nicht genug beschreiben , wie aufopfernd der Doktor sie pflege , wie unsäglich wohl sie sich in der gemüthlichen Fremdenstube fühle , und wie sie bei dem Gedanken schaudere , daß sie doch einmal wieder von da fort müsse . Sie bat Käthe , in die Villa zurückzukehren und ein Buch zu holen , das sie der Tante Diakonus versprochen habe – es sei in Flora ’ s Händen , die es ihr abgeborgt – dabei flüsterte sie der Schwester in das Ohr , sie möge dafür sorgen , daß Flora und die Großmama sie hier nicht allzu oft belästigten . Nicht die leiseste Ahnung hatte sie von dem , was sich gestern Abend an ihrem Bette zugetragen , und daß durch ihre Schuld das so lange schwebende Ungewitter zum furchtbaren Ausbruch gekommen sei . Käthe konnte ihr kaum in die Augen sehen ; sie atmete auf , als die Kranke schließlich die Bitte um das Herbeiholen des Buches erneute und sie beauftragte , auch noch Verschiedenes aus ihrem Schreibtische mitzubringen , zu welchem Zwecke sie ihr die Schlüssel einhändigte . Nach einer Stunde kehrte das junge Mädchen in die Villa zurück . Sie war ganz erfüllt von dem beängstigenden Eindruck , den ihr Henriette gemacht hatte ; das Krankengesicht mit der totenhaft wächsernen Blässe und den eingesunkenen Zügen verfolgte sie und machte sie tieftraurig . Deshalb fuhr sie auch , im Innersten verletzt , zurück , als sie , die Treppe zur Beletage hinaufsteigend , schräg durch die offene Thür des Wintergartens den brillant hergerichteten Frühstückstisch mit seinem blinkenden Geschirr voll köstlicher Leckereien überblickte . Den ganzen Marmorfußboden des maurischen Zimmers bedeckte ein ungeheurer dicker Smyrnateppich ; für warme Füße war gesorgt , und für heiße Köpfe auch – letzteres durch die auserwählten Flaschen aus dem Turmkeller . Käthe suchte in Henriettens Zimmer Alles zusammen , was die Kranke zu haben wünschte , und ging wieder hinab , um der Präsidentin pflichtschuldigst guten Morgen zu sagen . Ihre Tritte verhallten in dem weichen Treppenläufer ; sie wurde nicht gestört von den zwei Bedienten , die unten im Korridor standen und von denen der eine ein Packet in der Hand hielt , welches der Briefträger eben gebracht hatte . „ Zum Kukuk auch , da kommt das Packet zum dritten Mal zurück ! “ fluchte er und kratzte sich hinter den Ohren . „ Ich hab ’ die Geschichte satt bis an den Hals . Nun bin ich so freundlich und packe es morgen wieder ein und schreibe eine neue Adresse . Unser Fräulein muß auch denken , man hat auf der Gotteswelt nichts weiter zu tun . “ Er drehte das Päckchen unschlüssig hin und her . „ Am allerbesten wäre das Ding drunten im Küchenfeuer aufgehoben – “ „ Was ist denn darin ? “ fragte der Andere . Ein Haufen Papier , und das Fräulein hat mit ihren langbeinigen Krakelfüßen groß und breit d ’ raufgeschrieben : ‚ Die Frauen ‘ , mag schon ’ was Rechtes sein ! “ er verstummte erschrocken und nahm sofort eine ehrerbietige Haltung an – Käthe kam eben die letzte Stufe herab und ging an ihm vorüber nach dem Schlafzimmer der Präsidentin . Sie wurde nicht angenommen . Die herauskommende Jungfer berichtete , es sei früher Morgenbesuch da , eine Dame vom Hofe . Darauf hin ging Käthe in Flora ’ s Zimmer , um das besprochene Buch zu holen . Sie empfand eine heftige Abneigung , die Schwelle zu betreten ; ihr Herz klopfte fast hörbar vor innerem Aufruhr , und bestürzt erkannte sie in diesem Augenblick , daß für diese Schwester auch nicht ein Funken von Sympathie in ihr lebe . Der ganze Grimm , den sie in der schlaflosen Nacht zu bewältigen gesucht , stieg wieder in ihr auf und nahm ihr fast den Athem . Vielleicht fühlte Flora ähnlich . Sie stand mitten im Zimmer , neben dem großen , mit Büchern und Brochüren bedeckten Tische und sah mit einem sprühenden Aufblick nach der Eintretenden . Ach nein , der Zorn galt jedenfalls dem zurückgekommenen Packet . Dort lag es aufgerissen , und die schöne Empfängerin schleuderte einen ebengelesenen Brief mit einer verächtlichen Handbewegung in den Papierkorb . Fräulein von Giese , das moquante Hoffräulein , hätte das nicht sehen dürfen . Flora ’ s „ kleiner Finger “ hatte sich bezüglich „ der Frauen “ doch vielleicht ein wenig geirrt . „ Du kommst jedenfalls von Henriette , “ sagte Flora und schlug hastig den blauen Umschlag über dem ihr zurückgeschickten Manuscript zusammen . „ Es geht ihr ja recht gut , wie ich höre ; ich habe schon um acht Uhr hinübergeschickt und mich erkundigen lassen . Moritz ist nicht recht klug ; er jagt mich mit einem Billet , das er noch in der Nacht geschrieben hat , in aller Frühe aus dem Bette , damit ich rechtzeitig Toilette mache , weil er à tout prix der Großmama und mir vor dem Frühstück seine Gäste vorstellen wolle . Als ob das Heil der Welt von dieser Vorstellung abhinge ! Die Großmama wird darüber gerade auch nicht sehr erfreut sein . “ Sie sah reizend aus . Man sagt , daß der Mensch sich unbewußt nach seiner Stimmung kleide , demnach mußte Flora ’ s Erwachen heute ein überaus frohes und heiteres gewesen sein ; denn die ganze schlanke , schöne Gestalt erschien wie in ein leuchtendes Aetherblau getaucht . Selbst in den zierlich gekräuselten Locken steckte eine glänzend blaue Atlasschleife . Mit dem Arbeitszimmer harmonierte freilich diese Toilette schlecht ; es sah heute , wo der strahlend goldene Tag draußen lag , so düster und unwohnlich wie möglich aus und war allerdings weit eher ein passender Hintergrund für einen menschenscheuen Stockgelehrten , als für diese duftig blaue Fee . Aber auch der Gesichtsausdruck der schönen Dame paßte nicht mehr zu den gewählten Farben ; sehr üble Laune und eine kaum zu verbergende Niedergeschlagenheit guckten aus allen Winkeln und Linien ihrer Züge . Ueber die