aber Hilgendorf – Hilgendorf ! Wie nach einem Halt suchend , umfaßte sie die Hand des Oberamtmanns fester . » Hilgendorf ! « seufzte sie leise – – . Vor der Gitterpforte erschien einige Sekunden später ein junges Paar und blieb nun seinerseits sprachlos stehen , denn da drüben unter der mächtigen Kastanie küßte eben der Oberamtmann Bartenstein die gestrenge Mama ! Es sah ganz ernsthaft und feierlich aus , wie der große Mann dann so ritterlich und zart sich auf die Hand der hübschen Frau hinunterbeugte . Im nächsten Augenblick waren die Schelme wieder verschwunden hinter der deckenden Mauer , und sie hielten sich übers Kreuz bei den Händen , und den Oberkörper zurückgebogen , wirbelten sie nach Art der Kinder , die dieses Spiel » Mühleziehen « nennen , in einer wirklich kindlichen Ausgelassenheit umher ; sie hätten nicht anders gekonnt , sie wären sonst erstickt an ihrem stummen Jubel . Atemlos saßen sie dann nebeneinander , und der junge Mann zappelte noch immer mit den Beinen und focht mit den Armen und krümmte sich , als ob er die entsetzlichsten Schmerzen hätte , 244 alles ganz lautlos und mit dem lachendsten Gesicht der Welt . » Wer hat nun recht ? « flüsterte er endlich dicht an ihrem Ohr und sah Röschen an , die vor unterdrücktem Kichern ganz rot geworden war , » wer hat nun recht ? « wiederholte er , diesmal mit einem Kuß . Und sie brachte nun ebenfalls den Mund an sein Ohr : » Du mußt heute mit Mama sprechen , Fritz , heute noch , da kann sie nicht nein sagen , sie hat ja ihr Hilgendorf wieder . Und dann bleibe ich bei Tante Lotte , bis du mich holst , denn Mama darf mich jetzt nicht behalten , « meinte Röschen nachdenklich . » Bis ich dich hole ? Und was meinst du denn , wann das ist ? Denkst du , ich will den ganzen Winter hindurch in der einsamen Oberförsterei sitzen ? Von hier aus trete ich ja mein Amt schon an . « » Ja , das dachte ich , Herr Oberförster , « flüsterte sie neckend . » Weißt du was ? Wir schlagen Mama vor , mit uns am selben Tag Hochzeit zu machen , dann kann sie dich behalten , bis wir alle miteinander in die Kirche fahren : so umgeht sie die fatale Bestimmung im Testament , die ihr so vielen Kummer gemacht hat . « » Bist du gescheit ! « lobte sie , » und deine gute Mutter kommt mit zu uns ! « Er wurde auf einmal gar ernsthaft . » Du lieber Schatz , « sagte er gerührt . Am Abend desselben Tages saß Tante Lotte ganz allein in ihrer Giebelstube und wunderte sich , daß der Junge , der fast im nämlichen Augenblick , da er angekommen , nach Hilgendorf weiter gefahren war , und auch die Damen noch immer nicht zurückkehrten . Es ging schon auf elf Uhr . Sie war müde , hatte wohl gar ein bißchen geschlafen , da tat sich die Türe auf , und eine Gestalt kam herein . » Lotte , « fragte die Stimme der Frau Amtsrat in der Dunkelheit , » bist du hier ? « » Ja , ja ! Ich sitze am Fenster , « klang es zurück , ein bißchen verwundert über den späten Besuch der Schwägerin . 245 Da kam diese herüber und faßte ihre Hand . » Du bekommst sie ja nun doch , « sagte sie mit gedämpfter Stimme , » sie wird ja nun doch dein Kind , Lotte , – habe sie lieb , den Fritz und sie , ordentlich lieb ! « » Du gibst es zu ? « Frau Lotte schrie es fast . » Ja , Lotte . « 246 » Was , ums Himmels willen , ist denn geschehen , daß du so plötzlich deinen Sinn gewendet hast ? « Frau Amtsrat drückte ihr nur stumm die Hand und ging der Türe zu , und dort blieb sie stehen und murmelte etwas , das klang wie » Hilgendorf « . Dann verschwand sie . Aber Tante Lotte hatte es doch verstanden . » Ach , so ! Hilgendorf ! « murmelte sie . 247 In Erinnerung . Die Jüngste , die kleine launenhafte Blonde , war Braut . Im wunderschönen Monat Mai sollte Hochzeit sein , und eben befand sich die Mutter mit der achtzehnjährigen Braut und der älteren schlanken , recht still gewordenen Tochter Anne Dore in Berlin , um die Ausstattung zu besorgen . In dem kleinen Universitätsstädtchen war solches mit Schwierigkeiten aller Art verknüpft gewesen , fast unmöglich ! So entschloß sich denn der Herr Professor Bodenstedt mit stiller Ergebung dazu , seine noch immer schöne stattliche Frau , die er für gewöhnlich nicht einen halben Tag zu entbehren im stande war , ohne sich todunglücklich zu fühlen , und seine beiden Lieblinge für acht bis zehn Tage zu beurlauben und ihnen obenein noch einen seinen Verhältnissen gemäß recht gut gespickten Geldbeutel mit auf den Weg zu geben . Anne Dore hatte zuerst durchaus bei dem Vater bleiben wollen , aber beide Eltern bestanden auf ihrer Mitreise . Sie bestanden immer gemeinsam auf etwas , wie denn die Kinder sich nicht erinnern konnten , daß Vater und Mutter je vor ihren Augen und Ohren verschiedener Meinung gewesen waren . Und somit reiste Anne Dore in stummer , gleichgültiger Folgsamkeit mit . Wenn die Frau Professor Bodenstedt gemeint hatte , ihre Anne Dore werde in Berlin aufleben oder teilnehmender werden , ihren Kummer ein wenig vergessen können , so wurde sie inne , daß sie sich geirrt hatte . Ihr Mutterherz wurde dadurch nicht froher . Anne Dore 250 hatte bald verstanden , sich von den Damen , die aus einem Laden in den anderen fuhren , loszumachen , und stieg nun in allen Museen umher – » Piksolo « , wie Lori ,