schrie sie auf . » Es wird ein so elendes Dasein ! « » Wer nicht gern und freudig etwas will , soll es lieber lassen , und wen es zum Gebet nicht drängt , der soll die Hände nicht falten . « Und Frau Rosa wandte sich kurz zum Fenster , setzte sich in ihren Sorgenstuhl und ergriff das Andachtsbuch . Sie überließ Trudchen sich selbst und las halblaut ein Kapitel zur Morgenandacht . Die Worte schlugen wunderbar an das Ohr der Kämpfenden : » Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht – « klang es durch das Stübchen . 248 » Die Liebe ist langmütig und freundlich . Und sie erträgt alles , sie glaubet alles , sie hoffet alles und duldet alles . « Hatte sie denn die Liebe nicht , die wahre Liebe ? Ach , Glaube – Liebe – wie sollen sie bleiben , wenn man so grausam betrogen wird ! Und das Haus stand vor ihren Blicken , das einsame traurige Haus am Waldesrand , und das Leben der letzten Wochen , so furchtbar öde und leer . Und die » Liebe erträgt alles , und sie hoffet alles « – heißt es . » Amen ! « sagte Tante Rosa laut . Und Heidchen kam herein , und die junge Frau fühlte plötzlich ihre Hände heruntergezogen , und durch die Tränen in ihren Augen sah sie , wie die Kleine lächelnd das Schlüsselbund vom Gürtel hakte und es ihr entgegenhielt . » So gut ich es verstand , habe ich Ordnung gehalten « , sprach sie , » aber so ganz recht wird ' s wohl nicht alles geworden sein , Sie dürfen mir nicht zürnen . « Sie fühlte die Schlüssel in ihrer kraftlosen Hand . Hatte sie sich nicht bis in den Staub gebeugt ? – » Die Liebe ist langmütig und freundlich , die Liebe eifert nicht « , sprach etwas in ihrem Herzen . » Ich will ihm vergeben « , sagte die junge Frau laut . Aber ihr Antlitz war blaß und starr . » Vergeben mit den Augen ? « fragte Tante Rosa . » Und was dann ? Daß Sie ihm weniger glaubten wie einem ausgesprochenen – na , er ist tot , Gott 249 verzeihe ihm – wie einem Menschen , der Ihnen völlig fremd war ? Nein , kleine Frau , fassen Sie das Herz zusammen und gehen Sie hinauf zu Ihrem Franz , und – « » Ich zu ihm ? « klang es schneidend durch das Stübchen . – » Ich ? « Klirrend fiel das Schlüsselbund zur Erde . Mit bebender Hand riß sie das Kleid vom Stuhle , das sie gestern getragen hatte , und nahm aus seinen Falten die Börse , die den Zettel , den schrecklichen Zettel barg . Ein Weilchen hielt sie das Stückchen Papier in der Hand , dann reichte sie es stumm der alten Dame . » Ich will nicht gar so kindisch trotzig vor Ihnen erscheinen « , sagte sie dazu . Tante Rosa schob die Brille zurecht und las . Es flog wie ein Schreck über die Züge – nun wie ein Lächeln . Mit unendlicher Verlegenheit sah sie dann in Trudchens Gesicht . » Heidchen « , rief sie , » du kannst Zeuge sein , ich war immer die ordentlichste Person mein Lebtag ! « » Ja , Großtantchen , das muß dir der Neid lassen . « » Und um vorige Weihnacht ist es mir passiert , daß ich einen Brief verlegte . An Linden war er , von Wolff . Vier Tage lang haben wir ihn gesucht wie eine Stecknadel . Warte , das war am zweiundzwanzigsten Dezember – fort war der Brief , und am sechsundzwanzigsten da hebe ich zufällig mein Fensterkissen auf , und da liegt das Ding . Wer war 250 froher als ich ! Da blieb ich auf bis spät in die Nacht – Linden war bei Baumhagens in Gesellschaft – und wie er endlich kommt , gebe ich ihm den Brief , und er steckte ihn achtlos in die Tasche und sagte : › Tante Rosa , Sie sollen ' s zuerst erfahren , vorhin habe ich mich verlobt . ‹ Und in seiner Herzensfreude nahm er mich in die Arme , als wäre ich nochmal achtzehn Jahre . Sehen Sie , und das – « sie schlug mit der rechten Hand gegen das Zettelchen – » das ist ein Fetzen von dem Brief , kleine Frau , es stimmt ja ganz genau mit dem Datum ! « Trudchen war schon bei ihr . » Ist es Wahrheit ? « kam es bebend von ihren Lippen . Die alte Dame nickte . » Wahrheit ! « bestätigte sie . » Rufe mal die Dore . Sie hat damals mitgesucht nach dem Briefe und sich dabei eine gehörige Bruse an den Kopf gestoßen , als sie den Schrank abrücken wollte . « Aber Trudchen wehrte ab . Sie stand noch ein Weilchen stumm , den Kopf gesenkt , Röte und Blässe in raschem Wechsel auf dem Antlitz . Dann ging sie auf die Tür zu , und im nächsten Augenblick war sie verschwunden . Unhörbar schritt sie die Treppen hinauf , und das alte verdrießliche Gefüge schien die kleinen Füße zu verstehen , die so behutsam auftraten , und wagte nicht wie sonst , zu knacksen und zu knarren . Mäuschenstill war es im ganzen Hause . Der Korridor stand noch im Dämmerschein , und die alten Bilder 251 an der Wand sahen schläfrig herunter zu dem jungen Menschenkinde . Die Dielenuhr aber sagte ihr bedächtiges Tack ! Tack ! Das klang so wundersam in Trudchens Ohren , als sie zögernd an der braunen Zimmertür stand und den Messingdrücker faßte . Tack ! Tack ! Wie die Zeit läuft ! Nicht eine Minute sollte man zögern , wenn man etwas gutzumachen hat . Eine jede Minute ist ihm genommen