? Da trat Johanna ' s trauerndes Bild mir vor die Seele , und hoffend von ihr oder über sie etwas zu erfahren , riß ich den älteren Brief schnell auf . Das Schreiben war nur eine halbe Seite lang und ebenfalls von der Hand des Oberstlieutenants . Etwas enttäuscht wendete ich mich dem durch die Fugen der Jalousien hereinfallenden Lichtstrahl zu und las : » Der Würfel ist gefallen ; Du bist abtrünnig geworden und ich kann , ohne meinem Könige die Treue zu brechen , keine Gemeinschaft mehr mit einem Hochverräther halten . Einen Mord hätte ich Dir verziehen , allein daß Du mit zu den Häuptern der Umsturzparthei gehörst , verzeihe ich Dir niemals . Hinter meinem Rücken , während ich Dir vielleicht mit väterlicher Zuneigung die Hand drückte , hast Du gegen unsere hohe Landesregierung conspirirt . Du erleidest jetzt die Strafe für Deinen Verrath , für welchen Dein Leichtsinn nicht einmal eine Entschuldigung ist . Meiner Vormundschaft über Dich , die ohnehin nächstens abläuft , werde ich mich baldmöglichst entledigen und Dir den Rest Deines Vermögens zur Verfügung stellen . Es soll mich freuen , wenn die paar hundert Thaler dazu dienen , Dir die wohlverdiente Strafe zu erleichtern . Werker , Oberstlieutenant und Oberförster . « » Kein Wort über Johanna , « sagte ich erschüttert , indem ich den Brief , dessen Inhalt mich übrigens nicht im Mindesten überraschte , wieder zusammenfaltete . Da fiel ein schmaler Papierstreisen , der zwischen den beiden Blättern des Bogens verborgen gewesen , lustig um sich selbst herumwirbelnd , vor mir auf die Erde . Hastig griff ich nach demselben , und ich glaubte meinen Äugen nicht trauen zu dürfen , als ich Johanna ' s zierliche Schriftzüge erkannte . Offenbar hatte sie , da ihr das Schreiben untersagt worden war , den Papierstreifen heimlich in den schon versiegelten Brief hineingeschoben , um mir wenigstens ein Lebenszeichen von sich zu geben . Meine Hand bebte bei dieser Entdeckung , und längere Zeit dauerte es , bis ich die vor meinem umflorten Augen in einander verschwimmenden Buchstaben von einander zu trennen vermochte . » Gustav , ewig und innig geliebter Gustav , habe Vertrauen zu Deiner Johanna ! Sage mir , wie ich Dir helfen kann , und sollte es mich das Leben kosten , beglückt gebe ich es hin , wenn es zu Deiner Rettung dient . Ich fühle mich stark und gesund , ich weine nicht mehr , aber Tag und Nacht sinne ich auf Mittel , Dich wiederzusehen , an Deinem treuen Herzen zu ruhen . Gott segne und beschütze Dich ! ewig , ewig unveränderlich Deine Johanna . « » Nicht einmal den leisesten Vorwurf hast Du edles Mädchen für mich , « seufzte ich , und von wildem Schmerz überwältigt sank ich auf mein Lager hin . Thränen entstürzten meinen Augen ; obwohl ein Mann , weinte ich , wie in meinen ersten Kinderjahren , ich weinte so lange , bis ich leine Thräne mehr hatte und die Erschöpfung meine Geisteskräfte förmlich lähmte . » Keinen Vorwurf , keine Klage , sondern nur Liebe , reine , rücksichtslose , hingebende Liebe , « wiederholte ich unablässig . » O , es ist die härteste Strafe , die mich hätte treffen können , « fuhr ich in Gedanken fort , › ich fühle mich stark und gesund , ich weine nicht mehr , ‹ » ach , welche Welt voll Jammer und Schmerz liegt in diesen Worten ! Und ich , ich allein habe Alles verschuldet , habe das arme vertrauensvolle Mädchen mit mir in das Verderben hinabgerissen ! « Dann gedachte ich der Unglück verheißenden Worte meines Vormundes : » Die Sünden der Eltern werden heimgesucht an den Kindern bis in ' s dritte und vierte Glied , « dann wieder der Weissagung der Irrsinnigen , um den Eindruck des Vorhergegangenen abzuschwächen ; aber es gelang mir nicht . Ich vergegenwärtigte mir die krankhafte Röche auf Johanna ' s Wangen , ihren zarten Körper , ihr leicht erregbares Gemüth , und immer schwärzere Ahnungen tauchten vor meiner Seele auf . Ich kannte sie ja hinlänglich , um zu befürchten , daß ein so schwerer Schlag ihre Gesundheit vollständig untergraben , sie an den Rand des Grabes bringen könne . Doch der Leidensbecher , der mir an diesem Tage dargereicht worden , war noch nicht bis auf die Hefe geleert . – Lange dauerte es , bis ich es über mich gewann , auch den zweiten Brief zu erbrechen . Derselbe war ebenfalls von meinem Vormunde aber zwei Monate später geschrieben . Vorsichtig faltete ich ihn auseinander , ihn erwartungsvoll von allen Seiten betrachtend ; kein freundlich tröstender und doch auch wieder so viel Jammer erzeugender Papierstreifen fiel mir entgegen . Johanna hatte also keine Gelegenheit gefunden , mir ein Wort der Liebe zukommen zu lassen . Mechanisch richtete ich meine Blicke auf die bekannten Schriftzüge , aber nach Lesung der ersten Worte fühlte ich bereits , daß ich erbleichte und mir das Blut in den Adern stockte . » Unglücklicher , « begann der Brief , » nicht genug , daß Du schwarzen Verrath an König und Vaterland begingst und dadurch Deinen Vater im Grabe entehrtest , hast Du auch als Schurke an mir und meiner armen Johanna gehandelt ! Im Vertrauen auf die Ehrenhaftigkeit Deines Charakters machte ich Dir über Johanna ' s Eltern die umfassendsten und genauesten Mittheilungen . Anstatt , Deinem gegebenen Worte getreu , das tiefste Stillschweigen über Alles , was Johanna ' s Vergangenheit betrifft , zu bewahren , hast Du Mittel und Wege gefunden , ihr nicht nur das traurige Ende ihres Vaters bis in die kleinsten Einzelheiten zu schildern , sondern sie auch über den Lebenswandel ihrer Mutter aufzuklären ! Wahnsinniger , weißt Du , was Du gethan hast ? ! Du hast den ersten Nagel in den Sarg meiner armen Nichte geschlagen ! Versuche es nicht , Dich zu entschuldigen ; außer Dir und meiner