demzufolge rüstig vorwärts , die Pfarrerin von Neuenfeld . Ein Zeitraum von über zwölf Jahren lag zwischen heute und jenem verhängnisvollen Weihnachtsabend in der Pfarre ... Die mit jener Stunde auseinandergerissene Kluft zwischen Schloß und Pfarrhaus war seitens der tiefgereizten feudalen Partei unerbittlich offengehalten worden – auf der kleinen Waldwiese standen sich die drei Frauen zum erstenmal wieder gegenüber . Zeit , Mühen und Sorgen hatten wohl einzelne feine Linien in das helle Gesicht der Pfarrerin gezeichnet , aber das Wangenrot war nicht verlöscht , und die edelkräftigen Bewegungen der Glieder hatten nichts eingebüßt an Elastizität und Heftigkeit – kein Wunder ! War doch die gesunde Seele , die sie leitete und beherrschte , dieselbe geblieben ! Am Charakter der Gesamterscheinung waren die zwölf Jahre ebenso spurlos hingeglitten , wie an jenem jungen schönen , frivolen Weibe , dessen schwarze , brennende Augen unersättlich begehrend in die Welt hineinleuchteten . Das waren zwei Gestalten , die in der Frauenwelt zu allen Zeiten vertreten sein werden – jene dritte aber , die kleine , fette Frau dort mit den tiefgesenkten Mundwinkeln und den andächtig schwimmenden Augen , gehörte zu den Erscheinungen , die nur periodisch wiederkehren – ein Typus , der eben nur möglich ist , wenn Kirche und Politik zusammengehen . Die eingefleischte Weltdame , die vierzig Jahre lang das Bibellesen lediglich als Privilegium beschränkter Frauen und der Armut angesehen , die den Choral als etwas » Überschwengliches « verachtet hatte und einen gewissen Höhepunkt der Tugend unausstehlich finden konnte , sie hatte einen wahren Harrassprung im äußeren Bekenntnis gemacht . – Dazu gehörte allerdings viel edle Dreistigkeit , aber die Freunde der » Erweckten « nennen das Inspiration . Eine Frauenseele kann abirren , kann fallen , ohne ganz den Hort der Religion aus ihrer Brust zu verlieren – und dann ist auch sie nicht die Verlorene ; aber ein Weib , das um äußerer Vorteile willen diesen Hort heuchelt , verfällt dem strengsten Richterspruch , denn es treibt frechen Handel mit dem Heiligsten ! ... » Mama , das ist die liebe , schöne Gräfin , die schuld ist , daß ich ins Wasser gefallen bin ! « rief das kleine Mädchen seiner Mutter entgegen . Gisela lachte wie ein Kind , und auch aus den Augen der Pfarrerin strahlte der Humor und die Belustigung über ihr naives Töchterchen – aber sie blieb einen Moment wie angewurzelt vor der jungen Gräfin stehen . Wohl hatte sie das bleiche Gesichtchen des hochgeborenen Kindes zu verschiedenen Zeiten hinter den Glasscheiben des Wagens flüchtig an sich vorüberhuschen sehen – stets hatte sie gemeint , es sei das letzte Mal – , und nun hatte ein einziges Jahr die gebrechliche Hülle zu einer lieblichen Mädchenblume umgewandelt . » Mein Gott , liebe Gräfin « , rief sie , » Sie sind ja die leibhaftige « – nein , und wenn auch die Ähnlichkeit zwischen Großmutter und Enkelin eine wahrhaft staunenerregende war , sie konnte unmöglich dieses jungfräulich holdselige Geschöpf , das so liebreich ihr Kind an der Hand hielt , mit jenem Weibe vergleichen , das einst als Gräfin Völdern in schrankenlosem Übermut , bar aller Zucht und Sitte , taub für die Klage der Notleidenden und unerbittlich und erbarmungslos