und Wetter über Land fahren , die Nächte von dem warmen Bette aus direkt in eisige Kälte und Sturm hinaus , seine Gesundheit preisgebend . Wo war denn plötzlich all jene sonnige Behaglichkeit geblieben , die ihr bescheidenes Heim so schön gemacht hatte ? – Fortgezogen mit der Aenne , in das unbekannte weite Leben , das Frau Rat nur vom Hörensagen kannte , das sie grausen machte , wenn auch nur die Hälfte wahr von dem war , was man ihr davon erzählt hatte . In ihrem Herzeleid drückte sie das thränennasse Gesicht in die Kissen und erstickte ein Schluchzen , damit ihr Mann nicht erwache , und ein heißes stummes Gebet stieg empor für ihre süße , trotzige , ach , so ferne Aenne . [ 181 ] Ein Frühlingsabend fünf Jahre später ! Die ganze Luft voll Cyringen- und Jasminduft , das zitternde junge Laub der Bäume durchleuchtet vom Abendsonnenschein . Vom Turm der Schloßkirche hebt Geläute an , Pfingstgeläute , und unter seinen Klängen öffnen sich die Augen eines ungefähr vierjährigen Knaben , der auf einem Krankenfahrstuhl ruht , ganz weit und erschreckt . Ein blasses abgezehrtes Kindergesicht , aus dem diese schönen glänzenden großen Augen blicken . Man hatte den Fahrstuhl auf die Terrasse des Schlosses geschoben , in den Schutz des kleinen Pavillons , den einst Heinz Kerkow mit Freskogemälden schmücken [ 182 ] gewollt . Das offenbar schwer leidende Kind war sorgsam mit Decken und Kissen gestützt und eingehüllt , ein geöffnetes Bilderbuch lag auf dem Tischchen zur Seite des kleinen Gefährts neben einem Glase Milch , das noch unberührt stand . Weiter zurück saß auf dem eisernen Gartenstuhl ein Herr vor der Staffelei und malte , oder hatte gemalt , denn die Hand , in der er die Bulette hielt , lag auf seinem Knie , der rechte Arm hing schlaff herunter der Pinsel war zur Erde gefallen . Wie geblendet starrte der Mann hinein in den Zauber dieses Lenzabends . Der Schloßhauptmann von Kerkow war noch ein junger Mann , aber die fünf Jahre , die er seines Amtes hier oben gewaltet , mußten schwere harte Jahre gewesen sein . Er war mager und schmal geworden , auf der Stirn hatten sich ein paar tiefe Falten gebildet und die Augen blickten müde , so müde wie die eines Menschen , der nichts mehr hofft , der abgeschlossen hat mit dem Leben und nur noch bemüht ist , es mit möglichst guter Haltung weiter zu tragen . „ Papa ! “ rief das Kind ängstlich . „ Gleich , mein Junge ! “ rief er aufspringend , und die Palette auf den Stuhl legend , stand er im nächsten Augenblick schon an dem Lager und beugte sich mit besorgtem Ausdruck zu dem kleinen Kranken nieder . Das Kind beruhigte sich sofort und blickte ihn freundlich an . „ Läuten ? – warum ? “ sagte es mühsam . „ Morgen ist ein Feiertag “ , erklärte er , seinen Stuhl herbeiholend und neben dem Kinde Platz nehmend , indem er das magere Händchen streichelte . „ Morgen ist Pfingsten , Heini . “ „ Da fährt Mama aus ? “ Heinz Kerkow nickte seinem Sohne zu , ein finsterer Zug verdrängte einen Augenblick seine Freundlichkeit . „ Ja , mein Junge , sie wird wohl ausfahren . “ „ Du auch ? “ „ Soll ich , Heini ? “ Um den Kindesmund zuckte es schmerzlich . „ Nein , nein ! “ flehte er , „ ich habe immer Angst , wenn ich so allein bin . “ „ Ich bleibe bei dir , Schatz , weine nicht , “ tröstete der Vater . „ Wir erzählen uns schöne Geschichten und nachmittags fahre ich dich in den Park hinein – oder willst du zu Tante Hede ? “ „ Nein , bei dir bleiben – die Kinder sind so unartig . “ „ Nicht unartig , Heini , sie sind wild und toben umher , und das sollst du , so Gott will , auch wieder lernen , kleiner Stift . “ Das Kind schüttelte den Kopf . „ Ich lern ’ s nicht , Papa ! “ „ Oho ! Woher weißt du das ? “ „ Mama hat ’ s gesagt zu Tante Gruber – Papa . “ „ Aber du närrisches Kind , du hast ganz falsch verstanden . “ „ Nein – Mama hat gesagt . er ist ein Krüppel und bleibt ein Krüppel , und alle die Quälerei und Quacksalberei nützt nichts – hat sie gesagt . “ Ueber Heinz Kerkows Gesicht ging eine fahle Blässe . „ Da hat Mama dich nicht gemeint , mein Herzblatt “ du mußt nicht alles auf dich beziehen und nicht so achten auf das , was die Großen sprechen – hörst du ? “ „ Ich will mich aber nicht mehr quälen lassen mit der Maschine , “ beharrte das Kind . „ Wenn du deinen Papa lieb hast , Heini , dann läßt du dich noch ein bißchen quälen . “ Das Kind schwieg . Es lag etwas in seinem abgemagerten Antlitz , das weit über seine Jahre hinausging , ein Hauch bitterster Erkenntnis seines Zustandes . Heinz saß daneben und kämpfte mit seinem großen Schmerz um dieses armselige Geschöpfchen , das sein Sohn war , mit dem Zorn über die Gefühllosigkeit der Frau , die dieses Kind zur Welt gebracht , ein zartes aber gesundes Kind , das durch die Schuld der Mutter zu dem geworden , was es jetzt war . Er ist ein Krüppel , er wird ein Krüppel bleiben ! klang es in ihm . Ach Gott , so entsagungsreich , so arm sein Leben auch war in diesem verschollenen Winkel , er würde es mit Freuden weiterleben , wäre der Junge gesund neben ihm hergesprungen durch die hallenden öden Gänge des Schlosses , durch die einsamen Wege des Parkes – aber so , ach so ! – – Er war mit keinerlei Illusionen