an Angelikas lieblicher Entrüstung weidend . „ Ja , ich habe sie auch gescholten “ , sagte Möllner , „ weil sie sich ’ s nicht abgewöhnen kann , um die Hunde und Kaninchen zu jammern , an denen ich operiere ! “ „ Du tatest Unrecht , sie darum zu tadeln , es freut mich , daß sie mitleidig ist . Weine Du nur um die geplagten Hündchen , mein Kind , meinetwegen auch um die armen Frösche , die noch viel mehr erdulden müssen . Was geht es Dich an , wozu das gut ist ! Ich will nicht , daß Du nach der Gelehrsamkeit Deines Bruders oder Gatten schmeckst , wie das Wasser , das man aus einem ungespülten Weinglase trinkt , nach Wein . Du bist mir so , wie Du bist — gerade recht und anders will ich Dich nicht . “ Er schlang seinen Arm wie eine eiserne Klammer um Angelika und schmiegte seinen borstigen Kopf an sie . „ Ums Himmelswillen — Mama , schaffe mir Angelika hinaus , “ rief Johannes lachend , „ wenn der Mensch seine Frau bei sich hat , ist nichts Vernünfti ­ ges mit ihm zu sprechen . “ „ Hier bleibt sie ! “ sagte Moritz bestimmt . „ Was ist denn überhaupt so Wichtiges zu beraten , die Hart ­ wich will bei uns hören , — nun , wer wird mit solch einer Närrin viel Umstände machen — gebt ihr keine Antwort , und damit fertig ! “ „ Gemach , gemach , junger Kollege , “ rief der alte Heim sehr ernst , während Moritz , Angelika bei der Hand haltend , ein Glas Wein schlürfte . „ Lesen Sie erst einmal diese Schrift durch , die das Mädchen heute an mich schickte , und die , ich will ’ s nur ausplaudern , Möllner so fesselte , als ich sie ihm nach dem Kolleg gab , daß sie sein langes Ausbleiben verschuldete . Das Praktikum war längst zu Ende , als wir uns hier versammelten ! “ Ein leichtes Rot überflog Johannes Gesicht und er reichte Moritz die Schrift . Dieser las den Titel : „ Die Reflexbewegung in ihrem Verhältnis ; zur sittli ­ chen Freiheit ! “ 14 „ Donnerwetter , das ist ein guter Einfall , wenn sie ihn selbst gehabt hat ! “ — „ Das hat sie — dafür verbürge ich mich ! “ rief Heim mit Wärme . „ Das ist philosophisch und physiologisch gleich interessant , “ sagte der Philosoph Taun zu Herbert , welcher frostig die Achseln zuckte . „ Laßt sehen , ob der Inhalt dem Titel entspricht , “ brummte Moritz und blätterte in dem Manuskript . „ Lesen Sie den Herren Einiges daraus vor , “ sagte Heim , und Moritz schlug die nächste beste Stelle auf und las : „ Meiner Ansicht nach besteht der Man ­ gel an äußerer Selbstbeherrschung in einer zu schwa ­ chen Tätigkeit der Hemmungsnerven gegenüber der Tätigkeit der Bewegungsnerven , denn das Bestreben , sich selbst zu beherrschen , ist gewissermaßen ein Wettkampf der Hemmungs- und der Bewegungsfasern um die Herrschaft . Ist der Reiz , der auf die letzteren geübt wird , stärker als der Willensimpuls , der die ersteren in Bewegung setzt , dann vollzieht sich die Reflexbewegung trotz des sogenannten „ besten Willens “ — sei diese nun ein Zusammenschrecken , ein Gähnen , ein Lachen oder Weinen zur unpassenden Gelegenheit , ein Schrei , ein Zucken des Zornes oder gar ein Schlag gegen den Gegenstand , von dem der Reiz zum Zorn ausging . “ Moritz unterbrach sich lächelnd : „ Sie hat den Kuß vergessen , der auch unter Umständen nur eine Reflexbewegung ist : nämlich , wenn man nicht küssen will , nicht küssen sollte und doch nicht anders kann , “ damit zog er Angelikas Kopf zu sich nieder und küßte sie so ungestüm , daß sie ihr Gesichtchen wie in Purpur getaucht wieder erhob und in lieblicher Beschämung zu ihrer Mutter eilte , welche mit einer Arbeit still am Fenster saß . Die Herren lachten und Moritz sah ihr nach mit einem Blick voll Mutwillen und flammender Zärtlichkeit . „ Es ist übrigens sonderbar , daß die Hartwich , während sie die Reflexe des Schreckens : das Zusam ­ menfahren , des Schmerzes : das Weinen , der Lange ­ weile : das Gähnen , des Zornes : das Schlagen u.s.w. nennt — nicht auf den Gedanken kommt , daß es auch Reflexbewegungen der Zärtlichkeit gibt ! “ bemerkte der junge Hilsborn . „ Nun “ , meinte Moritz lachend , „ sie wird wohl keine Gelegenheit gehabt haben , Beobachtungen darüber anzustellen ; sie wird , wie alle Blaustrümpfe , so häßlich sein , daß ihr noch Niemand Zärtlichkeiten erwies . “ „ Häßlich ist sie nicht , “ fuhr Johannes heftig auf . „ Das ist recht voreilig gesprochen , die Hartwich könnte Anbeter genug haben , wenn sie wollte . “ Moritz drehte sich rasch nach Johannes um , dem er halb den Rücken gekehrt hatte und starrte ihn an , als ginge ihm ein besonderes Licht auf . „ Was Teufel , Johannes , Du kennst sie ? Ah so — nun ist mir das Interesse klar , das Du an ihr nimmst . Na , da kannst Du ihr ja zu den versäumten Studien verhelfen . “ „ Das wird gewiß ein höchst interessantes Kolleg , bei dem ich auch zuhören möchte ! “ schaltete Herbert ein . „ Spottet nur , “ sagte Johannes ruhig — „ mich mögt ihr verhöhnen , so viel Ihr wollt , die Hartwich aber laßt aus dem Bereich Eurer Scherze , hörst Du Moritz ? Und Sie auch , Kollege Herbert — Sie können sich ’ s auch merken ! Die Person des Mädchens gehört nicht hierher , sie geht uns nichts an — wir haben es hier nur mit ihren Fähigkeiten zu tun