von der Decke herabhing . » Arme Liesel ! « flüsterte sie . Dann machte sie eine Bewegung , als wollte sie das Blättchen zerreißen , und hielt wieder inne . Eine heiße Blutwelle stieg ihr zum Kopf , sie holte schwer Atem . In dem Räume lag noch die Schwüle des Tages und durch das offene Fenster strömte der süße berauschende Duft blühender Linden , berauschend wie die Sehnsucht , die das Herz des Mädchens erfüllte . Sie wollte glücklich werden um jeden Preis , auch um den größten ! Mit bebenden Fingern faltete sie den Brief so klein wie möglich zusammen und schloß ihn in eine goldene Kapsel , die sie am Halse trug . » Nur für den Notfall ! « flüsterte sie noch einmal und verbarg die Kapsel . 17. Fräulein Lindenmeyer schüttelte verwundert den Kopf unter der rotbebänderten Haube . Merkwürdig , was aus dem sonst so verlassenen Paulinental geworden war ! In den Waldwegen leuchteten helle Damenkleider auf und schollen fröhliche Stimmen , es schien , als habe die ganze Stadt sich gerade diese Gegend zu ihren Sommerausflügen ausgewählt . Eine Menge eleganter Wagen fuhr seit kurzer Zeit vorüber , und in Xleben war kein Ei mehr zu haben . Alles ging nach Brötterode , dem kleinen Bade , eine halbe Stunde vom Eulenhause , wo , wie die Frau Försterin sagte , die fremden Herrschaften in diesem Jahre nur so wimmelten . Jede noch so kleine Wohnung sei vergeben und der Wirt in der » Forelle « zum Platzen hochmütig geworden , er habe zwei Grafenfamilien im ersten Stock , und im Hinterhause wohne eine Frau von Steinbrunn mit zwei Töchtern , alle hätten eigene Wagen mit und das sei ein ewiges Gefahre nach Altenstein und nach Neuhaus . – Ja , der ganze Hofschwarm war den fürstlichen Herrschaften nachgezogen , man fand in diesem Sommer in den höchsten Kreisen der Residenz die heimischen Gebirge unvergleichlich schön , es war einmal etwas anderes als die Schweiz oder Tirol , als Ostende oder Norderney . In dem einfachen Speisesaal des Brötteroder Gasthofes , wo die Bilder des Herzogs und der Herzogin in wahrhaft empörendem Farbendruck die getünchten Wände zierten , wo man auf tannenen Stühlen an schmalen Tischen saß , trockenen Rinderbraten und Backpflaumen als Kompott aß und zweifelhaften Rotwein trank , herrschte trotz alledem eine angeregte Stimmung . Hatte man doch Aussicht auf Picknicks im Walde , auf Krocket und Lawn-Tennis im Altensteiner Park . Die Herzogin sollte sogar von einem Gartenfest gesprochen haben , einem Kostümball im Mondschein unter den Eichen des Schloßgartens . Es versprach diese Sommerfrische nach allen Seiten hin eine ganz ungewöhnliche zu werden . Außer allem anderen war es auch schon höchst interessant , diese romantische Freundschaft Ihrer Hoheit zu der schönen Klaudine zu beobachten . » Neulich hat man sie in ganz gleichen Kleidern gesehen « , berichtete Frau von Steinbrunn . » Verzeihung ! Das ist nicht der Fall . Die Herzogin trug rote Schleifen , Klaudine von Gerold blaue « , ereiferte sich ein junger Offizier in Zivil , der seinen Urlaub anstatt in Wiesbaden hier verlebte . » Die Herzogin soll sie ja förmlich mit Schmuck und Kostbarkeiten überhäufen , sie sind den ganzen Tag beisammen , lesend , plaudernd und spazieren gehend , wahrscheinlich dichten sie auch miteinander . Prinzeß Helene hat vorgestern zu Isidore von Moorsleben gesagt , sie nennten sich > du » Nicht möglich ! Unglaublich ! « » Die Gerolds haben eigentümliches Glück ! « » Was sagt Seine Hoheit dazu ? « fragte plötzlich die kecke Stimme eines jungen Diplomaten . Die alte Exzellenz mit weißem Scheitel und würdevollem Gesicht am oberen Ende der Tafel räusperte sich vernehmlich und schüttelte mißbilligend das Haupt . Man sah sich lächelnd und vielsagend in die Augen , trank schweigend seinen Wein aus , reichte längst zurückgewiesene Kompottschüsseln noch einmal herum , die weibliche Exzellenz begann nach einer Pause vom Wetter zu sprechen . Ein paar Gräfinnenmütter erfaßten mit einem Blick auf die Töchter begierig das neue Thema , » ob man es wagen dürfe , auf die hohe Warte zu steigen , einen der beliebtesten Aussichtspunkte der Umgegend ? « – Und als die Tafel aufgehoben war , traten die älteren Damen zusammen und flüsterten und zuckten die Achseln und hielten die Taschentücher vor den Mund und lächelten dahinter . Bis jetzt war es noch nicht gelungen , sich mit eigenen Augen zu überzeugen , denn bis zu diesem Augenblick hatten sämtliche um das Befinden der hohen Frau besorgte Herren und Damen sich damit begnügen müssen , ihre Namen in das Buch einzutragen , das in einem Saale zu ebener Erde des Altensteiner Schlosses auslag . Aber man hörte doch dieses und jenes , man vermutete , man kombinierte . Man war so neugierig auf den nächsten Donnerstag , denn daß die fürstlichen Herrschaften auf dem Feste des Baron Gerold erscheinen würden , ließ sich mit Bestimmtheit annehmen , man erwartete sogar ganz sicher , an diesem Tage eine große Neuigkeit zu hören , nichts geringeres als die Bekanntmachung einer längst erwarteten Verlobung . Ja , es konnte interessant werden ! Und während aller dieser Vermutungen , während aller dieser Erwartungen lebte man auf Neuhaus und Altenstein scheinbar in aller Ruhe weiter . 18. Prinzeß Helene saß im Neuhäuser Garten und neben ihr stand das elegante Kinderwägelchen der kleinen Leonie . Ihre Durchlaucht spielte noch immer die zärtliche Tante in der stürmischen Art , wie sie alles auffaßte , was ihr durch das Köpfchen schoß . Sie schleppte die Kleine überall mit herum , sie bemühte sich mit unermüdlicher Ausdauer , ihr geliebtes Nichtchen das Wort » Papa « zu lehren , doch die scheuen schwarzen Kinderaugen sahen sie zwar groß an , aber das trotzige Mündchen blieb geschlossen . Sie wußte nicht , daß selbst das jüngste Kind schon in den Zügen zu lesen versteht , und die Ungeduld und Leidenschaft , die aus den Blicken der Prinzessin sprühten ,